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Grundlos Opfer

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Von: Susanne Lenz

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© dpa

Die Angriffe in den U-Bahnhöfen in Berlin waren unvermittelt und beliebig. Warum uns die Taten der U-Bahn-Treter zutiefst erschrecken. Und was wir dagegenhalten können.

Man sieht das Opfer nicht fallen. Man sieht nicht, wie der Täter dem Mann gegen den Kopf schlägt, so dass dieser die Treppe hinunterstürzt. Die Polizei hat diesmal nur zwei Bilder aus dem Film veröffentlicht, den die Videokamera aufgenommen hat auf der Treppe, die hinunterführt zur Berliner U-Bahn-Linie 8, Station Alexanderplatz.

Auf einem der Bilder sieht man den Menschen, dem Gewalt angetan worden ist, in hilfloser Haltung auf einer Treppenstufe. Auf dem zweiten liegt er ein paar Stufen weiter unten, der Täter hat sich halb umgedreht, wahrscheinlich um zu sehen, ob jemand hinter ihm ist, der ihn beobachtet hat. Das wäre die einzige menschliche Regung gewesen, die er in dieser Situation gezeigt hat. Man sieht die im Neonlicht kühl wirkenden türkisfarbenen Kacheln des U-Bahnhofs mitten in der Stadt, die einem so vertraut sind. Der Alexanderplatz ist ein Verkehrsknotenpunkt. Es gibt kaum einen Berliner, der hier nicht schon vorbeigekommen ist.

Die U-Bahn-Linie 8 führt von Wittenau zur Hermannstraße, ausgerechnet zu der Station, an der im vergangenen Oktober etwas Ähnliches geschah. Eine junge Frau wurde damals ohne jeden Anlass von einem Mann in den Rücken getreten. Sie stürzte die Treppe hinunter, blieb zusammengekrümmt unten liegen. Vor ein paar Tagen erst ist der Täter verurteilt worden. In der Urteilsverkündung fiel das Wort „Affektinkontinenz“. Das bedeutet, dass jemand Mühe hat, seine Impulse zu kontrollieren. 

Sie stürzte die Treppe hinunter, blieb zusammengekrümmt liegen

Die Bilder vom Alexanderplatz gleichen denen von der Hermannstraße. Sie sind ein Zeichen dafür, wie ein Mensch völlig unvermittelt und grundlos von einer Sekunde auf die nächste zum Opfer eines brutalen Angriffs werden kann, einfach so. Das lässt einen zutiefst erschrecken. 

Solche Taten sind so furchterregend, weil sie so beliebig sind. Täter und Opfer kennen sich nicht, es gibt keinen Grund für die Angriffe, es ist Gewalt ohne Sinn (auch wenn man fragen, ob Gewalt jemals Sinn hat), es ist Gewalt, vor der man sich nicht schützen kann. Und ihre Beliebigkeit bedeutet, dass sie jeden treffen kann. Dass die Bilder davon so große Aufmerksamkeit finden, ist ein Zeichen dafür, dass die Menschen das so verstehen. 

Aus heiterem Himmel wird man getroffen. Diese schöne Wendung drückt aus, wie unerwartet eine solche Tat ist. Sie trübt diesen Himmel, dunkle Wolken ziehen auf, die Bedenkenlosigkeit, mit der man sich durch den öffentlichen Raum bewegt, verschwindet. Man wird sich ihrer erst bewusst, wenn sie verloren gegangen ist. Solche Taten zersetzen das soziale Gefüge. Es besteht in dem Vertrauen darauf, dass jemand, der hinter uns auf einer Treppe geht, uns nicht zu Fall bringen wird. Dass keiner der Menschen, mit denen wir täglich auf die U-Bahn warten, uns hinabstoßen wird ins Gleisbett. Es ist eine Gewalt, die es in sich hat, Misstrauen zu säen.

Wer hat sich nicht öfter umgedreht, um zu sehen, wer da hinter ihm ist auf den Treppen hinunter zur U-Bahn, im Kaufhaus, zur Unterführung, in den Tagen, nachdem die Polizei das Video vom U-Bahnhof Hermannstraße veröffentlicht hat, und auch jetzt wieder. Und wer war nicht beruhigt, wenn er Frauen sah, oder ältere Menschen, denn so beliebig die Gewalt scheinen mag, sie geht doch meistens von jungen Männern aus. 

Solch spektakuläre Straftaten im öffentlichen Raum, auch wenn die Polizei generell keinen Anstieg verzeichnet, beleben jedes Mal die Debatte um Videoüberwachung. Der CDU-Politiker und frühere Justizsenator Thomas Heilmann hat sich nach dem Angriff auf dem Alexanderplatz erneut dafür ausgesprochen, mehr Überwachungskameras in Berlin einzusetzen. „Ich lass mich lieber filmen als verkloppen“, stimmt ihm der Sozialdemokrat und ehemalige Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky zu. Und zweifellos – ohne die Aufnahmen der Überwachungskameras wäre der Täter von der Hermannstraße wohl kaum gefasst worden, und auch jetzt hat die Polizei einen Monat nach dem Vorfall am 11. Juni am Alexanderplatz wieder Bilder veröffentlicht; wenige Tage danach konnte sie den mutmaßlichen Täter fassen.  Er ist psychisch krank, so wie der junge Mann, der im Januar 2016 eine 20-Jährige auf die U-Bahngleise am Ernst-Reuter-Platz stieß. Sie wurde überrollt und starb. Das Argument, das hinter dem Ruf nach Kameras steckt, wenigstens unter anderem, lautet: Wer beobachtet wird, scheut sich eher, eine Straftat zu begehen. 

Aber es ist eben bloß das Auge einer Maschine und das kann eher keine Straftaten verhindern. Den Menschen als Hüter seines Bruders kann so eine Kamera nicht ersetzen. Der Mensch kann potenzielle Täter ansehen, ansprechen und so vielleicht abhalten, er kann Hilfe holen, Zeuge sein. Vor allem kann er Beistand geben, einen aus dem Gleisbett ziehen, bevor die U-Bahn kommt, jemandem aufhelfen, der gefallen ist, und dann bei ihm sein. 

Wir brauchen diesen Menschen, damit das Vertrauen in alle Menschen nicht zerstört wird. Wir brauchen ihn und können selber dieser Mensch sein.

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