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Durchgangsstation

Hänsel, Gretel und die Hoffmänner

  • VonMagnus Rust
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Acht Wochen am Main, Teil 3: Märchen, Moral, Museen.

Ein beunruhigendes Gebilde. Auf dem kernigen Olivgrün bilden sich in Rot filigrane Tulpen. Dahinter verschwimmt das Orange wie Kaffeeflecken auf Omas Tischdecke. Es sieht aus wie moderne Kunst, weil es moderne Kunst ist. Im Keller des Städelmuseums hängt diese Malerei aus dem Jahr 1964. Der polierte Steinboden, das Kunstlicht. Vieles erinnert an die Waschküche meiner Großeltern. Auch die Temperatur. In Museen herrscht bei mir permanent Erkältungsfurcht. Das Gemälde von Hans Hofmann trägt den Titel „Rote Parabel“ und bietet sogleich zwei Anschlussmöglichkeiten: Geometrie und erzählerisches Gleichnis. Gleichnis im Sinne zum Beispiel der Ring-Parabel, wobei „Ring“ und „Parabel“ auch wieder geometrisch gedeutet werden könnten.

Kulturell ist Frankfurt für mich ein Ort der klassischen Parabeln und modernen Interpretationen geworden. Der Komplex kulminiert symbolisch im Grüneburgweg 95 im Westend. Am Kreisverkehr gelegen, geizt das Haus trotz seiner Schlichtheit nicht mit antikisierenden Giebeln und dezenten Eisengeländern. In dieser Adresse wohnte Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann und später der Komponist Engelbert Humperdinck, ein Mann, dessen Name auch aus einem Kinderbuch stammen könnte. (Unübertroffen bleibt jedoch der bürgerliche Name des Zeichners, der mit Walt Disney Micky Maus schuf: Ubbe Eert Iwerks, Sohn eines ostfriesischen Einwanderers.) In der Nummer 85 lebte Heinrich H. bis zu seinem Tode 1896, da hatte sein „Struwwelpeter“ schon zig Auflagen erfahren. Einige Jahre zuvor hatte Humperdinck – allerdings in einer Adresse im Nordend – die wohl berühmteste deutschsprachige Kinderoper geschrieben: „Hänsel und Gretel“, basierend auf den Märchen-Niederschriften der Brüder Grimm (die später über die US-amerikanischen Disney-Verfilmungen endgültig den Status des Weltpopkulturerbes erreichten). Die Grimms auch noch als Frankfurter eingemeinden zu wollen, fiele schwer; zumindest waren sie panhessianische Schaffer.

Grimms Märchen, Struwwelpeter und die „Comics“ von Wilhelm Busch haben sich tief in die deutsche Psyche gebohrt. Obwohl hier Strolche und aufmüpfige Kinder verstümmelt oder gleich zermahlen werden, wurden diese Geschichten bereitwillig von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Auch ich erinnere mich an meine Struwwelpeter-Ausgabe, geerbt mitsamt dem Kohleofengeruch einer fremden Zeit. Aktuell gibt es wenige Erwachsene in Deutschland, die ohne diese Parabeln aufgewachsen sind, so meine Behauptung. Erst vor zwei Monaten legte die bildundtonfabrik in „Dr. Böhmermanns Struwwelpeter“ einige grausame Geschichten im ZDF humorvoll neu auf und betonte die zeitspezifische Pädagogik des 19. Jahrhunderts.

In der „Caricatura“, dem kulturpolitischen Katalonien Frankfurts, treffe ich erneut auf den Märchenkanon. Unverhofft, denke ich zuerst, folgerichtig, wird mir dann langsam gewahr. Figürliche und fantastische Illustrationen mit kurzen Texten, es ist die Charakterisierung sowohl von Karikatur als auch von Bilderbuch. Wenn man die drastischen Darstellungen von Heinrich H. oder Wilhelm B. mit satirischen Karikaturen der Neuen Frankfurter Schule (NFS) vergleicht: Eine Erblinie ist erkennbar. Dass man im Museumsshop dann ein gelbes Reclam-Heftchen (immer noch Symbol der Deutsch-Schullektüre) namens „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ aus der Feder des NFS-Schalks Hans Traxler kaufen kann: mehr als folgerichtig. In dieser Parodie verzählt Traxler von einem Märchenforscher, dem es mit einer hermeneutisch-archäologischen Triangulation gelingt, den Standort des Lebkuchenhauses zu lokalisieren.

In der Sonderausstellung der „Caricatura“ zu Ehren des Klamaukers Otto Waalkes findet sich erneut ein Verweis. Auf einer Briefmarken-Skizze der „Bundespost Ostfriesland“ befindet sich eine Darstellung von „Hänsel + Gretl“. Selbstredend sind alle Figuren Ottifanten.

„Denn Zartheit zwischen Menschen ist nichts anderes als das Bewußtsein von der Möglichkeit zweckfreier Beziehungen“, schrieb Exil- und Wieder-Frankfurter Theodor W. Adorno in seiner „Minima Moralia“ unter der Überschrift „Struwwelpeter“. Es stellen sich Fragen: Sind die „Minima Moralia“ nicht eine linksintellektuell aufgepeppte Hausmärchensammlung? Und bezog TWA, Gesicht und Kopf der „Alten“ Frankfurter Schule, die „Zartheit zwischen den Menschen“ auf sich und seine Frau, die Eheleute Teddie und Gretel Adorno?

Heute liegen sie auf dem Hauptfriedhof begraben. Theodor. Margarete. Und auch Heinrich Hoffmann. Auf seinem Grab eine See aus roten Blumen.

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