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Peter Sloterdijk (Archivbild von 2000).

Auf gute Nachbarschaft

Wie Peter Sloterdijk auch Architektur und Philosophie zusammenbringt

Von ROBERT KALTENBRUNNER

Georges Perecs lässt seinen Roman Das Leben. Gebrauchsanweisung mit einer Beobachtung beginnen: "Die Bewohner eines gleichen Wohnhauses wohnen nur einige Zentimeter voneinander entfernt, eine einfache Wand trennt sie, sie teilen sich die gleichen Räume, die sich über die Stockwerke hinweg wiederholen, sie machen zur gleichen Zeit die gleichen Bewegungen, den Wasserhahn aufdrehen, an der Wasserspülung ziehen, das Licht anknipsen, den Tisch decken, einige Dutzend gleichzeitiger Existenzen, die sich von Stockwerk zu Stockwerk, von Haus zu Haus und von Straße zu Straße wiederholen."

Reflektionen darüber, wie sich das Leben und der Raum zueinander verhalten, treiben auch den Philosophen Peter Sloterdijk um. Gesellschaft gilt ihm als ein überholter Begriff; sind doch die Menschen immer auch mit anderem und immer in etwas zusammen, das nicht als Gesellschaft zu begreifen ist. In seinem Sphären-Werk versucht er, den Aufbau der sozialen Welt von unten her zu sehen. Er schwenkt den Blick von kleineren Einheiten zu den größeren Strukturen, wobei er etwas auszusagen sucht über die Vielheiten, die Agglomerationen, die in seiner Terminologie "verschäumte Menge" heißen. Und weil er offenkundig bestrebt ist, so etwas wie eine allgemeine Wissenschaft vom Zusammensein zu formulieren, widmet die renommierte Zeitschrift arch + ihm nun ein Doppelheft.

Was auf den ersten Blick ein bisschen opportunistisch wirkt, ist aus doppeltem Grund nur folgerichtig. Zum einen baut arch + periodisch an einem umfassenderen theoretischen Fundament, ausweislich ihrer früheren Ausgaben, die Vilém Flusser, Ludwig Wittgenstein oder Richard Rorty in den Fokus rückten. Zum anderen spielt die Kategorie des Raumes in Sloterdijks Gedankengebäude eine zentrale Rolle, wobei ihn jedoch nicht die Abstraktion des leeren Raums, in den man dann etwas hineinstellen kann, interessiert. Sondern vielmehr die Form menschlichen Lebens, die er als eine den Raum gestaltende, raumschöpferische Tätigkeit begreift. Die Denkbilder seiner Trilogie - Blasen, Globen, Schäume - nehmen immer wieder Bezug auf die großen historischen Raumentwürfe, vom Pantheon bis zu Buckminster Fuller. Als Referenz dient ihm dabei folgende Einsicht: "Wer die Geschichte der neueren Architektur in ihrem Zusammenhang mit den Lebensformen der mediatisierten Gesellschaft studiert, erkennt sofort, daß die beiden erfolgreichsten architektonischen Innovationen des 20. Jahrhunderts, das Apartment und das Sportstadium, in einer direkten Relation zu den beiden umfassendsten sozialpsychologischen Tendenzen der Epoche stehen: der Freisetzung von alleinlebenden Einzelnen mit Hilfe von individualisierenden Wohn- und Medientechniken und der Zusammenballung von gleicherregten Massen mit Hilfe von veranstalteten Ereignissen in faszinogenen Großbauten."

Ein Leben im Festkörperglauben

Architektur befindet sich demzufolge in einem bipolaren Spannungsverhältnis, das im widersprüchlichen Entwicklungsrhythmus der modernen Gesellschaft selbst angelegt ist: hier die Vereinzelung der Individuen, dort die "Zusammenfassung der Einzelnen zu vielköpfigen Kooperations- oder Kontemplationsensembles". Ihre Aufgabe liege darin, Raumverhältnisse hervorzubringen, die beides unterstützen: Mit dieser Forderung geht Sloterdijk auf die Profession zu; er hält sie für polyvalent, obwohl - oder gerade weil - ein Techniker sich immer für das Vorantreiben der Technologie entscheide.

