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Eine Frau schreibt in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea die Schriftzeichen für "Wiedervereinigung" an eine Mauer.

Mauern

Grenzschützer und Mauerspringer

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"Überzeugen ist unfruchtbar", formulierte ein melancholischer Geist des 20. Jahrhunderts. Darum hier Assoziationen, keine Argumente.

In Tokio hielt Régis Debray – geboren 1940 in Paris – 2010 den Vortrag „Lob der Grenzen“. Gegen die Vorstellung, Grenzen seien immer schlecht, argumentierte er, die Bibel zitierend, ungefähr so: Gott schied das Licht von der Finsternis, trennte Wasser und Erde. Um aus der Ursuppe einen Kosmos zu extrahieren, trennt und fügt der liebe Gott zusammen. So entsteht Kultur. Nur so entsteht überhaupt etwas.

Debray erinnerte auch daran: „Das Prinzip des Laizismus hat einen Namen: die Separation. Das Gesetz ist öffentlich, das Private bleibt zu Hause. Es begann im Mai 1968 in der Euphorie eines sympathischen Tohuwabohu. Es versinkt momentan in übler Geschäftemacherei und in wirrem Exhibitionismus. Es ist an der Zeit, den Gott Terminus anzuflehen, die Grenzsteine wieder aufzustellen und die gelben Linien nachzuzeichnen.“

Niemand nimmt derzeit die Formel, das Private sei politisch, so beim Wort wie die Islamisten. Genau daran demonstrieren  sie ihren totalitären Charakter.

Gegensatz von Grenzen und Grenzlosigkeit

1962 erhielt der 1933 aus Frankfurt am Main in die USA emigrierte Theologe Paul Tillich (1886–1965) den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er sprach in der Paulskirche über „Grenzen“ als das zentrale Thema seiner Philosophie. Tillich wandte sich gegen den – von Debray Jahrzehnte später verfochtenen – Gegensatz von Grenzen und Grenzenlosigkeit. Das war für ihn nicht die Alternative. Tillich plädierte für das „Dasein auf der Grenze. Die Grenzsituation ist voller Spannung und Bewegung. Sie ist in Wirklichkeit kein Stehen, sondern ein Überschreiten und Zurückkehren, ein Wieder-Zurückkehren und Wieder-Überschreiten, ein Hin und Her, dessen Ziel es ist, ein Drittes jenseits der begrenzten Gebiete zu schaffen ...“. Der 1982 erschienene Roman „Mauerspringer“ von Debrays Altersgenossen Peter Schneider stand Tillich näher als Debray.

An einer anderen Stelle spricht Tillichs Text aus dem Jahre 1962, der natürlich auch auf den Erfahrungen von 1932 beruht, direkt ins Jahr 2018: „Die Aggression des Fanatikers ist die Folge seiner Schwäche, seiner Angst, die eigene Grenze zu überschreiten, und seiner Unfähigkeit, das, was er in sich selbst unterdrückt hat, im andern verwirklicht zu sehen. Es geschieht aber auch, dass man im Zweifel an der eigenen geistigen Welt die Grenze überschreitet, in dem neuen Glauben eine neue fest umgrenzte Sicherheit findet, nicht mehr zurückgeht und eine Gegen-Aggression entwickelt, den oft besonders heftigen Fanatismus des Renegaten, des religiösen wie des antireligiösen.“

Mit beidem haben wir es heute in einem Ausmaß zu tun – hier und überall auf dem Globus – an das Paul Tillich damals ganz sicher nicht dachte. Beide, der, der keine Grenze überschreiten möchte, und der, der es einmal tat, um es nie wieder zu tun, wollen die Grenzen, wenn nicht gänzlich geschlossen, so doch gänzlich unter der eigenen Kontrolle halten. Sie sind fanatische Grenzschützer. Sie hassen die Mauerspringer und sie setzen alles daran, die Entstehung jenes „Dritten“ zu verhindern, auf das Tillich seine ganze Hoffnung setzte.

Es gibt auch immer ein Drittes

Es gibt nicht nur immer eine Alternative. Es gibt auch immer ein Drittes. Dieses Dritte ist ein realer Ort und eine Denkfigur. Grenzen verschieben sich. Keine Mauer ist hoch genug, um nicht gestürmt zu werden. Man kann das sehr schön nachlesen in David Fryes noch nicht ins Deutsche übersetztem Buch „Walls: A History of Civilization in Blood and Brick“. Die, die sich als Menschheit betrachteten, haben sich schon immer mit Barrikaden und Mauern von den „Barbaren“ abgegrenzt.

