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Grass verteidigt sein Israel-Gedicht

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Literaturnobelpreisträger Günter Grass beim Empfang zu seinem 85. Geburtstag.
Literaturnobelpreisträger Günter Grass beim Empfang zu seinem 85. Geburtstag. © dpa

Bei der offiziellen Einweihungsfeier des Grass-Hauses in Lübeck gibt sich Schriftsteller Günter Grass gewohnt streitbar und verteidigt erneut sein umstrittenes Israel-Gedicht "Was gesagt werden muss".

Von Sabine Vogel

Schubidubidu macht Helge Schneider und plinkert am Klavier lässigen Möblierungsjazz. Der 78-jährige Bassist Rudi zupft routiniert die Saiten und an den Schlagwerkzeugen tupft ein cooler Typ dazu dezente Rhythmen. Im Garten laden adrette Damen mit Tabletts voller Weingläser zum Trinken ein, noch bevor die obligatorischen Festreden beginnen.

Zu feiern gilt es die Neueröffnung des Günter-Grass-Hauses in der Lübecker Glockengießerstraße 21 und den 85. Geburtstag des 1927 in Danzig geborenen Nobelpreisträgers. Unter den Ehrengästen werden Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Markus Lüpertz begrüßt, außerdem sind mindestens die Schriftsteller Feridun Zaimoglu, Sherko Fatah, Tilman Spengler und Eva Menasse angereist. Sie gehören zum Kreis jener Autoren, die sich beim alljährlichen Lübecker Literaturtreffen mit dem deutschen Großdichter austauschen und für die Festbeilage der Lübecker Nachrichten Grußadressen geschrieben haben.

Zaimoglu beglückwünscht darin den „großen, altersfrischen Mann zu seinem jahrzehntelangen Kampf gegen die Flachen und Geistlosen. Saft, Kraft und Stärke machen den Menschen Günter Grass aus, der keine unanfechtbaren Dogmen kennt.“ Bloß die Anwesenheit des Putinfreundes Schröder regt Zaimoglu ein wenig auf, und im spätabendlichen SPD-Geplänkel der beiden Männer erkennt er ein Genrebild aus alter Zeit. Aber lang bleibt Schröder eh nicht, und nachdem er in Begleitung seiner zwei riesigen Bodyguards abgezogen ist, wird es familiär unterm Dach des Grass-Hauses. Günter, wie ihn hier alle nennen, dreht Plauderrunden, lässt sich herzen und von silbergrauen Bewunderinnen küssen, und selbst ich traue mich, ihm kurz über den burgunderroten Pullunder zu streichen. Der Rotwein steht inzwischen flaschenweise auf den Tischchen, und der schon immer rotgesichtige Chinaexperte Tilman Spengler erklärt, dass er den theatralischen Friedenspreisträger Liao Yiwu für etwas beschränkt hält.

Vergleichsweise günstiger Umbau

Doch zurück zum Protokoll: Während die gut 400 geladenen Gäste im kleinen Hof zusammenrücken und sich mit etwas Alkohol aufwärmen, lobt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) in einer etwas konzeptfreien Rede die Umgestaltung des 2002 eröffneten Grass-Hauses – sie hat, vergleichsweise wenig, 200.000 Euro gekostet – als wertvolle Einrichtung der deutschen Kulturlandschaft. Ja. Konkreter formuliert Hans Wißkirchen, der Leiter der Lübecker Museen, zu denen auch das Buddenbrookhaus gehört, die neue Herausforderung: „Wie schafft man es auf intelligente Art und Weise, das digitale Lesen, das prinzipiell auf Ortlosigkeit angelegt ist, das von dem Ideal lebt, alle Texte überall und zu jeder Zeit verfügbar zu haben, mit dem auratischen Ort, dem Dichterhaus, das es so nur ein Mal auf der Welt gibt, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen?“

Die Antwort ist eine voll durchtechnologisierte Präsentation mit großen Touchscreens, interaktiven Modulen und einem virtuellen Schreibtisch, auf denen der Besucher Memory spielen und sich eigene Schwerpunkte herbeizoomen kann. Wie steht’s mit der Romantik in Grass’ Leben und Werk, wie mit den Frauen, wie mit den politischen Standpunkten?

Und natürlich, ganz aktuell, mit seinen Skandalen, die der streitbare Kaschube immer wieder provoziert, seit der „Blechtrommel“ von 1959 („Pornografie!“) über das späte Bekenntnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS im autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ von 2006 bis zu seinen neuesten israelkritischen Gedichten „Was gesagt werden muss“ und dem jüngsten Affront „Ein Held unserer Tage“. Darin errichtet Grass dem Friedensnobelpreisträger Mordechai Vanunu ein Denkmal, weil dieser das israelische Atomprogramm öffentlich gemacht hatte und deshalb in seiner Heimat jahrelang als Staatsfeind inhaftiert wurde.

Eine notwendige Torheit

Um das immer wieder aufs Neue provokativ Politische dieses deutschen Dichters kommt keiner herum. „Er hat nicht aufgehört, daran zu glauben, dass Worte etwas ändern“, lobt die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse und preist „seine Neugier, sein Temperament, seine Unverfrorenheit, seine kämpferische Lust, sich täglich aufs Neue mit der Welt zu verwickeln – koste es, was es wolle. Gewiss aber kostet es den geistigen Ruhestand“. Kurzärmelig und mit Wollmütze, gibt sich der Regisseur Armin Petras als gebildeter Revoluzzer, zitiert Heinrich Böll und David Foster Wallace, schwafelt in antikapitalistischer Parolenmanier vom „Kontext der herrschenden Verhältnisse“, in die Grass nicht hineinpassen will, um dann erratisch zu schließen: „Wir brauchen das, vielleicht mehr, als Sie glauben!“ Der Literaturwissenschaftler und Dylan-Fan Heinrich Detering bringt ein paar schlaue Auslassungen zu Grass’ Mut zum Ich-Bekenntnis, das die individuelle Schuld nicht dem Plural überlasse, und führt vor, wie man ein Gedicht interpretiert.

Als endlich der so behuldigte Günter Grass das Rednerpult betritt, sagt er zu seinem neuesten Israel-Gedicht: „Ja, es war eine Torheit, das so auszusprechen. Aber es war eine notwendige Torheit.“ Dann verlangt er nach Rotwein statt Wasser und liest – wie um zu beweisen, dass nicht alle seiner Gedichte politisch zu verstehen sind – 40 Minuten lang aus seinem neuen Gedichtbuch „Eintagsfliegen“ vor. Weiter so!

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