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Contergan geschädigte Menschen rollten im Januar dieses Jahres in Hamburg einen 2,50 m großen "Grünen Taler" vor das Hamburger Landgericht. Nach Angaben des Veranstalters sind über 50 Geschädigte aus dem gesamten Bundesgebiet für die Aktion angereist.

Contergan-Fall

Grünenthals Klage gegen WDR abgewiesen

Die Kläger - die Pharmafirma Grünenthal und der damalige Opferanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen - hatten das Verbot diverser Szenen im ARD-Spielfilm "Contergan" gefordert.

Berlin/Köln (ddp-nrw). Der jahrelange Rechtsstreit um den ARD-Film "Contergan" ist vorerst beendet. Rund fünf Monate nach der Ausstrahlung wies die Pressekammer des Landgerichts Hamburg am Freitag vier Hauptsacheklagen als unbegründet ab.

Die Kläger - die Pharmafirma Grünenthal und der damalige Opferanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen -forderten hatten das Verbot diverser Szenen des vom WDR in Auftrag gegebenen Films beziehungsweise des Drehbuchs gefordert. Eine Berufung gegen das Urteil ist aber möglich.

Grünenthal kündigte an, die Urteilsbegründung sorgfältig zu prüfen und anschließend über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Auch bei Schulte-Hillen ist nach dessen Angaben eine Entscheidung noch offen.Der WDR und die Produktionsfirma Zeitsprung äußerten sich erleichtert über das Urteil.

Der Film war bereits im November 2007 im Ersten ausgestrahlt worden. Zuvor hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass er gezeigt werden darf. Das Hauptsacheverfahren am Hamburger Gericht war aber noch anhängig.

Der preisgekrönte Film von Adolf Winkelmann mit Benjamin Sadler, Katharina Wackernagel und Denise Marko war bereits im Januar 2006 abgedreht worden. Im Mittelpunkt steht der Anwalt Paul Wegener, der als Vater eines contergangeschädigten Kindes einen Prozess gegen das verantwortliche Pharmaunternehmen anstrengt. Grünenthal und Schulte-Hillen, der sich in Wegener wiedererkannt zu haben glaubte, hatten mehrere Passagen beanstandet, in denen sie eine Verdrehung der historischen Tatsachen und die Verletzung von Persönlichkeitsrechten sahen.

Mütter, die Contergan nahmen, gebaren missbildete Babys

Das von Grünenthal 1957 auf den Markt gebrachte und vor allem Schwangeren verabreichte Schlafmittel Contergan hatte bei Tausenden Neugeborenen zu schwersten Missbildungen geführt.

Vor dem Urteil am Freitag hatte es in dem Rechtsstreit mit dem WDR und Zeitsprung bereits mehrere einstweilige Verfügungsverfahren gegeben. Das Hanseatische Oberlandesgericht (OLG) in Hamburg hatte im April 2007 einstweilige Verfügungen des Landgerichts gegen Schlüsselszenen in dem Zweiteiler weitgehend aufgehoben. Die Kammer wollte nun in dem "mittlerweile eingetretenen Verfahrensstadium" der Sichtweise des OLG in den vorangegangenen Verfügungsverfahren nicht mehr entgegentreten.

Insbesondere durch die strafbewehrte Verpflichtung der Beklagten zur Ausstrahlung eines Vor- und Nachspanns sei der fiktive Gehalt des Films deutlicher hervorgehoben worden. Damit komme in der Rechtsgüterabwägung dem Persönlichkeitsschutz der Klägerseite geringeres Gewicht zu, hieß es. Zudem hätten die Beklagten mit Blick auf Drehbuchszenen, die von der Kammer als besonders schwerwiegende Verletzungen des Persönlichkeitsrechts der Klägerseite angesehen wurden, mittlerweile freiwillig Unterlassungserklärungen abgegeben beziehungsweise auf eine filmische Umsetzung dieser Szenen verzichtet.

Grünenthal bedauerte, dass sich das Gericht der Meinung des Unternehmens nicht habe anschließen können. Es sei schade, "dass der Zuschauer somit weiterhin ein in wichtigen Teilen unzutreffendes Bild von den damaligen Vorgängen" bekomme. Der Film enthält nach Ansicht des Unternehmens "grobe historische Falschdarstellungen".

WDR-Intendantin Monika Piel betonte dagegen: "Wir fühlen uns durch das Urteil in unserer Sichtweise bestätigt. Historische Stoffe, wie eben dieser frühere Pharmaskandal, können und wollen wir weiterhin aufarbeiten." Produzent und Zeitsprung-Geschäftsführer Michael Souvignier sagte, es sei ein "wichtiger Erfolg auf ganzer Linie".Damit bestätige sich, "was wir immer gesagt haben: Der Film, so wie wir ihn von Anfang an gemacht haben, ist historisch korrekt und verletzt niemanden in seinen Persönlichkeitsrechten".(AZ: 324 O 281/06, 324 O 282/06, 324 O 906/06 und 324 O 907/06)

(Quellen: Gericht, Grünenthal, WDR und Souvignier in Pressemitteilungen; Schulte-Hillen auf Anfrage)

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