Nie mit dauerhaftem Erfolg. In diesem heißen Sommer wurden vielerorts in Europa seit Jahrtausenden unter der Vegetation verborgen gebliebene Verteidigungsanlagen sichtbar: Mauern und Wälle aus römischer oder noch älterer Zeit. Ein Fest für Archäologen. Für uns die Erkenntnis, dass diese Mauern nicht einmal kleine Städte, geschweige denn ganze Länder, bewahrt haben vor dem Untergang.

Mauern zwischen Uruk, China und Berlin

David Frye war überall in der Welt unterwegs. Er hat sich Mauern zwischen Uruk, China und Berlin angesehen – keine hielt stand. Kultur, das lernt man bei ihm, verbarrikadiert sich hinter Mauern. Sie lebt von der gerümpften Nase, auf die sie dann fällt. Stets zu ihrem Nutzen. Die Mauern werden niedergerissen. Wir kennen das aus der Geschichte unserer Städte. Deren Moderne begann, als aus Stadtbefestigungen Grünanlagen wurden.

Wer wissen möchte, woher nach all diesen Erfahrungen die neue Lust auf Mauern im 21. Jahrhundert kommt, der lese das Buch „Mauern – Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität“ der 1955 geborenen, im kalifornischen Berkeley lehrenden Wendy Brown. Das Mauerbaufieber der National- und speziell der demokratischen Staaten ergibt sich aus den Gefühlen von Subjekten, die den Rückgang staatlicher Souveränität als Verlust an Orientierung und Ordnung, ja sogar eigener Identität erfahren. Sie empfinden sich als verletzt.

Das Subjekt identifiziert sich, schreibt Wendy Brown, „mit der von seinen Souveränitätseinbußen verursachten geschwächten Potenz des Staates und sucht nach Wegen, diese Potenz wiederherzustellen. Hier nimmt das Subjekt die Verwundbarkeit und Schrankenlosigkeit des Nationalstaats, seine Penetrabilität und sein Ausgesetztsein wie seine eigene wahr. Eine solche Identifikation scheint, mit all ihren geschlechtsspezifischen und sexuellen Konnotationen, im Zentrum des gekränkten Maskulinismus zu stehen, der hinter der Mauerbauoffensive steht.“

Das klingt dem einen oder anderen vielleicht gar zu psychoanalytisch. Kann man, wenn man über Mauern schreibt, wirklich so ganz auf das Militärische verzichten? Aber es gibt längst kostengünstigere und effektivere Überwachungssysteme als die Milliardenbeträge verschlingenden Mauern. Was ist zum Beispiel einleuchtender als die Bemerkung von Janet Napolitano, der ehemaligen US-Heimatschutzministerin: „Sie zeigen mir eine fünfzig Fuß hohe Mauer, und ich zeige Ihnen eine einundfünfzig Fuß hohe Leiter“?

Die riesigen Kosten sind kein Argument gegen, sondern für den Bau von Mauern. Sie signalisieren der Bevölkerung: Der Staat tut etwas, und er tut viel. Außerdem schafft der Mauerbau Arbeitsplätze und belebt die Bauindustrie. Vor allem aber gibt er den sich mit dem Staat identifizierenden Einzelnen die Möglichkeit, sich mit ihm zusammen wieder groß und stark zu fühlen. Dazu gehört die Gewalt, die man in der Lage ist, gegen andere durchzusetzen. Keine Mauer ohne Mauertote. Sie dokumentieren die Stärke des Staates, seine Entschlossenheit gegen sie einzusetzen. Nach außen und nach innen. Der autoritäre Staat ist ein Staat hinter Mauern. Er braucht sie, weil er angewiesen ist nicht nur auf die Ausübung von Gewalt, sondern auch auf die Demonstration seiner Gewaltbereitschaft. Er verbreitet Angst, weil er Angst hat. Er weiß, dass jede freie Bewegung ihn in Frage stellt. Die Mauer, die er um sein Staatsgebiet zieht, um Fremde auszuschließen, funktioniert immer auch als Mauer, die die eigenen Leute einschließt. Die Mauer, offiziell gebaut zu ihrem Schutz, demonstriert ihnen immer auch, dass der Staat sie beherrscht. Selbstbewusste Bürger mögen den schwachen, aber gerade darin starken Staat.

