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Der weltweit erste Polizeiroboter bei einer Militärparade in Dubai im Mai 2017.

Weimar

Aufwachen aus einer falschen Aufklärung

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Das Goethe-Institut fragte beim diesjährigen Kultur-Symposium in Weimar nach Autonomie und Orientierung.

Wenn es an Klarheit und Überblick mangelt, helfen vielleicht Affen weiter. So jedenfalls durfte man den Vortrag des Leipziger Schimpansen-Forschers Roman Wittig verstehen, der im Rahmen des dreitägigen Kultursymposiums des Goethe-Instituts in Weimar einen Eindruck davon vermittelte, wie Schimpansen die Welt sehen. Das darf man sich nicht tierisch einfach vorstellen. Wittig, der an der Elfenbeinküste das Tai-Schimpansen-Forschungsprojekt leitet, führte vielmehr ein in eine komplexe Primatengesellschaft, in der Gemeinschaften gebildet, aber auch wieder aufgelöst werden. Kooperationen und strategische Partnerschaften, wohin man schaut. Außerdem verstehen sich Schimpansen auf die Kunst der Fellpflege, die nicht nur der Körperhygiene dient, sondern ganz entschieden zum sozialen Wohlempfinden beiträgt. Freundschaften werden vertieft und bestätigt, und als Instrument sozialer Interaktion verweist sie auf den die Gattung stabilisierenden Zusammenhang von Freundschaft und Gesundheit. Fellpflege verschafft Weltvertrauen.

Im Kontext der Weimarer Tagung unter dem Titel „Die Route wird neu berechnet“, zu der das Goethe-Institut rund 70 Referenten und über 300 Teilnehmer aus zahlreichen Ländern eingeladen hatte, stellte das Affenbeispiel eine Art Erweiterung des Blickfelds dar. Wer nach Orientierung sucht, sollte Abschweifung und Assoziation nicht scheuen. Und so ging es unmittelbar nach der Affenexkursion auf einem Schriftsteller-Panel um die Rolle von Verlorenheit als Ausgangspunkt und Topos der Literatur. Wer vollends mit sich im Reinen ist, für den stellt Schreiben eine Möglichkeit, aber keinen inneren Drang dar. Für den israelischen Schriftsteller Assaf Gavron geht es indes auch darum, eine stets mitschwingende Angst vor der Leere zu füllen, so gern er sie in Form einer Landschaft oder eines Strandes auch genießen mag.

Die chinesische Schriftstellerin Jingfang Hao hat stets die anderen im Blick, denen sie ihre Welt erklären will, und für die in Simbabwe geborene und in Südafrika aufgewachsene Schriftstellerin Panashe Chigumadzi stellt sich die Orientierungsfrage gleich mehrfach. Obwohl ihre Muttersprache das lokale Shona war, schreibt sie auf Englisch. Die Fremdheitserfahrung ist so gesehen impliziter Bestandteil der kommunikativen Mitteilung.

Autonomie, Orientierung, Regression und digitale Ökonomie lauteten die übergeordneten Arbeitsbegriffe der Tagung, und die vielfältige Zusammensetzung der Podien verwies nicht zuletzt darauf, dass Orientierungsarbeit auch in der Bereitschaft zum Perspektivwechsel besteht. Das Netzwerk des Goethe-Instituts bietet dazu beste Voraussetzungen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie die Mittlerorganisation es versteht, vielsprachige, multi-ethnische, interdisziplinär arbeitende und oft auch sehr junge Intellektuelle zusammenführen. Das Treffen in Weimar konnte man denn auch als Plädoyer verstehen, nicht immer auf dieselben Experten zurückzugreifen.

Das Tagungsmotto „Die Route wird neu berechnet“ erlaubte mindestens zwei Sichtweisen, die danach verlangten, miteinander abgeglichen zu werden. Nichts scheint angesichts einer allgemeinen Desorientierung in Politik, Wirtschaft und Lebenswelt derzeit dringlicher als der Wunsch nach Neuausrichtung. Weitermachen wie bisher ist für niemanden mehr eine Option. Gleichzeitig aber wächst das Unbehagen, längst ein Spielball vielfältiger Neuberechnungen zu sein, in der der Einzelne kaum mehr ist als eine vermessene Größe. Unter der Herrschaft der Algorithmen wird alles permanent neu berechnet, und das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Kontrolle erweist sich dabei als eine längst abgeschriebene Illusion.

