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Die umwerfende Protagonistin: Hausschwein Gunda mit einem ihrer Ferkel. Filmwelt Verleihagentur/Sant & Usant/V. Kossakovsky/Egil H. Larsen
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Die umwerfende Protagonistin: Hausschwein Gunda mit einem ihrer Ferkel.

Kino

„Gunda“: Regisseur Victor Kossakovsky über das charmante Hausschwein und den Wandel zur vegetarischen Ernährung

  • VonChristina Bylow
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Regisseur Victor Kossakovsky spricht im Interview über seinen Film „Gunda“, seine Liebe zu einem Hausschwein und warum er das vermutlich erste vegetarische Kind der Sowjetunion wurde.

Der Regisseur trägt seinen Star am Revers. Victor Kossakovsky hat sich einen kleinen runden Sticker mit dem Antlitz seiner Diva aufs weiße Hemd geheftet. Zum Interview treffen wir uns im Garten des Cafés Villa Oppenheim in Berlin-Charlottenburg. Sein Film „Gunda“ war die Entdeckung der Berlinale 2020. Ein Dokumentarfilm in Schwarz-Weiß, ohne Dialoge, ohne Musik, mit Bildern von magnetischer Wirkung, voller Sinn für Humor und die Schönheit der Natur. Für Kossakovsky, der vor 20 Jahren von Sankt Petersburg nach Berlin zog, ist dieser Film eine echte Herzensangelegenheit.

Vermissen Sie Ihre Hauptdarstellerin?

Ja, aber wir sind in Verbindung. In drei Wochen besuche ich sie. Jemand aus dem Filmteam fährt alle zwei, drei Monate nach Norwegen, um sie zu treffen. Ich war voriges Jahr bei ihr und fahre jetzt wieder hin, nur um sie zu sehen.

Sie sind in einer Beziehung mit ihr.

Natürlich. Wir haben zwei Monate miteinander verbracht. Als ich sie das erste Mal sah, wusste ich, dass der Film funktionieren würde. Ich sah es auch an meinem Team, fast alles junge Leute. Wenn wir nach dem Drehen ins Hotel zurückkamen, fragte einer nach dem anderen im Restaurant nach vegetarischem oder sogar veganem Essen. Wir waren immer so glücklich nach dem Drehen. Das ist normalerweise nicht so nach einem Drehtag. Wenn man Menschen vor der Kamera hat, ist das oft anders: Zu Beginn ist man begeistert, man idealisiert die Person, aber mit der Zeit schleicht sich eine Enttäuschung ein, man sieht Dinge, die einen stören, Verhaltensweisen, die aufgesetzt sind. Gunda ist, wie sie ist.

Gunda ist ein Hausschwein.

Sicher kennen Sie dieses Bonmot: Je mehr ich von den Menschen weiß, desto mehr liebe ich meinen Hund. Als Regisseur ging mir das manchmal so mit den Menschen vor der Kamera. Man sieht zufällig Dinge, von denen man denkt, dass man sie nicht zeigen sollte, weil man das Image dieser Person damit zerstört. Mit Gunda und anderen Tieren passiert das nicht. Man kann über Tiere nicht einmal urteilen. Gunda tötet eines ihrer Ferkel. Ich habe Filmmaterial, auf dem man sieht, was sie davor getan hat: Sie schnüffelte oft an diesem Ferkel. Es trank keine Milch bei ihr, und ich glaube, sie merkte am Geruch, dass es dieses Ferkel nicht schaffen würde. Es war zu schwach. Also tötete sie es.

Weshalb haben Sie diese Szene denn nicht herausgeschnitten?

Ich wurde tatsächlich darum gebeten. Darauf sagte ich: Ich mache keine Propagandafilme. Wenn die Muttersau dieses Ferkel tötet, muss es wohl richtig sein. Wie käme ich dazu, über sie zu urteilen? Die Tiere waren lange vor uns Menschen auf der Welt. Warum sollte ich ihr Verhalten beurteilen, indem ich etwas wegschneide, was zu diesem Verhalten gehört? Der Geruch wurde allerdings nach zwei, drei Tagen penetrant. In dem Moment, als wir den Bauern anriefen, der gerade in der Stadt war, schlüpfte der Hund in den Stall, holte das tote Ferkel heraus, trug es in den Wald und kam sofort zurück.

