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Thomas Gottschalk mit Jerry Hall in seiner Vorabendshow: Angeblich, so heißt es im aktuellen Spiegel, kann die ARD im April aus der Sendung aussteigen, sollte der Marktanteil bis dahin nicht über die Zehn-Prozent-Marke steigen.
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Thomas Gottschalk mit Jerry Hall in seiner Vorabendshow: Angeblich, so heißt es im aktuellen Spiegel, kann die ARD im April aus der Sendung aussteigen, sollte der Marktanteil bis dahin nicht über die Zehn-Prozent-Marke steigen.

Gottschalk live ARD

Gottschalks gekünstelte Geburtstagsparty

Für gute Unterhaltung ist immer der Gastgeber verantwortlich. Der sollte zumindest ein paar Grundregeln können. Thomas Gottschalk lässt sie in seiner neuen Vorabendsendung hin und wieder vermissen.

Von Klaudia Wick

Für gute Unterhaltung ist immer der Gastgeber verantwortlich. Der sollte zumindest ein paar Grundregeln können. Thomas Gottschalk lässt sie in seiner neuen Vorabendsendung hin und wieder vermissen.

Schön, dass Sie hier sind? Beim Fernsehen kann man eine Einladung annehmen und dabei selbst zu Hause bleiben! Anders als das Kino, das Theater, das Varieté, das seine Besucher in die Dunkelheit setzt und zur Stille verdammt, ist das Fernsehen auch für seine Zaungäste ein Gastgeber auf Augenhöhe: ein plauderndes Gegenüber, ein interessanter Bekannter, ein gut informierter Nachbar. Es gibt viele Anlässe, zu denen uns das Fernsehen einlädt.

Und wie im echten Leben bestimmt der jeweilige Anlass den Rahmen, in dem sich Gast und Gastgeber bewegen. So darf zum Beispiel, wer sich zu einem politischen Stammtisch verabredet hat, nicht erwarten, dass sich die Gäste gegenseitig höflich ausreden lassen und ständig alle einer Meinung sind. Genauso wie ein Kindergeburtstag nicht ohne Albernheiten auskommen und runde Geburtstage nicht allzu häufig stattfinden können. Aber ein paar Grundregeln gelten doch überall: So sollte der Gastgeber seine Gäste zum Beispiel beim Namen kennen.

Gottschalk beherrscht nicht alle Grundregeln

Als Thomas Gottschalk unlängst die Journalistin Silke Burmester in seinem TV-Wohnzimmer empfing, sie zwar vertraulich duzte, Frau Burmester dann aber nacheinander erst „Silvia“ und dann „Silvi“ nannte, entlarvte sich seine von ihm zuvor eifrig zur Schau gestellte Wertschätzung als wohlfeile Fernsehlüge. Die so Düppierte rächte sich, indem sie am Ende der Sendung ihrerseits eine zentrale Benimmregel für Gäste verletzte und selbst eine Frage stellte: „Was ist eigentlich in den Schreibtischschubladen?“ Gottschalk musste zugeben: Sie waren leer – wie das Wohnzimmergefühl seiner Show. Alles nur Kulisse. Es ist ja viel von Gottschalks Umstellungsschwierigkeiten geschrieben worden. Angeblich, so heißt es nun im aktuellen Spiegel, kann die ARD im April sogar aus der Sendung aussteigen, sollte der Marktanteil bis dahin nicht über die Zehn-Prozent-Marke steigen.

Die Einladung, die er bisher im ZDF aussprach, entspricht im sozialen Alltag den Ritualen eines runden Geburtstages: Die Gästeliste ist der Bedeutung des Jubilars verpflichtet. Der darf deshalb auch selbstherrlich und unwidersprochen bestimmen, wer wann wie lange reden darf. Je älter der Gefeierte, desto häufiger mag er Altherrenwitze reißen. Solche Familienfeste haben im normalen Leben einen schwer einzuschätzenden Unterhaltungswert. Grundsätzlich gilt: Je länger man den Gastgeber kennt, desto selbstverständlicher folgt man seiner Einladung. Das Fest braucht also keinen spezifischen Unterhaltungswert. Runde Geburtstage können ausufern, aber nicht misslingen

Lange Zeit wie ein Kindergeburtstag

Bevor Thomas Gottschalk „Wetten, dass ..?“ zu seinem Dauergeburtstag umdefinierte, folgte die ZDF-Show lange dem Muster eines Kindergeburtstages: Die Spiele standen im Vordergrund und der väterliche Gastgeber Frank Elstner präsentierte die Wetten mit aufbauschendem Ah und Oh.

