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Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

Im Hamsterrad der Wirtschaft

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Im Hamsterrad der Hochproduktivitäts-Ökonomie: Heinz Budes so eleganter wie unbehaglicher Essay „Gesellschaft der Angst“. Der Autor verbindet in seinem bemerkenswerten Buch die coole Analyse mit der Empathie.

Die Angst tritt nicht allein auf. Man trifft sie an in Begleitung, als Verarmungsangst, als Inflationsangst oder Terrorangst, als eher vage Zukunftsangst oder, ganz konkret, als Prüfungsangst. Ob als abstrakte Statusangst oder als greifbare Verlustangst: Heinz Bude, der bereits auf der ersten Seite seines Essays „Gesellschaft der Angst“ eine Aufzählung für ein allgemein gesellschaftliches Unwohlsein auf schwankendem Boden vornimmt, kann diese nur sehr unvollständige Aufzählung rasch abbrechen.

Denn er ist sich mit dem Soziologen Niklas Luhmann einig, dass es nicht um Auflistung diverser Befindlichkeiten geht, sondern um „das vielleicht einzige Apriori moderner Gesellschaften“. Das Leben des Einzelnen ist eine Aneinanderreihung von Entscheidungen, in denen nichts weniger als das Leben auf dem Spiel steht. Es geht, so könnte man mit einem Gedanken des Philosophen Hans Blumenberg ergänzen, um einen Absolutismus der Angst, also um eine die Gesellschaft zwingend beherrschende Macht. Eine Gewalt, die im Unterschied zu der Furcht umso verwirrender und verstörender wirkt, weil sie, so Bude, von „offensichtlicher Diffusität“ geprägt ist. Wie geht es im Betrieb weiter, ist man derjenige im Büro, der die sich abzeichnende Kündigungswelle übersteht?

Auch deswegen lähmt die Angst, sie „kommt daher, dass alles offen, aber nichts ohne Bedeutung ist“. Sie frisst die Energien, und sie ist ein Allesfresser. „Wer von Angst getrieben ist, vermeidet das Unangenehme, verleugnet das Wirkliche und verpasst das Mögliche.“ Sie scheint, so sehr unterschiedlich sie auch auftritt, ein allgemein gesellschaftlicher Aggregatzustand.

Nobel waren daher die Versuche der Politik, den Bürgern ihre Ängste zu nehmen. Eine der großen Anti-Angst-Offensiven war, so Bude in einem historischen Exkurs, die Kampagne des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in den 1930er Jahren, während der Zeit und zur Bekämpfung der „Großen Depression“. Obendrein mit einem anderen Amerikaner, mit David Riesmans epochaler Unterscheidung zwischen dem „innengeleiteten Gewissensmenschen“ und dem „außengeleiteten Kontaktmenschen“, einer bereits 1950 getroffenen Differenzierung, wirft sich Bude ins heutige Getümmel.

Denn heikel sind die Verhaltensmuster des außengeleiteten Charakters, weil er sein Selbstwertgefühl abhängig macht von der Anerkennung und Zuneigung durch die Umwelt und den Mitmenschen. Wer macht das nicht? Auch der innengeleitete Charakter, zweifellos. Doch der außengeleitete Charakter, so Bude, richtet seinen „Kreiselkompass innerer Gleichgewichtsbildung“ rigoros an den Urteilen der Umgebung aus.

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Der Angstmensch heute verfügt über ein vorzügliches Radarsystem, hat allerdings keinen inneren Kompass mehr. Dazu zählt, paradoxerweise, so könnte man sagen, gerade der soziale Aufsteiger. Im besonderen Maße der Emporkömmling, Seiteneinsteiger, der Karrierist ist der klassische Angsttypus. Weil er Durchlässigkeit mit Durchsetzungsfähigkeit erkauft hat, womöglich mit Durchtriebenheit, weiß er um die Labilität des einmal Erreichten. In seinen schwachen Stunden weiß der Parvenü, dass der Erfolg eine Häufung von Glücksfällen gewesen ist. Der Selfmademan lebt psychologisch eine ziemlich prekäre Existenz. Auch sein Ich ist brüchig. Selbst sein Super-Ego findet nicht nur Halt an einem (scheinbar kraftstrotzenden) Selbstbild, sondern gewinnt „eine Vorstellung von sich nur im Umweg über den Anderen“.

