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„Er wurde gerne abgetan als ein Luftikus, der an allem schnupperte.“ Hans Magnus Enzensberger, hier bei einer Diskussion 2017.

Enzensberger

Hans Magnus Enzensberger zum 90.: Das Verlangen nach Gespräch gibt es immer bei ihm

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Vor neunzig Jahren wurde der Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und Redakteur Hans Magnus Enzensberger geboren. Wir beglückwünschen uns zu ihm.

Hans Magnus Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren. Er studierte Literaturwissenschaft und Philosophie, arbeitete zunächst als Hörfunkredakteur in Stuttgart und veröffentlicht seit den fünfziger Jahren Lyrik, Essays, Hörspiele und literarische Prosa. Von 1985 bis 2007 war er Herausgeber der Reihe „Die andere Bibliothek“, die er zusammen mit dem Gestalter Franz Greno entwickelt hatte. Unter den zahlreichen Auszeichnungen, die Enzensberger bekommen hat, ist der Georg-Büchner-Preis, 1963. Zu Enzensbergers jüngsten Büchern gehören die Erzählung „Verschwunden!“ (Insel 2014), der Roman „Immer das Geld!“ (Suhrkamp 2015) sowie und die Essay-Bände „Überlebenskünstler. 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“ (Suhrkamp 2018) und „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ (Suhrkamp 2019). Enzensberger hat auch unter Pseudonym veröffentlicht: Zum 90. Geburtstag ist Andreas Thalmayrs „Louisiana Story“ von 1957 bei Hanser in einer illustrierten Fassung herausgekommen.

A. ist ein alter Mann, der Hans Magnus Enzensberger vor mehr als fünfzig Jahren das erste Mal sah. S. eine junge Frau, die nur sein im Mai erschienenes Buch „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ kennt. Sie sitzen in einem Lokal. Sie warten auf A.s Enkel. S. ist dessen Freundin.

S. Ich wollte erst nicht: „... in 89 Nummern“ das ist ein Altherren-Witz. Man sieht die Zunge des Autors, wie sie aus weitgehend zahnlosen Mund kommt und sich über die Lippen streicht.

A.  Enzensberger hat sich zeitlebens aufs Geld verstanden. Ich bin sicher, sein Gebiss wurde von den besten Zahnärzten in Schuss gehalten oder in Ordnung gebracht. Falls dir die „Experten-Revue“ gefallen hat, empfehle ich dir „Immer das Geld! Ein kleiner Wirtschaftsroman“.

S.  Den hast du mir erst vor ein paar Tagen geschickt. Hast du das schon wieder vergessen? Oder soll das ein Rüffel sein? Ich habe ihn erst einmal beiseite gelegt. Mir sind zu viele Bilder darin. Lauter bunte Fotos, dann noch farbige Texte am Rand. Da verschwindet der Roman. Wenn es denn einer ist.

A.  Ich glaube, Enzensberger hat sich Bücher von Umberto Eco angeschaut und wollte auch mal so etwas probieren. Er ist ein großer Probierer. Er setzt sich hin und macht etwas. Dann schaut er es sich an, wirft es weg, beginnt von Neuem.

S.  Er ist Lyriker. Die machen das so. Ich mag die „Experten-Revue“. Ganz kurze Texte: drei, vier Seiten zu ständig wechselnden Themen: Mausefallen, Primzahlen, Herrenschneiderei, Falkner, Heiligenkalender, Uhren, Hemden, das Unendliche, Natriumchlorid... Ein Blog. Zahlen, Daten, Wissen ohne Ende. Aber ganz leicht dabei. Es wird einem ein wenig schwindlig, so kommt man in Fahrt. Alles ganz frisch, von heute. Dabei ist er ein kleines, schwaches Männlein. Ich habe ihn mir auf Youtube angesehen. Hippelig ist er. Unvorstellbar, dass er sein Leben auf einem Stuhl verbracht hat. Er hat gar keinen Hintern dafür.