Auf erschütternde Weise wurde dies deutlich in den Vorträgen und Diskussionen über sogenannte Killerroboter, die als autonome Waffen die Vorstellungswelt des Science Fiction vor geraumer Zeit verlassen haben. Da die Roboter mit digitaler Gesichtserkennung ausgestattet sind, können von ihnen menschliche Ziele mühelos ausfindig gemacht werden, und von den schlimmsten Befürchtungen gegenüber der Drohnentechnologie werden die Killerroboter noch dadurch übertroffen, dass sie keiner Menschen mehr bedürfen, die abdrücken.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, verweigert die große Weltpolitik eine klare Entscheidung, Waffensysteme dieser Art zu ächten und zu verbieten. Der Rechtswissenschaftler Thompson Chengeta verwies auf die Schwierigkeit, die neuen Waffensysteme dem gültigen Kriegsrecht zu unterwerfen. Die Privatisierung des Krieges ist erschreckende Realität, und Russland, die USA, Australien und Israel bilden dabei eine unheimliche Koalition der Blockierer. Noel Sharkey, der britische Informatiker und Professor für Künstliche Intelligenz, forderte ausdrücklich Deutschland dazu auf, sich entschlossen an die Spitze einer internationalen Verbotsinitiative zu setzen. An der Einsicht des deutschen Außenamtes mangele es nicht. Aber da ein Verbot nicht als realistisch angesehen werde, habe Deutschland sich auf die Verhandlung ethischer Rahmenrichtlinien beschränkt. Laut Sharkey und dem australischen Wissenschaftsautor Toby Walsh eine fatale Sicht der Dinge. Es bleibe nicht mehr viel Zeit.

Die Rolle der Zeit bei den Fragen jeglicher Neuorientierung war auch das Thema der beiden großen Stars der Weimarer Tagung, die sich auf sympathische Weise einfügten in das abwechslungsreiche Programm. Der indische Schriftsteller und Journalist Pankaj Mishra kam noch einmal auf die kritische Rezeption seines Bestsellers „Das Zeitalter des Zorns“ zurück, in dem er die weltweit zu einer politischen Kraft sich formierenden Hassgefühle als mentale Kompensation jener deutete, die im Prozess der Modernisierung zu spät gekommen sind und ausgegrenzt wurden. Wir wachen, so Mishra, allmählich auf aus einer falsch verstandenen Aufklärung. Die Demokratie werde nicht gleich sterben, aber erstmals hätten die Menschen den Glauben an eine bessere Zukunft aufgegeben.

Eine prinzipielle Zukunftslosigkeit markierte auch der amerikanische Historiker Timothy Snyder in einem zeittheoretischen Exkurs, dem er Nachdruck allein dadurch verlieh, dass er ihn rasend schnell vortrug. Die Demokratie, so seine Pointe, sei nach 1989 auf spektakuläre Weise der Raum abhandengekommen, der Aufenthalt in der digitalen Welt forciere eine radikale Gegenwärtigkeit, in der es nahezu unmöglich werde, eine Welt zu bewahren, in der Fakten zählen. Und während es den liberalen Demokratien an überzeugenden Zukunftsideen ermangele, machten die populistischen Bewegungen gar keinen Hehl daraus, die Zukunft zu verweigern. Auch Donald Trump beabsichtige nicht wirklich, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Es genüge ihm, vom Bauen einer Mauer zu sprechen. Was alle rechtspopulistischen Gruppierungen eint, sei eine Art Ewigkeitsversprechen, das seine Energie durch Beschwörung des Nationalismus aus der Vergangenheit bezieht.

Düstere Aussichten. Dem wollte die griechische Politikwissenschaftlerin Daphne Halikiopoulou bereits in der Eröffnungsveranstaltung zur Weimarer Tagung nicht unwidersprochen zustimmen. Sie beklagte eine historische Vergesslichkeit gegenüber den Phänomenen des europäischen Rechtspopulismus. Was derzeit wie eine plötzliche und in der Form noch nie dagewesene Bedrohung der Demokratie erscheint, hat eine Geschichte, die man erzählen und analysieren kann.

Die Route wird neu berechnet. In der Weimarer Innenstadt führt sie indes häufig über den Frauenplan, als sei eine Verortung des Weiblichen bereits ein wichtiger Teil künftiger Navigation.

Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch eine Einladung des Goethe-Instituts.

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