Solche Spieleabende haben im Fernsehen Tradition, Lou van Burg, Hans-Joachim Kulenkampff, Blacky Fuchsberger oder Rudi Carrell haben zur Freude eines Massenpublikums schon Kindergeburtstage veranstaltet. Hier darf sich der Gastgeber im Eifer des Gefechts schon mal im Ton vergreifen. In den 90er-Jahren adaptierte das Privatfernsehen dieses Subgenre inklusive Geschmacksentgleisungen: Ulla Kock am Brink machte mit ihrer robusten Moderation der „100?000 Mark Show“ oder „Glücksritter“ Karriere.

Überhaupt ist es mit dem Tonfall in Unterhaltungssendungen ein wenig wie mit den Korruptionsgesetzen für Beamte: Die Sensibilität für Verfehlungen ist spürbar gestiegen. Wer könnte sich bei RTL heute noch Joachim Steinhöfels Publikumsbeschimpfungen in „18:30“ vorstellen? Es passt nicht mehr in eine Zeit, in der die televisionäre Eins-zu-Eins-Unterhaltung wie bei „Thadeusz“ oder „Gero von Boehm begegnet ...“ eher therapeutische Züge trägt: Verständnis heischendes Zuhören und geduldiges ausreden lassen ist oberste Moderatorenpflicht. Ein Meister unter den Zuhörern ist Wieland Backes. Neben den geselligen Nachbarschaftsabenden „3 nach 9“, „Kölner Treff“, „NDR-Talkshow“ kann das „Nachtcafé“ seine herausgehobene Stellung als Gruppentherapie seit 25 Jahren behaupten.

Wieland Backes wäre sicher verloren, wo ZDF-Kollegin Maybrit Illner überhaupt erst zu voller Größe aufläuft. Ihre Talkshow hat mit Unterhaltung im unterhaltsamen Sinne wenig zu tun. Eher hat man als Zuschauer das Gefühl, aus Versehen einer Telefonkonferenz zugeschaltet worden zu sein, die von Frau Illner straff und zielgerichtet geleitet wird. Gibt es eine Zweite im deutschen Fernsehen, die ihre Gäste so häufig unterbrechen darf, ohne dafür Sympathiepunkte abgeben zu müssen? Erst neulich in ihrer Sondersendung „Wer traut sich jetzt noch Präsident“ maßregelte sie ihren Gast Christian Schertz, er möge sich doch nicht mit seinem Nachbarn unterhalten, während sie am Tisch ihr Interview führe. „Das ist ja wie in der Schule ...!“, wunderte sich der Prominentenanwalt.

Plasberg wird kein lässiger Gastgeber mehr

Der Schulmeister unter den Polittalkern ist indes in der ARD verbeamtet. So demonstrativ Frank Plasberg auch ohne Krawatte ans Touchscreen-Pult tritt, ein lässiger Gastgeber wird aus ihm in diesem Leben wohl nicht mehr. Aber Plasbergs Besserwisserei ist immerhin dem gleichen Ziel verpflichtet wie Illners zieloptimierte Gesprächsplanung: Es geht um die „Vermehrung der gewonnenen Einsichten“.

Inwieweit das auch für die vielen zweckfreien Salons gilt, die sich ARD und ZDF in ihren Abendprogrammen inzwischen gönnen, bleibt fraglich. Die exklusive Einladung in den Salon hat den geruhsamen „Besuch bei guten Freunden“, wie ihn einst Fuchsberger in „Heut’ Abend“, Kulenkampff in „Feuerabend“ oder Biolek in „Boulevard Bio“ mit ihrem vertraulichen Plauderton anboten, abgelöst. Sandra Maischberger, Anne Will und nun auch Günther Jauch stellen ihre Einladungen unter ein Tagesmotto und laden dann ausgesuchte Gäste zu ihrem ausgesuchten Thema ein.

Es ist jeweils gleichgültig, was am Ende bei dieser ausgewogen unausgewogen besetzten Unterhaltung herauskommt. Vor allem bei Günther Jauch fällt gelegentlich auf, dass er dem einen Gast eine Frage stellt, die dann aber von einem ganz anderen Gast beantwortet wird. Kein Problem, geht es doch um den Gedankenaustausch als solches. L’ art pour l’art für ein bildungsnahes, bürgerliches Publikum, das für das erhabene Gefühl, hier mitreden zu dürfen, gerne seine Gebühren entrichtet. Schön, dass wir mal drüber geredet haben.

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