A.  Er war viel unterwegs, hat in vielen Ländern gewohnt, kann bestimmt ein halbes Dutzend Sprachen und kannte vor dreißig Jahren jeden Autor auf der Welt. Er war in Russland und Kuba, in Schweden und den USA. Es gab in den fünfziger und sechziger Jahren keinen deutschen Autor, der so weltläufig war wie er. Er war damals wohl auf der Flucht vor Deutschland. Ich glaube, ich habe ihn das erste Mal Anfang der 60er Jahre gesehen, da war ich noch Schüler, bei einer Lesung in Darmstadt. Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

S.  Ein Mythos deiner Jugend.

A.  Enzensberger ist ein bundesrepublikanischer Mythos. Das Gegenmodell zur deutschen Literatur jener Zeit. Also extrem auffällig. Grass und Walser lieferten dicke Romane. Enzensberger schmale Gedichtbände und Essays. Er wurde gerne abgetan als ein Luftikus, der an allem schnupperte. Folgte man seinen Empfehlungen und interessierte sich zum Beispiel für die Revolutionäre um Fidel Castro, war Enzensberger schon wieder woanders. Er war immer woanders.

Frankfurter Römerberg, 1966: Enzensberger (r.) spricht anlässlich des Kongresses „Notstand der Demokratie“.

S.  Als ich vorhin von seiner „Experten-Revue“ sprach, sprach ich von Primzahlen, Hemden und anderen Sachen. Dabei ist das Buch ein Buch über Menschen, über Experten. Berühmte und Unbekannte bunt durcheinander. Wer die Namen sucht, dem hilft kein Verzeichnis.

A.  „Mausoleum – Siebenunddreißig Balladen aus der Geschichte des Fortschritts“, eines meiner Lieblingsbücher von ihm, erschien 1975. Da gibt es ganz am Schluss ein Verzeichnis der besungenen Größen von Gutenberg bis Che Guevara.

S.  Wie am Ende der Vorstellung, wenn alle bei einander stehen und sich den Applaus abholen. Wie bei einer Revue. Dass er es bei der „Experten-Revue“ weggelassen hat!

A.Hast du alles gelesen?

S.Es war super. Ich hätte noch mehr lesen wollen über noch Abwegigeres oder noch Wichtigeres. Unsere Leidenschaften stürzen sich, auf was sie wollen. Man hat uns im Geschichtsunterricht beigebracht, dass die Deutschen vor neunzig Jahren Hitler sexy fanden. Ich wundere mich, in wen ich mich alles verliebt habe ...

A.Kein böses Wort über meinen Enkel.

S.Diese „Experten-Revue“ zeigt, dass es nichts gibt, für das sich nicht jemand entflammen könnte. Dem Ganzen ist ja ein Dialog vorangestellt zwischen der Natur und einem Unzufriedenen. Die Experten sind Produkte der Arbeitsteilung und sie treiben sie an. Dass jeder seine Sache macht, hilft dem Betrieb. Ohne die Konzentration auf das Eine läuft nichts. Aber zusammen müssen sie kommen.

A.  Schön gesagt!

S.  Du wieder! Hat Enzensberger auch Dramen geschrieben? Ganze Stücke wie diesen Dialog?

A.  Er hat lange gelebt von Hörspielen, die so gebaut waren. Es gibt Libretti von ihm. Es gibt nur wenig, das er nicht ausprobiert hat. Wir bewundern ihn immer für seine Beweglichkeit, das Umtriebige. Aber er ist auch sehr treu. Diderot zum Beispiel. Den liebt er, und er möchte, dass wir alle ihn lieben. Diese Dialoge hat er ihm abgeschaut. Sie sind klug, wach, aber pointenlos. Mit ihnen ist keine Lachnummer zu machen. So sind auch Enzensbergers Dialoge. Das ist ihre große Schwäche. Aber jetzt bin ich alt genug, um zu begreifen, dass es auch ihre Stärke ist.

S.  Die Entdeckung der Langeweile?

A.  Es ist mehr die Liebe zum Leben. Das läuft nämlich nicht auf Pointen hinaus. Kommt es zu einer, geht es weiter. Menschen unterhalten sich. Sie tun das gerade nicht als Unterhalter. Mal redet der eine. Mal der andere. Mal hören sie zu, mal nicht. Man weiß nicht, wann sie das eine tun und wann das andere. Wann gelingt einem schon einmal ein solches Gespräch? Wann gar in einem Buch, auf einer Bühne?

S.  Hat Enzensberger es geschafft?

A.  Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich. Aber mir fällt tatsächlich gerade keines ein. Ich habe Aufsätze und Gedichte in Erinnerung, aber keinen Dialog. Das Verlangen nach Gespräch gab es immer bei ihm. Das Konversationsstück ist vielleicht einer seiner unerfüllten Träume. Weißt du: Ein paar Herrschaften, auf einem englischen Landsitz oder auf einem russischen Gut oder auch Frau Jenny Treibel, die die ganze Welt durchhecheln – vielleicht hätte er das gerne gekonnt. Manchmal denke ich: Er hat es immer wieder probiert.