Dass der zivilisierte Mensch von heute letztlich nach der Möglichkeit strebe, auf menschliche Unterstützung zu verzichten: Diese Beobachtung, so aktuell sie klingt, verdankt sich Gabriel Tarde und ist bereits 120 Jahre alt. Obgleich wir solche Erkenntnisse nur ungern hören, sind sie doch handlungsleitend bei vielem, was den Fortschritt ausmacht - etwa bei der Telekommunikation. Oder im eigenen Apartment, in dieser Inkarnation des westlichen Modernismus, in dem, so Sloterdijk, "sich das freigesetzte, im Kapitalstrom flexibilisierte Individuum der Pflege seiner Selbstbeziehungen widmet". Nimmt man die Zahl an Fernsehshows, die sich mit der Umgestaltung der persönlichen Lebensumgebung beschäftigen, zum Maßstab, so zeigt sich (auch hier), dass das Bedürfnis zur Individualisierung in und an der eigenen Zelle noch immer ungebrochen ist. Die Wohnung ist unser Kosmos der Vorstellung - eine Figur monadischer Eingeschlossenheit. Aller ästhetischen Diversifikation und technologischen Modernisierung zum Trotz bildet die Wohnung eine Art Bollwerk der Tradition gegen die Umsatzgeschwindigkeit globalisierter Leitbildvorgaben.

Im Interview präzisiert Sloterdijk die Wechselwirkung zwischen Architektur und Sein. Nur scheinbar existiert das Leben unter offenem Himmel. Denn der Mensch lebe grundsätzlich in Gefäßen, in "selbstklimatisierten Räumen". Die sind nur mitunter unsichtbar, und sie sind auch kaum beschreibbar, weil wir alle im Alltag "Hardcoremetaphysiker" sind - Anhänger eines hartnäckigen Festkörperglaubens. Und so funktioniert auch unsere Sprache. Sie habe fast keine Worte - und damit keinen Blick - für Schwebezustände, für "das Enthaltensein in einem Zwischen", letztlich für Atmosphären. Hier wird indes der Architekturbezug diffus: Zwar ist evident, dass es neben den Extremen Single und Masse, Vereinzelung und Ansammlung, auch Formen der Koexistenz gibt, die räumlich bedeutsam sind. Dieses zentrale - und explizit gestellt - Frage aber beantwortet Sloterdijk nicht.

Die beiden Beispiele, die dem illustrierend zur Seite gestellt werden, sind architecture parlante insofern, als sie jeweils eine pathetische Vergangenheit mit einer lichten Zukunft verschmelzen (wollen): Prora polyphon, das letzte Projekt des unlängst verstorbenen Otto Steidle, und die Ertüchtigung des Berliner Olympiastadions für die WM 2006 durch das Hamburger Büro Gerkan Marg und Partner (gmp). Ersteres will eine "individualistische Transformation" der Kraft-durch-Freude-Ferienanlage, deren ungeheures Raum- und Zeitvolumen sich über vier Kilometer an der Küste der Insel Rügen erstreckt. Dieser megalomane Torso, der bislang jeden Nachnutzer abschreckte, soll in seiner Struktur flexibilisiert und einer weniger auf Konformität geeichten Masse experimentell geöffnet werden. Letzteres soll zu einem "Innenraum unter freien Himmel" werden, und zugleich den Widerspruch zwischen der atmosphärischen Dichte eines Fußball- und der Offenheit eines Vielzweckstadions aufheben.

Dass Architekten unter allem Möglichen leiden, nur nicht an Mangel an Selbstbewusstsein, dass sie zugleich dazu neigen, Bilder wörtlich zu nehmen, scheint Sloterdijk kaum zu kümmern: Schließlich bilden sie eine Profession, die im Material philosophiere, und die typologisch neben Priestern und Therapeuten angesiedelt sei: "als Komplizen der Abwehr von unerträglicher Ekstatik". Wer nun aber bloß ein selbstgefälliges Wortgeklingel erwartet, der irrt. Arch +will den Verkürzungen vorbeugen, denen Architekten schnell anheim fallen - etwa, indem sie den Slogan "Urbanität durch Dichte" in die Seelenlosigkeit von Großsiedlungen übersetzten. Bleibt allerdings die Frage, ob die Baumeister das auch so verstehen.

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