Budes Essay verfolgt das Phänomen nicht systematisch, sondern entwirft ein Tableau der angstbesetzten Lebensweisen. Des Lagerarbeiters, der nicht mehr mithält. Des Paketzustellers, dem Termine diktiert werden, die nicht einzuhalten sind. Der Lehrerin, die so verbittert wie verzweifelt ist über die Beschleunigung des Abiturabschlusses. Bude skizziert ein Gesellschaftsbild des fatalen Leistungsdrucks, der ungezählte Verlierer zurücklässt, eine Mehrzahl, die sich betrogen fühlt.

Umso wichtiger Performanz. Nämlich die Fertigkeit, sich irgendwie in Szene zu setzen, als Geschick, sich „soziale Geltung“ zu verschaffen. Sie ist das „Zauberwort“, nach dem die Auslese funktioniert. Ein unbarmherziger Performanzdruck schafft ein Klima des Wettbewerbs, dieser erhöht wiederum die performativen Anstrengungen und Verrenkungen, schafft eine Gesellschaft der Gewinner und Verlierer und unter diesen, den „Abgeschlagenen“ wiederum ein Klima des Ressentiments.

Re-Sentiment, im Wortsinn verstanden als „erlittene Verletzung, erfahrene Niederlage“ und Herabsetzung erzeugt Hass auf die Gewinner, wo das Ressentiment über die Souveränität herrscht, wo nur noch Animosität und Aversion walten, erlebt die „schielende Seele“ (Nietzsche), und das liest sich wie eine Bestandsaufnahme der Onlinekommentarkultur, nur noch das „Schiefe, Ungelungene und Verbaute“ (Bude). Die „Totalmobilisierung der Wettbewerbsenergien“ ruft zynische Verbitterung, Hass und Verschwörungstheorien wach.

Immer wieder finden sich Exkurse über das Beben nicht nur in den sozialen Medien. Bereits die Abstecher auf die „unteren Etagen“ der Gesellschaft fördern einen Groll zutage, der Beleg ist für die „Angst, das Nachsehen zu haben“. Vor allem aber umkreist Bude die „Statuspanik in der gesellschaftlichen Mitte“, nicht nur ausdrücklich in einem Kapitel.

Statuspanik ist geprägt von Verlustängsten, sie bedürfen einer sozialen Fallhöhe. Das Grundbefinden der Mittelklassen, der „Mehrheitsklasse unserer Gesellschaft“ ist, so könnte man sagen, ein Alarmismus im Stand-by-Modus. Ein nicht ständig lautes Lärmschlagen, aber eine Verunsicherung unter Niedrigspannung. Eine ständige Betriebsbereitschaft des Misstrauens – und das soll nicht krank machen auf Dauer?

Die Ängste sind ja nicht nur nachtaktiv, die „Panik im Mittelstand“, von der Bude spricht, einen Artikel Theodor Geigers aus dem Jahr 1930 zitierend, taucht im Heute wieder auf, unter Anwälten, Architekten, freischaffenden Künstlern, Übersetzern, Journalisten, Dozenten. Teile der deutschen Mittelklasse, vor allem die gut ausgebildeten „Bildungsverlierer“ leben in einer „Atmosphäre der Angst“, die sich, zitiert Bude nicht von ungefähr Annette Pehnts „Lexikon der Angst“, wie ein „,leises Rauschen‘ unmerklich aber unleugbar ausbreitet“.

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Warum? Weil der „organische Zusammenhang von Autonomiestreben und Gemeinschaftsbildung zerbrochen zu sein scheint“. Zwei Entwicklungen, so der Soziologe an der Uni Kassel und am Hamburger Institut für Sozialforschung (für dessen Verlag das Buch entstanden ist), haben diesen Zusammenhang untergraben. Zum einen der Kapitalismus einer „unermesslichen Geldvermehrung“, ein Kapitalismus, der sich als „bloße Geldmaschine“ darstellte (mit seinen finanziellen Debakeln und desaströsen sozialen Folgen), die keine Atempause lässt, und „jeden Aspekt des gesellschaftlichen Lebens in produktives, symbolisches, soziales oder ökonomisches Kapital“ verwandelt.