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S.  Konversationsstück nennt man auch eine bestimmte Art von Gemälden des 17. und 18. Jahrhunderts – womit wir wieder bei Diderot wären -, auf denen man ein paar Damen und Herren zuschauen kann, wie sie sich unterhalten. Damals ging man zum Beispiel auch in eine Galerie, betrachtete die Gemälde und dann kam die Hauptsache: Man unterhielt sich darüber. Man liebte den Gedankenaustausch.

A.  Hast du das Plakat gesehen „App an. Kopf aus. #appiness“?

S.  Das hast du Dir gerade ausgedacht.

A.  Reklame für eine Park App.

S.  Für den Stillstand. „Kopf an. Happiness“. Das ist die Parole der „Experten-Revue“. Dafür liebe ich sie.

A.Das war, was Enzensberger uns beibrachte: Keine Intelligenz ohne Beweglichkeit. Die Richtung mal ändern. Was ist da drüben? Wie sehen die das? Er hat mir und vielen meiner Generation das Gründeln abgewöhnt. Das Suchen nach einem festen unverrückbaren Boden, auf dem sich sicher bauen lässt. Vernünftig soll es schon zugehen. Aber doch immer mit einer Vernunft, die weiß, dass sie angewiesen ist auf das Unvernünftige, wenn sie vorwärts kommen möchte.

S.  Wo war er unvernünftig?

A.  Er hat sich sehr weit vorgewagt in die revolutionäre Gewalt, auch in den Terrorismus. Es gibt einen Essay von ihm, in dem er die russischen Zarenattentäter beschreibt, der hat Ende der 60er Jahre die erste Generation der RAF inspiriert.

S.  Er hat geschrieben. Nicht geschossen?

A.  Richtig. Wo hätte er aufhören sollen, beim Niederschreiben seiner Vorstellungen über das Zusammenleben der Anarchisten, über ihre Motive und ihre Aktionen? Man könnte auch eine Gegenrechnung aufmachen: Wie vielen, die diesen Text lasen, führte er vor Augen, wie ein Verbrechen zum nächsten kommt? Wie viele hat er abgeschreckt, diesen Weg zu gehen?

S.  Ihr habt damals darüber gesprochen? Wart ihr verrückt?

A.  Selbstverständlich.

S.  Was ist selbstverständlich?

A.  Beides. Irgendwann wirst du auch zurückblicken und merken, dass du in einem völlig falschen Zug gesessen hast. Womöglich mit sehr vielen anderen. Du hast dich wohl gefühlt, warst dir sicher, dass ihr das Richtige tut. Und dann stellt sich heraus: alles verkehrt.

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S.  Enzensberger hat euch da nicht geholfen?

A.  Wir waren nicht so beweglich wie er. Wir waren viele. Er war einer. Wir wollten viele sein. Sein Versepos „Der Untergang der Titanic“ (1978) beginnt mit den Sätzen: „Einer horcht. Er wartet. Er hält/ den Atem an, ganz in der Nähe,/ hier. Er sagt: Der da spricht, das bin ich.“

S.  Aber genau darum geht es doch, dass man selber spricht. Das habt ihr ihm nicht abgeguckt?

A.  Wir wollten nicht horchen und warten. Wir wollten tun. Wir haben zu sehr auf ihn gehört und zu wenig darauf geachtet, was er tat. Er schrieb, er gründete Zeitschriften. Wir taten das auch. Mit deutlich weniger Resonanz. Daneben besetzten wir Universitäten, Plätze, Straßen, Flugbahnen und ich weiß nicht mehr was alles.

S.  Das war doch gut.

A.  Mal ja, mal nein. Jedenfalls ist es nichts, dem ein erwachsener Mensch über Jahre als Hauptbeschäftigung nachgehen sollte.

S.  Ach, hören wir auf damit. Dahinten kommt dein Enkel. Ich will dir nur noch sagen, wie wunderbar das Regenwurm-Kapitel in der „Experten-Revue“ ist. Enzensberger zitiert den Regenwurmexperten Charles Darwin: „Es ist wohl wunderbar, wenn wir uns überlegen, dass die ganze Masse des oberflächlichen Humus durch die Körper der Regenwürmer hindurchgegangen ist und alle paar Jahre wiederum durch sie hindurchgehen wird.“ Ich bekomme eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass das Kleinste Größtes bewirken kann!

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