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Es braucht eine doppelte Abwehr gegen die AfD, sagt Reinhard Mehring. Einen Teil leisten hier Gegendemonstranten mittels Mittelfinger.

Alexander Gauland und die AfD

"Grenzüberschreitungen zünden in der rechtsextremen Klientel"

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Wie tritt man Alexander Gauland und seiner rechtsextremen Gefolgschaft entgegen? Ein Gespräch mit dem Politologen Reinhard Mehring über Satire und subversive Strategien.

Herr Professor Mehring, Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Vergleich scheint, kaum ausgesprochen, schon fast wieder vergessen zu sein. Was sagt das über den gesellschaftlichen Diskurs zur NS-Vergangenheit?
Zum einen sind die Erregungswellen kürzer geworden, zum anderen ist die AfD-Strategie rhetorischer Provokationen dem Publikum unterdessen geläufig. Dann schafft es die AfD inzwischen selbst, den einen Misston durch den nächsten gleich wieder auszulöschen. Ich denke da an die „Schweigeminute“ im Bundestag für die ermordete Susanna. Und nicht zuletzt hält uns die Weltgeschichte so in Atem, dass ein längeres Verweilen bei einzelnen Ausfällen immer schwieriger wird. Gerade im Fall der Rede von der NS-Zeit als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte sollten wir uns aber schon die Mühe machen.

Warum? 
Weil Gaulands Vergleich nicht auf den – schon im Wortsinn – schmutzigen, ekligen Begriff verkürzt werden sollte. Im Windschatten der Reizvokabel läuft nämlich eine revisionistische Geschichtspolitik mit, die „über 1000 Jahre erfolgreiche deutsche Geschichte“ behauptet. Über den Provokationsschock hinaus jubelt Gauland der Öffentlichkeit eine vermeintliche Sachaussage unter, die dann mehr oder weniger unhinterfragt mitläuft und sich in den Köpfen einzunisten beginnt. Und wenn in der Formel von den 1000 Jahren noch das Wort „erfolgreich“ unter den Tisch fällt, dann sind wir fast schon wieder beim „1000-jährigen Reich“ der Nazis angelangt. Das ist der klassische Fall eines „Double Talk“: mit Reizworten schockieren und zugleich die noch problematischeren Inhalte transportieren. 

Warum halten Sie die Vogelschiss-Rhetorik für gefährlicher als die ideologischen Schlagworte der Neuen Rechten? 
Zunächst einmal wegen der Rolle des Sprechers. Wenn der Chef der größten Oppositionsfraktion im Bundestag so redet, hat das eine ganz andere Durchschlagskraft als alles, was irgendwelche Sektierer in ihren Echokammern von sich geben. Gaulands Rhetorik zielt sehr bewusst auf die Zerstörung der parlamentarischen Kultur. Das muss anders behandelt werden als ideologische Diskurse, die mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit laufen. 

Sehen Sie in der Nachkriegszeit bestimmte Etappen oder Zäsuren für einen – wie Sie sagen – Geschichtsrevisionismus?
Wir hatten in Deutschland Mitte der 1980er Jahre den „Historikerstreit“ über die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen. 1998 hat Martin Walser in seiner Friedenspreisrede von der „Moralkeule Auschwitz“ gesprochen und eine „Schlussstrich“-Debatte mit Blick auf die NS-Vergangenheit ausgelöst. Das waren aber – streng genommen – Intellektuellendiskurse. In abgesenkter Form kam das Moment der Umdeutung oder Relativierung immer wieder einmal zum Tragen, etwa wenn gesagt wurde, die Deutschen hätten Hitler doch immerhin die Autobahnen zu verdanken. Aber das hatte zumindest noch den Anschein von Sachargumenten, denen man sehr schnell entgegentreten konnte. In Gaulands „Double Talk“ dagegen bleibt die Rezeption gewissermaßen an den Schockvokabeln kleben. Das ist eine neue Form des Revisionismus, die sich schon rhetorisch gegen die Auseinandersetzung in der Sache immunisiert. Und das ist eben nicht nur ärgerlich, sondern auch brandgefährlich.

Aber wieso verfängt das? Die Leidtragenden des „Vogelschisses“ leben doch noch – Kriegsteilnehmer, Ausgebombte, Vertriebene, von den Holocaust-Verfolgten gar nicht zu reden. 
Die Holocaust-Überlebenden sind inzwischen einiges gewohnt. Sie wissen, dass von rechts außen aus allen Rohren auf sie gefeuert wird und sie unter der Gürtellinie erwischt werden sollen. So weit ich jüdische Intellektuelle kenne, wissen die relativ souverän mit solchen Tabubrüchen umzugehen. Aber diese Grenzüberschreitungen zünden in der rechtsextremen Klientel und darüber hinaus. Deshalb halte ich es für unerlässlich, der Verrohung der politischen Rhetorik und solchen Strategien eines aggressiven Politkabaretts entschieden entgegenzutreten.

Aber wie? Wer sich über Provokationen erregt, ist doch womöglich schon in der Falle des Provokateurs? 
Warum die AfD nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen? Der Double Talk braucht sozusagen auch die doppelte Abwehr: Wer mit Vogelschiss kleckert, soll sich nicht wundern, wenn mit Satire und meinetwegen auch mit Polemik geklotzt wird. Ich halte zum Beispiel Sahra Wagenknechts Konter, die AfD solle selbst „zum Vogelschiss der Geschichte werden“, in diesem Sinn für durchaus gelungen. Der Klamottenklau im Freibad, der Alexander Gauland in der Badehose dastehen ließ, ist einerseits nicht unproblematisch. Andererseits setzt die Aktion sehr eindrücklich auf die Macht der Bilder.

Inwiefern?
Nun, zunächst einmal steht der kleine Kaiser plötzlich nackt da – wie im Märchen. Sodann haben Badehosenbilder in der deutschen Geschichte eine gewisse Tradition. Denken Sie an das berühmte Foto, das Reichspräsident Friedrich Ebert und Reichswehrminister Gustav Noske beim Baden am Ostseestrand zeigt. Das vermeintlich harmlose Bild, das nie zur Veröffentlichung gedacht gewesen war, erschien just am Tag von Eberts Vereidigung. Rechtskonservative und rechtsradikale Kreise setzten das Foto bis zu Eberts Tod 1925 ein, um die junge Weimarer Demokratie und ihren ersten Mann lächerlich zu machen. Ein anderes Beispiel sind Rudolf Scharpings „Bin Baden“-Bilder aus dem Jahr 2001, die wesentlich zum Ansehensverlust des damaligen Verteidigungsministers beitrugen. Heute nun wird ein nackter Gauland Teil einer Performance, die das Peinliche und Unanständige seines Vogelschiss-Vergleichs lächerlich macht und ihn so bis zur Kenntlichkeit entstellt. Er muss sich nicht wundern, wenn auf ihn zurückfällt, was er selbst an politischer Unkultur „unter der Gürtellinie“ anrichtet.

Interview: Joachim Frank

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