Sie meinen, der Hund hatte das Telefongespräch verstanden?

Er hat etwas verstanden, auf jeden Fall. Es war wie ein Wunder. Zumal ihn Gunda niemals zuvor in den Stall gelassen hatte, und er hatte immer Distanz gehalten. Wir konnten viele dieser Wunder beobachten. Eines der Ferkel etwa humpelte etwas hinterher, wenn Gunda mit ihrem Nachwuchs auf die Wiese ging. Das humpelnde Ferkel wurde von der Mutter etwas angestoßen, damit es vorwärts ging, es kam trotzdem immer ein bisschen zu spät, während die anderen schon herumtollten. Plötzlich übernahm eines der Geschwister diese Aufgabe und schubste das langsame Ferkel immer wieder an. Es half ihm. Ein soziales Verhalten. Ich glaube, wir wurden jeden Tag zu etwas besseren Menschen in dieser Zeit. Ich mache schon so viele Jahre Kinofilme, aber diese Dreharbeiten waren die schönsten meines Lebens.

Wie haben Sie sich auf die Begegnung mit den Bauernhoftieren vorbereitet?

Immer wenn ich einen Film mache, lese ich viel. Die Bücher müssen gar nicht unbedingt in Verbindung mit meinem jeweiligen Filmprojekt stehen. Bevor ich „Gunda“ drehte, las ich unter anderem eine Erzählung von Leo Tolstoi „Der Leinwandmesser. Die Geschichte des Pferdes“. Darin erzählt ein Pferd anderen Tieren die Geschichte seines Lebens, es erzählt von seinen vielen verschiedenen Besitzern und wie es von ihnen behandelt wurde. Auch ein holländischer Maler der Barockzeit war wichtig für mich: Paulus Potter. Er hat vor allem Bauernhoftiere gemalt. In einem seiner berühmtesten Werke mit dem Titel „Der Stier“ sieht man Tiere mit einem Hirten. Es sieht so aus, als guckten die Tiere den Maler direkt an, der Hirte sieht irgendwohin. Ich glaube, der Maler hat die Persönlichkeiten der Tiere erkannt. Ähnliches lässt sich auch in den frühen Höhlenmalereien sehen: Die Körper zeugen von einer genauen Kenntnis, sie sind sehr gut dargestellt. Die Augen sind im Verhältnis dazu meist sehr groß gezeichnet. Es ist der Blick, in dem alles enthalten ist.

In der ersten Einstellung blickt Gunda direkt in die Kamera.

Und deshalb habe ich es in Schwarz-Weiß gedreht. In Farbe wäre dieser Blick nicht so eindrucksvoll. In Schwarz-Weiß erkennt man sofort, dass das Tier eine Persönlichkeit ist, dass es eben nicht nur zu einer Gattung gehört. Farbe hätte nur zu Ablenkung geführt, besonders in der ersten Szene, in der Gunda ihre Ferkel zur Welt bringt, hätte das Rot des Bluts alles andere dominiert. Kleine rosa Ferkel sind dann später einfach zu niedlich. In Schwarz-Weiß dagegen fallen ihre unterschiedlichen Charaktere auf. Das eine ist frech und mutig, ein anderes ängstlich, von Beginn an ist jedes Ferkel einzigartig.

Jeder Mensch, der einen Hund hat, weiß um die Einzigartigkeit seines Gefährten. Warum wollen wir das bei anderen Tierarten nicht sehen?

Das ist das Paradoxe: Wir wissen, dass ein Hund ein großartiger Gefährte ist. Wir würden nicht auf den Gedanken kommen, ihn zu essen. Wir sehen seine Gefühle, wir leben mit ihm, wir wissen, dass er viel von uns versteht.

Zur Person

Victor Kossakovsky wurde 1961 in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, geboren. Er studierte an der Moskauer Filmhochschule HCSF. å

Seine Filmografie umfasst Werke mit unterschiedlicher Thematik, aber von unverwechselbarer Bildsprache, in der sich Realismus und Poetik verbinden. Dazu gehören „The Belovs“ und „Aquarela“, ein Film über die Urgewalt des Wassers, der 2018 auf den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt wurde. Kossakovsky wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt seit 2002 in Berlin. Sein Film „Gunda“ kommt am 19. August ins Kino.