Mit dieser Potenzierung des Kapitalismus, einer Verselbständigung der Finanzwirtschaft zum Zweck einer „unermesslichen Geldvermehrung“ macht Bude eine „andere Wucherung“ aus, die „untergründig und nachhaltig Angst verbreitet“, das World Wide Web. Unter der Parole der Demokratisierung hat es die Privatsphäre, wie wir spätestens seit dem NSA-Skandal wissen, transparent gemacht. Das die eigenen vier Wände durchdringende Internet setzt einen jeden User, ob beim Online-Banking, bei der Wikipedia-Recherche, bei der Amazon-Bestellung oder beim privaten E-Mail-Austausch, einer demokratisch nicht zu kontrollierenden Kontrolle aus, einer „Niemandsherrschaft“, so Bude.

Allerdings ist zu dieser „Herrschaft des Niemand“ (ein Wort Hannah Arendts) heute zu sagen, dass sich der Einzelne diesem Herrschaftstypus freiwillig unterwirft. Beim Internet machen nun mal alle mit. Und deswegen sei es nicht so sehr die Angst vor diesem fremden System als vielmehr die „Angst vor unseren eigenen Möglichkeiten, zu denen wir uns verleiten und verführen lassen“, die unsere Gesellschaft beherrscht.

Wir bewegen uns nicht in einer manifesten Zwangsjacke, sondern in einem latenten Korsett. Ausbruchsmöglichkeiten? Wer glaubt schon an einen Internetstreik – es liefe auf einen Generalstreik des Ichs hinaus. Budes Pragmatismus weiß um den existenziellen Heroismus (eines Martin Heidegger, auf den er mehrfach zu sprechen kommt wie auf eine eiserne Ration). Bude merkt an, dass Angst einen Ernst aufbringt, bei dem nicht mehr rumgeredet, sondern innegehalten wird. Oder aber, hier folgt Bude den berühmten Studien Michail Bachtins, die Angst nach mittelalterlichen Mustern weggelacht wird. Das Entsetzliche ins Groteske getrieben, das Bedrohliche ins Komische, das Unbehagen ins Lächerliche gekehrt wird.

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Natürlich ist die „empfindliche Seele von heute ganz anders verfasst“ als der Mittelaltermensch. Budes Realismus stellte eine aufgewühlte Gesellschaft dar, in der ein Fortkommen nicht nur Fertigkeiten wie Kompetenz und Kommunikationsvermögen verlangt, sondern auch Schläue anstelle von Klugheit, Gerissenheit anstelle von Gerechtigkeit. Zu den fundamentalen Missverständnissen, so könnte man ergänzen, zählt, dass Freundlichkeit mit Schwäche verwechselt wird, Höflichkeit gar als Unterwerfungsangebot aufgefasst wird.

Der Fensterputzer ist allmorgendlich mit dem Gefühl des Ungenügens konfrontiert, in seiner Kolonne nicht mehr mithalten zu können. Die Pflegerin aus Polen mit der Furcht, sich an ihrem Patienten einen Bruch zu heben. Und das Kind verzagt angesichts von Eltern, die den Schulstress auch zu Hause panisch weitergeben.

Angst ist sicherlich ein monströses Wort. Zumal die „German Angst“, im Ausland lange belächelt (und gefürchtet), passé scheint. Die Angst der 80er Jahre, vor dem Atomtod oder dem Waldsterben, hat sich verflüchtigt – mit ihr eine Mentalität, die an demonstrativen Beweisen bis hin zur Zurschaustellung von Hysterie Gefallen fand. Die „neue Angst“ ist vor allem etwas Atmosphärisches, eine Stimmung, eine bange Beklommenheit.

Im Hamsterrad der „Hochproduktivitätsökonomie“ drehen auch die Schnellen und Gewitzten, die Ausgeschlafenen und Abgebrühten täglich auf bis „an den Rand der Erschöpfung“ – wie überhaupt Budes Essay die coole Analyse mit der Empathie verbindet. Denn sonst wäre, während er sich auf den „unteren Etagen der Gesellschaft“ umschaut, nicht von den „Vorsichtigen und Schreckhaften“ die Rede.

So latent die Angst sein mag, als Betriebsverfassungsgesetz unserer Gesellschaft macht sie sich schmerzhaft manifest. Wenn auch nicht unter den Heilpraktikern der Hochproduktivität und Gesundbetern des Niedriglohnsektors, so vielleicht doch unter Therapeuten oder bei dem einen oder anderen Unternehmensbeistand müsste klar sein, dass Angst ein miserabler Berater ist. Die Angst macht mürbe, sie erschöpft – sie überführt in einen Zustand chronischer Unfähigkeit und ein auf Dauer gestelltes Versagen.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst. Hamburger Edition 2014, 168 S., 16 Euro

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