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Pidachi leitete durch die Konferenz.

Google I/O

Google wird nicht innovativ

Auf der Entwicklerkonferenz I/O stellt Google seine neuen Entwicklungen und Kreationen vor. Die aktuellen Ideen könnten den Alltag verändern. Wirklich neues ist nicht dabei.

Von Yannic Hertel

Google feiert sich selbst und verlegt seine Entwicklerkonferenz dieses Jahr ins Shoreline Amphitheatre. Dort legen sonst DJs und Künstler unter freiem Himmel auf; Google schien diese Atmosphäre für sich nutzen zu wollen. Zwei Stunden lang präsentierte der neue Google-CEO Sundar Pichai die Innovationen des Konzerns – wirklich innovativ war jedoch keine davon.

Google Home

Zum Auftakt präsentiert Google eine neue Hardware: Google Home. Der vernetzte, sprachgesteuerte Lautsprecher soll Googles Schaltzentrale in den Wohnungen der Nutzer werden. Egal ob man Musik abspielen, einen Tisch im Restaurant buchen, ein Taxi bestellen oder das Licht im Wohnzimmer ausschalten will: ab Herbst sollen all diese Aufgaben von Google Home erledigt werden.

Möglich macht all dies Googles neue Software „Google-Assistent“. Diese soll durch häufige Nutzung den Anwender immer besser kennen lernen und so zu dessen persönlichem Assistenten werden. Doch dafür muss sich der Lautsprecher mit verschiedenen Diensten und Smarthome-Systemen verknüpfen und ständig zuhören, um keinen Auftrag zu verpassen. Datenschützer dürften diesen Umstand bedenklich finden.

Wem diese Funktionen bekannt vorkommen, der hat Recht: Amazon hat mit seinem „Amazon Echo“ ein ganz ähnliches Gerät mit annährend gleichen Funktionen. Die Ähnlichkeit konnte auch Pichai nicht abstreiten und zeigte seine Anerkennung: „Wir müssen dem Team bei Amazon für den Ansatz danken“, kommentierte er während der Vorstellung.

Einen Preis nannte Google bisher noch nicht. Orientiert man sich am Preis von Amazon Echo (199 Dollar für Standard- und 99 Dollar für Amazon-Prime-Kunden), kann man mit einem Preis um die 150 Dollar rechnen.

Google Messenger

Mitteilungsdienste sind Googles nächste Baustelle: Mit den Google-Apps Allo und Duo will der Konzern dem Facebook-Messenger und WhatsApp den Rang ablaufen. Ähnlich wie Facebook mit seinen Chatbots setzt auch Google künftig auf „smarte Messenger“.

Mit Allo soll das Chatten noch einfacher werden: dank künstlicher Intelligenz werden Nutzern passende Antworten für Chats vorgeschlagen, falls es mal schnell gehen muss. Hier kommen Googles Bilder- und Worterkennungssoftware zum Einsatz. Schickt eine Bekannte das Bild ihres neuen Hundewelpen, soll Google beispielsweise automatisch „Oh wie süß!“ vorschlagen können.

Ebenso wie Google Home setzt auch Allo auf den Google-Assistenten. Direkt aus dem Chat heraus soll es möglich werden, beispielsweise einen Tisch im Restaurant reservieren zu können. Zur Datensicherheit soll Allo eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung anbieten. WhatsApp setzt seit kurzem auch auf dieses Modell.

Während Allo sich auf geschriebene Chats spezialisiert, kümmert sich Duo in erster Linie um Videotelefonie. Ziel ist eine hohe Bildqualität bei nur kurzer Verzögerung. Als besonderes Feature ist es möglich bereits vor Annahme des Gesprächs das Video des Anrufers zu sehen um einschätzen zu können wie wichtig das Gespräch sein wird.

Auch hier erfindet Google das Rad nicht neu: Bereits mit Google Hangouts waren Videoanrufe möglich. Zusammen mit dem YouTube-Chat bietet Google dann vier verschiedene Chatfunktionen an. Ob es bei der Zahl bleibt oder alte Chats eingestampft werden, bleibt abzuwarten.

Android N

Wie auf jeder I/O-Konferenz stellte Google auch dieses Jahr sein neustes Update für Android-Systeme vor. Bereits bekannt war der Projektname Android N. Traditionell werden Android-Versionen nach Süßigkeiten benannt. Gemutmaßt wurde daher, dass die neue Version Android Nutella heißen könne. In Wahrheit bemüht sich Google aber gar nicht erst um einen neuen Namen und startet stattdessen eine Umfrage unter den Nutzern zu Namensfindung.

Auch sonst enttäuschte die Vorstellung des neuen Betriebssystems. Viele Informationen ließ Google nicht durchsickern und auch die Möglichkeit auf einem Smartphone zwei Apps nebeneinander laufen zu lassen kennt man bereits von aktuellen Samsung Geräten. Dank Android N sollen grafikintensive Anwendungen besser optimiert werden und flüssiger laufen.

Daydream

Die meisten Spekulationen lösten im Vorfeld Googles Pläne für virtuelle Realität (VR) aus. Experten rechneten mit einer eigenen Virtual-Reality Brille auf Android-Basis. Doch auch hier bleibt Google hinter den Erwartungen zurück: Die vorgestellte Plattform „Daydream“ soll nur ein Referenzdesign für Entwickler von VR-Apps und Smartphone-Hersteller sein. Zwar liefert „Daydream“ ein Design für VR-Brillen die mit verschiedenen Smartphones und Controllern kompatibel sind, doch diese Lösung scheint Samsungs Gear VR sehr zu ähneln.

Instant Apps

Die größte Innovation des Abends stellte „Instant Apps“ dar: Muss man sich heutzutage noch gedulden bis eine neue App vollständig herunter geladen ist, soll Instant Apps das ändern. In Zukunft soll es möglich sein, Apps nur teilweise runter zu laden und diese dann gleich nutzen zu können. Möglich ist dies, indem man die Apps in kleine Fragmente teilt. Wirklich nützlich wird diese Technik jedoch erst, wenn Entwickler ihre Apps gezielt für solche Anwendungen umschreiben. Dennoch könnte die neue Technik helfen die Flut an zusätzlichen Apps, welche sich die Nutzer teilweise sogar nur zum einmaligen Nutzen herunterladen einzudämmen und die Grenze zwischen Webseite und App aufzulösen.

Android Wear 2.0

Schließlich stellt Google auch das aktualisierte Betriebssystem für ihre Smartwatches vor. Mit Android Wear 2.0 soll es möglich sein auch Texte über kleine Tastaturen eingeben zu können. Ob dies bei den dezenten Bildschirmen der Computer-Uhren benutzerfreundlich ist, muss sich zeigen. Auch die Möglichkeit die Smartwatches ein wenig mehr vom eigenen Smartphone abzukoppeln, von denen sie bisweilen vollkommen abhängig sind, ist ein eher nötiger, denn innovativer Schritt.

Alles in Allem enttäuscht Google auf hohem Niveau. Die vorgestellten  Konzepte könnten auf lange Sicht das Nutzerverhalten verändern, doch es gibt sie schon in ähnlicher Art von anderen Herstellern. Wirklich innovative und erwartete Projekte wie „Tango“, welches Smartphones eine räumliche Wahrnehmung verschaffen soll, sucht man vergebens. Auch über das neue Google-Auto ließ Pichai nichts verlauten. Die gefloppte Google Glasses erhielt ebenfalls keine Reanimation. Man darf gespannt sein, wie sich Googles neue Systeme in den Markt integrieren.

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