Bauern, die mit ihrem Vieh unter einem Dach lebten, wie es vor der Industrialisierung der Landwirtschaft üblich war, fütterten und versorgten ihre Tiere, gaben ihren Kühen Namen. Sicher empfanden sie auch Zuneigung für sie. Und dennoch brachten sie ihre Tiere zum Metzger. Ist das wirklich ein Widerspruch?

Ich glaube, wir haben eine seltsame Fähigkeit zum Doppelleben. Wir haben uns dazu entschieden, Tiere zu töten, wir denken nicht darüber nach. Wir beschenken kleine Kinder mit Plüschtieren, Bären, Katzen, Delphinen, Löwen. Unsere Märchen sind voll mit Tieren. Wir vermenschlichen sie. Und zugleich beginnen wir, unsere Kinder mit Wurst zu füttern. Von Anfang an trennen wir zwischen seelischem Empfinden und rationalem Leben. Weil wir uns irgendwann gesagt haben: Der Mensch steht an der Spitze der Pyramide, er herrscht über die anderen Lebewesen.

Dahinter steht eine lange Tradition von der Bibel bis zu Descartes, der Tieren eine Seele absprach.

Da irrt die Bibel. Warum soll der Mensch über die Tiere herrschen? Wir können ohne Wasser keine fünf Tage überleben, ohne Pflanzen können wir keine zwei Monate überleben. Wie können wir da wichtiger sein? In meinen Augen ist das Töten eines Tieres dem Töten eines Menschen gleichzustellen. Tolstoi hat das gesagt: Wir müssen den Akt des Tötens einstellen. Wenn wir nicht akzeptieren, dass es außer uns Wesen gibt, die dasselbe Recht zu leben haben wie wir, wird sich unsere Lage nicht verbessern. Wir wissen um den Zustand des Planeten, und der Fleischkonsum trägt massiv dazu bei.

Menschen haben immer Tiere gejagt, gezüchtet und gegessen. Ist das Töten von Tieren nicht eher eine Frage des Wie als des Ob?

Für mich nicht. Töten oder nicht töten. Für mich gibt es nichts dazwischen. Vor 100 Jahren haben Menschen höchstens einmal in der Woche Fleisch gegessen, nur Privilegierte aßen mehrmals Fleisch. In Deutschland verzehrt ein Mensch um die 80, 90 Kilo Fleisch im Jahr. In den USA mehr als 100 Kilo, in manchen Gegenden 120 Kilo pro Person. Um diese Massen an Fleisch zu erzeugen, holzen wir Wälder ab, verbrauchen wir ungeheure Mengen an Wasser, während große Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Rinder brauchen zehnmal so viel Wasser wie der Mensch. Natürlich – Tiere töten einander und fressen einander auf. Als ich vor Jahren in der Savanne drehte, habe ich beobachtet, was passiert, wenn Tiere einander begegnen. Sie brauchen nur einen Blick, um zu wissen: Der will mich fressen. Oder: Den kann ich fressen. Aber der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Waffen einsetzt, um zu töten, das einzige Lebewesen, das aus Sadismus und Gier tötet.

Regisseur Viktor Kossakovsky

Und doch wollen die meisten Menschen ihren Lebensstil nicht ändern. Denken Sie nur an den Streit in der spanischen Regierung, weil ein Minister im Juli die Bevölkerung dazu aufgefordert hatte, weniger Fleisch zu essen.

Ich lebe seit 20 Jahren in Deutschland und erlebe die Veränderungen. Vor ein paar Jahren gab es in Berlin kaum vegetarische Restaurants. Jetzt hat man eine große Auswahl davon. Auch in den skandinavischen Ländern geht man damit voran. Die Leute beginnen, die Zusammenhänge zu begreifen. Das Tierwohl ist zum Thema geworden. Für mich ist klar: Wir brauchen kein Fleisch. Sie sitzen einem Menschen gegenüber, der seit seinem vierten Lebensjahr Vegetarier ist und das bisher gut überlebt hat. Ich war wahrscheinlich das erste vegetarische Kind der Sowjetunion.

Wie kam es dazu?

