+
Sylvia Staude schreibt für das Feuilleton der FR.

Times Mager

Goldstück

  • schließen

Er habe, erzählte H. kürzlich nebenbei, vor Monaten schon all seine Aktien verkauft und den Erlös in Gold angelegt. Da merkt selbst die in Gelddingen

Er habe, erzählte H. kürzlich nebenbei, vor Monaten schon all seine Aktien verkauft und den Erlös in Gold angelegt. Da merkt selbst die in Gelddingen hoffnungslos naive Feuilletonistin auf. Irgendwo - aber wo? Gut versteckt bestimmt - muss sich noch eine kleine Mappe befinden, rotes Leder, mit Druckknopf, in der all jene Goldmünzen aufgehoben sind, die sie, Jahr um Jahr um Jahr, von ihrer Großmutter zum Geburtstag bekam.

Immerhin bemüht, den mangelnden Enthusiasmus zu verbergen für ein Geschenk, das sich nicht fürs Spielen eignete, packte das Kind die kleinen rechteckigen Plastikhüllen aus. Schob die Goldmünze zu den anderen. Und vergaß sie allesamt. Der Goldwert fiel, Manfred Krug warb für Telekom-Aktien, der jungen Frau war beides herzlich egal.

Anfang 2007 sagte Manfred Krug in einem Interview - und da hatte die Krise mit dem großen K noch nicht mal begonnen: "Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei allen Mitmenschen, die eine von mir empfohlene Aktie gekauft haben und enttäuscht worden sind." Die Feuilletonistin hatte immer noch keine Aktie, weder T- noch A- bis S-, also war ihr auch das egal. Aber Anfang 2009 fiel dann auch bei ihr - dank H.s Bemerkung - ein Groschen, und hier passt dieses Bild ausnahmsweise. Sofort sandte sie eine Entschuldigung in den Himmel: "Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei meiner Großmutter, die das Leben ihrer Enkelin doch nur krisenfest machen wollte."

Meine Großmutter wurde im Jahr 1900 geboren. Den einen Krieg erlebte sie als Teenager - nur, dass damals weder dieses Wort verwendet wurde, noch die durchschnittliche Halbwüchsige Zeit bekam, halbwüchsig zu sein -, den anderen als Mutter dreier Kinder. Nach dem Krieg gehörte sie zu jenen, die man in Bayern gern "Hura-Flüchtlinge" nannte - das Beiwort wurde auf dem u betont und hatte mit Hurra! nicht das Geringste zu tun. Spätestens die Flucht muss meine Großmutter gelehrt haben, dass man besser mit leichtem Lebensgepäck reist und, wenn es hart auf hart kommt, am allerbesten mit kleinen wertvollen Dingen, die man auch dann noch eintauschen kann, wenn nichts anderes mehr geht. Die Enkelin hofft nun, dass Großmutter trotz allem zu pessimistisch war.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion