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Jann Gallois und Rafael Smadja, tüchtig verhakt.

Festival Tanzmainz

Gordischer Körperknoten

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Die fabelhafte junge Choreografin Jann Gallois beim Festival Tanzmainz.

Es sind oft Quer- und Späteinsteiger, die die Kunstform Tanz voranbringen, Menschen, die nicht von klein auf an der Ballettstange standen, die darum vielleicht auch unbefangener mit den Möglichkeiten des Körpers umgehen. Jann Gallois zum Beispiel, die man jetzt beim Tanzmainz-Festival kennenlernen konnte mit einem selbst getanzten Solo und einem von ihr choreografierten Duo. Die Aufführung fand zwar im kleinen U17 statt, aber die Französin, die klassische Musik studierte, dann als Tänzerin im HipHop landete, traut sich inzwischen auch an größere Stücke und ist assoziierte Choreografin am Théâtre National de Chaillot.

Jann Gallois geht offenbar gern an Grenzen – und sie sucht sich dabei auch noch originelle Grenzen aus. In Mainz zeigte sie ihr erstes eigenes, knapp 20-minütiges Solo, „P=mg“, für das sie auch gleich zahlreiche – neun! – Preise gewann. Es geht darin um die Erdanziehung, Jann Gallois stellt sie sich zehnmal so stark vor, wie sie tatsächlich ist. Man sieht also eine Tänzerin, deren Gliedmaßen auf den Boden rumsen, deren Hände von den Knien rutschen und auf die Tanzfläche patschen, deren ganzer Körper wankt und stürzt, sobald die Gegenwehr der Muskeln nachlässt. Sie kämpft, immer wieder, überschlägt sich, fällt schon wieder, robbt ein Stück, setzt die Ellbogen auf, bis sie ihr wieder entgleiten. Der Kopf fällt ihr auf die Brust, die Beine knicken ein, die Schwerkraft zerrt an allen Gelenken. Die Tänzerin bäumt sich auf, dann liegt sie wieder platt.

Jann Gallois führt ihren Kampf gegen die überzeugend imaginierte Kraft zäh, schnell, schweißtreibend. Außerdem in vielen, auch skurrilen, Variationen. Manchmal wie ein Hampelfrauchen. Manchmal wie eine findige Arbeiterin am Bewegungsmaterial. Am Ende scheint sie sogar vom Fliegen zu träumen, vom Abheben gegen alle Widrigkeiten.

„Compact“ ist der Titel des 25-minütigen Duos, das Gallois mit Rafael Smadja tanzt, zu mal nervöser, mal ein wenig schwelgerischer Musik von Alexandre Dai Castaing und Nils Frahm. Von Anfang an und fast bis zum Schluss sind die beiden ineinander verhakt, dabei aber bewegen sie sich, schieben, rutschen, ruckeln sich pausenlos in immer neue Verknotungen. Bisweilen ragen die acht Gliedmaßen so wild in die Gegend, dass man genau gucken muss, wenn man entscheiden möchte, welches Bein und welcher Arm zu wem gehört.

Andererseits muss man nicht unbedingt Schritt halten, man kann die Körperknäuel und -knoten auch einfach als apart fremdartiges Bild nehmen. Es braucht dafür ein beeindruckendes Maß an Biegsamkeit. Die beiden machen sich auch ein wenig lustig über ihr Tun, wenn sie sich einen Fuß von ihm unters Kinn klemmt oder er aus ihrer Ellbogenbeuge linst. Sie schlingt sich um seinen Kopf, er protestiert leise in ihren Bauch hinein. Sie kullern gemeinsam über den Boden. Sie probieren einfach alles, was ihnen an Stellungs-Absurditäten einfällt – aber selbstverständlich ist das kein spontanes Probieren, diese hohe Kunst Gordischer Körperknoten ist hart erarbeitet.

Staatstheater Mainz: Tanzmainz-Festival noch bis 6. April. www.staatstheater-mainz.com

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