Ich bin in Sankt Petersburg aufgewachsen, aber als ich vier Jahre alt war, verbrachten wir ein paar Wochen auf dem Land auf dem Hof von Verwandten. Es war ein sehr kalter Winter. Die Verwandten holten ein kleines Schwein ins Haus, weil es sonst im Stall erfroren wäre. Dieses Schwein, ein männliches Ferkel namens Vasya, wurde mein bester Freund. Er war schlau, lustig und verspielt, wir hatten viel Spaß zusammen. Eines Tages wurde er getötet und kam als Schnitzel auf den Teller. Ich habe den Zusammenhang sehr wohl verstanden, obwohl die Erwachsenen versucht haben, das vor mir zu verstecken. Seitdem esse ich kein Fleisch mehr. Meine Mutter wusste nicht mehr, was sie mit mir tun sollte. Sie haben versucht, mich dazu zu bringen, Fleisch zu essen, aber ich habe es konstant verweigert. Viel später, ich war schon 20 und studierte, fragte mich meine Mutter: Was stimmt nicht mit dir, Victor? Warum bist du so seltsam? Jeder isst Fleisch, niemand stellt das infrage, was läuft schief bei dir?

Vermutlich haben Sie Ihre Eltern zur Verzweiflung gebracht.

Für meine Familie war das ein Desaster. Aber irgendwann habe ich meiner Mutter gesagt: Es ist deine Schuld. Denn in meiner allerersten Kindheitserinnerung sehe ich diese Szene deutlich vor mir: Ich hatte bei einem Spaziergang ein Blatt von einem Busch abgerissen. Meine Mutter sagte: Warum hast du das getan? Und ich antwortete: Guck doch mal, wie schön das Blatt ist. Da sagte meine Mutter: Reiß dir mal ein Haar aus: Tut das weh? Siehst du, es ist schmerzhaft. Dem Blatt tut das auch weh. Mach das nicht wieder. Vor allem, weil du es nur so zum Spaß machst. Meine Mutter hat mich damit zum Nachdenken gebracht. Sie hat mich dazu gebracht, Mitgefühl mit anderen Wesen zu entwickeln, und sei es eine Pflanze. Vor kurzem wurde ich von einem Dozenten der Harvard University gefragt, was ich von Elon Musks Idee hielte, zum Mars zu fliegen. Ich sagte: Wenn ich Elon Musk träfe, würde ich ihm nur eines sagen: Bringen Sie nichts anderes auf den Mars als Empathie. Andernfalls zerstören wir diesen Planeten genauso, wie wir die Erde zerstören. Wir brauchen einen Aufstand für die Empathie!

Kann Empathie gelehrt werden?

Ich glaube, das ist etwas, was Kunst kann. Kunst kann uns dazu bringen, uns in andere Wesen hinein zu versetzen. Künstler sehen und spüren Dinge, die andere oft nicht wahrnehmen. Sie verstehen andere Wesen manchmal mit einem einzigen Blick. Das ist eigentlich eine natürliche Fähigkeit, wir haben sie nur verlernt.

Kommen wir auf Gunda zurück. Konnten Sie ihr höchst variantenreiches Grunzen deuten?

Vor dem Drehen hatte ich mit Wissenschaftlern über das Verhalten von Hausschweinen gesprochen. Ich wusste, dass sie komplex kommunizieren können. Im Schneideraum haben wir Gundas Geräusche in eine graphische Darstellung übertragen. Da konnte man sehen, dass sie über mindestens 200 unterschiedliche Grunzlaute verfügt. Je nach Situation klingen ihre Laute völlig anders. Wenn sie ihre Ferkel rief, benutzte sie andere Laute, als wenn sie nach Futter rief.

Was hat Ihnen Gunda am Ende der gemeinsamen Zeit gesagt?

Ich wusste, dass sie noch mal auf uns zukommen würde, nachdem der Bauer ihre Jungen weggebracht hat. Sie suchte nach ihnen, und wir alle fühlten uns schuldig. Ich wollte am Ende noch eine Nahaufnahme von ihr machen, aber eben nicht mit Hilfe von Zoom oder einem riesigen Teleobjektiv. Ich musste den richtigen Platz für die Kamera finden, um sie nicht zu stören. Ich wollte, dass sie selbst kommt. Und so war es dann auch. Sie sah mir direkt ins Gesicht. Und ich bin sicher, sie sagte mir: Du bist ein hoffnungsloser Fall. Dann verschwand sie in ihrem Stall.

Interview: Christina Bylow

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