Gott und die Welt

Der Gedanke müsste für Pfarrer eigentlich verlockend sein: Kommen die Schäfchen nicht in die Kirche, dann kommt der Hirte eben zu ihnen nach Hause - übers Internet. Einer der (bislang wenigen) bloggenden Geistlichen ist Hans Spiegl.

Von Monika Porrmann

Der Gedanke müsste für Pfarrer verlockend sein: Kommen die Schäfchen nicht in die Kirche, dann kommt der Hirte eben zu ihnen nach Hause - übers Internet. Einer der bislang wenigen bloggenden Geistlichen ist Hans Spiegl. Der evangelisch-lutherische Pfarrer aus dem österreichischen Bischofshofen zeichnet seit einem Dreivierteljahr seine Gedanken auf und stellt sie als Audiodatei zum Herunterladen ins Netz. Sein Podcast Tagebuch eines Pfarrers, inzwischen durch ein Textblog ergänzt, verhalf dem 45-Jährigen aus der 10.000-Einwohner-Gemeinde südlich von Salzburg schlagartig zu einem erweiterten Publikum. Jeden Tag schauen im Schnitt 3700 Besucher vorbei, rund 650 hören regelmäßig seinen Podcast.

Weblogs als neuer Vertriebsweg für die christliche Botschaft? Hans Spiegl gibt profanere Beweggründe an: "Der zentrale Punkt, weshalb ich podcaste, ist einfach die Verarbeitung von Tageseindrücken, das Auf-den-Punkt-Bringen von Erlebnissen. Es ist also eine Ego-Angelegenheit - dass es sich anscheinend viele Menschen gerne anhören, freut mich zwar sehr, aber es ist nicht intendiert und auch nicht der Grund, warum ich blogge."

Spiegl spricht und schreibt über Politik ("In Österreich hat das neue Jahr mit einem Schock begonnen: Wir haben eine neue Regierung"), über Besitz und Geld ("Leben Sie schon oder sparen Sie noch?"), über Mobbing und Amokläufer, Papst und Mullah, Halloween und Allerseelen. Er fragt, ob ein iPod glücklich macht, wie schwul die Schwulenhasser sind und ob ein Pfarrer immer nett sein muss. Und: Er beichtet ("Ich hasse Stefan Raab!").

In seiner Kirchengemeinde scheint das Bedürfnis, dem eigenen Pfarrer nun auch im Web zu begegnen, wenig ausgeprägt: "Meine eigene Gemeinde sieht mich eh dauernd, also wozu Podcast hören?" Das Bloggen bescherte Spiegl stattdessen neue Kontakte. "Es ist fast ein Stückerl Internet-Gemeinde entstanden." Und die schickt auch mal besorgte E-Mails, wenn der allein erziehende Vater von zwei Kindern mal nicht zum Bloggen kommt. Spiegls Audioblog ist inzwischen für den Podcast-Award 2007 nominiert.

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