Heute aber machen nicht die Bürger den Staat stark, sondern sie setzen auf einen starken Staat, um sich selbst stark zu fühlen. Sie identifizieren sich mit dem Aggressor. Ihre Parole ist „Make America great again“. Bei ihr geht es – entgegen dem Wortlaut – gerade nicht um die USA, sondern um die Amerikaner. Der Einwand der Demokraten, Amerika habe niemals aufgehört, groß und stark zu sein, verfehlte darum ganz und gar, worum es in Wahrheit ging: das gebrochene Selbstwertgefühl des weißen Mannes.

Für das nicht so gut ausgerüstete Auge wurde das unübersehbar mit und in Donald Trump. Er sprang aus einer Welt, in der Männer ihren Sekretärinnen den Po tätscheln und Schwarze allenfalls Portiersuniformen tragen, mitten hinein ins Weiße Haus.

Für die Mauer spricht das Geld, das sie kostet

Die Bürger der USA erkennen sich wieder in den Karikaturen Donald und Melania. Beide mimen, was sie nicht sind: Stärke und Schönheit. Sie bieten eine Show. Für die Mauer spricht nicht nur das Geld, das sie kostet. Für sie spricht auch ihre Ineffizienz. Sie ist eine Kulisse. Dass sie nichts taugt, macht sie reizvoll für den Showpräsidenten.

Die Grenzen zwischen Showbusiness und Politik verschmelzen und verschmolzen – man denke an Ludwig XIV, an Wilhelm II. –  immer wieder. Die Ära Trump bildet ein ganz besonders geglücktes Amalgam. Trump tut so, als würde er aus dem Goldenen Haus absteigen ins Weiße Haus. In Wahrheit wissen wir nicht, ob das Weiße Haus nicht seine einzige Chance ist, doch noch ein Goldenes Haus zu bekommen.

Wer über Grenzen spricht, neigt dazu, so zu tun, als handele es sich um gemeinsame Grenzen. Das sind auch die Grenzen, von denen Paul Tillich spricht. Aber Donald Trump und die Mehrheit seiner Wähler grenzen nicht aneinander. Arm und Reich haben keine gemeinsame Grenze.

Manchmal tun sie es geografisch. Dann werden Mauern und Zäune um die Siedlungen der Reichen gebaut, Wachtposten davorgestellt und es kommen nur noch Leute mit den entsprechenden Ausweisen hinein. Nach einer Weile aber werden die Armensiedlungen in der Umgebung der Gated Community abgerissen. Erst einmal tut sich gar nichts, dann entstehen kleine Villen und entweder die Gated Community wächst oder aber es entsteht eine zweite oder Platz für die Mittelschicht. Die bildet dann einen Schutzwall um die Reichen. Die Superreichen wohnen noch einmal ganz woanders. So habe ich es in Caracas erlebt. Vor vielen Jahrzehnten.

Alle sind von Grenzen umzogen

Bei uns wird vor der Entstehung von Parallelgesellschaften gewarnt. Wir leben aber schon lange in Parallelgesellschaften. Überall werden Grenzen gezogen. Internate und Zöglingsheime, Lehranstalten und Altenheime. Sie alle sind von Grenzen umzogen. Wir haben erst in den letzten Jahren mehr erfahren über das, was sich hinter diesen Grenzen abspielt. Wie viele Verbrechen spielen sich im „Schutzraum“ Familie ab? Erst seit dessen Grenzen überschritten werden, ahnen wir die schreckliche Antwort auf diese Frage.

Die effektivsten Grenzen allerdings sind die, für die einem erst die Augen geöffnet werden müssen. Nicht weil man sie nicht sieht, sondern weil man es vorzieht, sie nicht zu sehen. Zum Beispiel die, die Harvey Weinstein um sich zog. Sexuelle Belästigung spielt sich oft in aller Öffentlichkeit ab. Aber ohne MeToo munkelte man allenfalls über die Täter, ging aber nicht gegen sie vor.

Die Grenze ist hier die Mauer des Schweigens, die die Macht um sich errichtet. Diese Grenzen gibt es überall, wahrscheinlich in jedem Betrieb, an jeder Arbeitsstelle. Die ganze Gesellschaft ist durchsetzt von Grenzziehungen, die wir erst wahrnehmen, wenn wir sie verletzen. Darum ist die Grenzverletzung so wichtig. Nur Mauerspringer sind in der Lage, die eigene Situation zu erkennen.

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