Ausstellung

Er hatte keine Visionen. Er las Zeitung

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Das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin zeigt die wütende Kunst des Wiener Bildhauers Alfred Hrdlicka.

Der Haufen Aufständischer auf den Barrikaden, oder marschierend, in den Straßen drängend, dargestellt in roter Tinte, besagt: Es geht um alles oder nichts. Es sind Szenen vom 18. März 1848. Und von einer Demonstration am 1. Mai 1848. Als Feiertag der Arbeitenden wurde das Datum in Deutschland und auch anderswo in Europa freilich erst 1919 deklariert. Aber darum scherte der Zeichner Alfred Hdlicka sich nicht, wie jetzt in einer Ausstellung im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin zu sehen ist. Er passte den längst weltweit begangenen Kampf- und Feiertag der für die Reichen und Mächtigen schuftenden Klassen einfach rückwärts in die Geschichte ein. Er erinnert an die Aufständischen vom 1. Mai 1856 in Australien und 1886 in Chicago und die dort für viele Demonstranten verhängnisvoll, ja, tödliche Haymarket-Demo.

Die aggressiven 1848er-Szenen sind gleichsam mit Blut gedruckt. Das erinnert an das opferreiche Jahr der bürgerlichen Revolution in Deutschland, die noch keineswegs zur Abdankung der Monarchie führte. Die Aufständischen, in abenteuerlichem Aufzug, neben den Fahnen mit bizarrster Bewaffnung, die eher an den Bauernkrieg denken lässt, erscheinen als Masse, die längst nichts mehr zu verlieren hat. Rasch, entschlossen hat Hrdlicka die Figuren mit der Radiernadel in die Metallplatte geritzt, die Körper-Gerippe lassen an Gestalten aus mittelalterlichen Totentänzen denken: harte Bildhauer-Linien, wie Schläge gesetzt.

Hrdlicka hat zeitlebens, sozusagen bis zum letzten Atemzug und bis zum letzten unverzichtbaren Wasserglas voll Wodka provoziert, genervt, rigoros realistisch ausgedrückt, was er zu sagen hatte. Der unberechenbare Hrdlicka, der nichts erklärt, sondern das Entsetzliche, von dem er hört, das er erlebt, darstellt, verlangte von sich selbst – stur, egomanisch und kompromisslos, kritisch distanziert und hoffnungslos subjektiv – politische, moralische Einmischung in humanistische Belange.

„Ich habe keine Visionen. Ich lese Zeitung!“, das war so ein Statement von ihm, das alles sagte: Unpolitische Kunst gab es für ihn nicht. Man findet im späten 20. Jahrhundert wohl keinen figürlich arbeitenden Bildhauer, der ihn übertraf in seinem schockierend deutlichen Humanismus, in diesem exzessiven Ausdruck für Mord, Terror und sexuelle Brutalität. Vor allem aber zeigte er rückhaltlos das Ambivalente des Menschen: leidend als Opfer, triebhaft im Wesen und oftmals auch Täter aus Überzeugung. Die Devise seines Schaffens fasste Hrdlicka, Freund des Philosophen Elias Canetti („Masse und Macht“) in dem Satz „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleische aus“ zusammen.

Und der Aufschrei war weithin zu vernehmen, als der Wiener Linke 1993 die Idee hatte, den wiedervereinigten Deutschen einen großen, bronzenen „Schreibtischtäter“ vor den Reichstag zu setzen, als mahnende Metapher, in der Form traditionell, im Inhalt rebellisch: „Die Nazis hinterließen Leichenberge. Die DDR hinterließ Aktenberge“, so Hrdlicka. In Teilen des Bundestags kam das als ungeheuerliche Anmaßung an.

Die Wiener wollten das nicht

Noch größer waren schon zwei Jahre zuvor die Erregung und die Abwehr, als der Bildhauer den Wienern 1991 vor ihre Albertina das formal brutale Mahnmal gegen Krieg und Faschismus setzte, ganz unten, auf dem Pflaster, der bronzene alte Jude, der die Straße schrubbt. Rechtsgesinnte wollten nicht daran erinnert werden, wie gleichgültig viele Wiener Bürger sich 1941/42 verhalten hatten, als Hitlers SS die Juden erst demütigten, dann in den Tod deportierten.

Die Welt ist nicht friedlicher, nicht besser, nicht menschenfreundlicher geworden, seit Hrdlicka, der provokante Moralist, nicht mehr da ist. Das besagt postum eine seiner letzten Bronzen, der „Weibliche Torso“. Das Elend und Fiasko „fataler Revolutionen“, wie er es über die Revolutionen von Robespierre zu Stalin und Hitler zu sagen pflegte, steckt in der nackten Gestalt, deren Kopf unter einem Überwurf steckt: Trauer, Angst. Scham?

Die Figur passt wie eine Schwester zu den Trauer-Müttern der Kollwitz. Und es ist, als habe Hrdlicka mit seinen ungestümen Zeichnungen, den papier’nen Szenen voller Grausamkeiten, Perversionen, Gewaltfantasien, den Terror, den Machtmissbrauch, die Kriegsschauplätze von heute vorweggenommen. Als belege er damit, dass es die unbefriedigten Kampfzonen von gestern sind, weil keiner etwas dazugelernt hat, nicht die Machthaber und auch nicht die Regierten.

Käthe-Kollwitz-Museum Berlin: bis 2. Juni. www.kaethe-kollwitz-museum.de

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