Gleichgewicht des Schreckens

ARD und ZDF machen sich mit ihrer Programmierung zunehmend das Leben schwer

Von TILMANN P. GANGLOFF

Am Montag ist es mal wieder soweit. Die ARD zeigt "Willkommen zuhause", ein anspruchsvolles Drama über einen Bundeswehrsoldaten, der traumatisiert von einem Afghanistan-Einsatz zurückkehrt; im ZDF läuft zeitgleich der zweite Teil des ambitionierten Dreiteilers "Die Wölfe". Zweimal Zeitgeschichte, zweimal Anspruch, zwei mal öffentlich-rechtlich: Da wird sich mancher Gebührenzahler ärgern.

Und das ist kein Einzelfall. WDR-Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff, auch Fernsehfilmkoordinatorin der ARD, sprach neulich gar von "bewusster Gegenprogrammierung" seitens des ZDF, das offenbar besonders gern gerade dann populäre Filme ansetze, wenn das Erste "schwere Stoffe" zeige. So lief im Herbst das luftige ZDF-Werk "Treuepunkte" gegen das Schüler-Drama "Sklaven und Herren". Und daher ist "Willkommen zuhause", ursprünglich für den "Film-Mittwoch im Ersten" vorgesehen, auf dem Montag gelandet. Denn als der einflussreiche teamWorx-Chef Nico Hofmann hörte, dass das ZDF Hape Kerkelings Hörbuch "Ein Mann, ein Fjord" gegen seine Produktion angesetzt hatte, intervenierte er.

Um die Gunst des Publikums

Andere sind nicht so mächtig, weshalb das Ehedrama "Mama arbeitet wieder" am vergangenen Mittwoch gegen die ZDF-Kinokoproduktion "Die Fälscher" bestehen musste. Beide Werke schlugen sich mit circa 4,5 Millionen Zuschauern achtbar; ohne die Konkurrenzprogrammierung wären es hier wie dort vermutlich mehr gewesen. Die Liste ließe sich leicht verlängern, zumal beide Seiten an diesem Gleichgewicht des Schreckens beteiligt sind. So bestückt die ARD ihren Mittwochabend gern mit anspruchsvollen Produktionen, und der "Fernsehfilm der Woche" im Zweiten ist nicht minder etabliert. Trotzdem bot etwa die ARD an einem Montag die Dürrenmatt-Verfilmung "Der Besuch der alten Dame" auf. Das aber sei ein Geburtstagsgeschenk gewesen: Hauptdarstellerin Christiane Hörbiger war just an jenem Tag siebzig Jahre alt geworden.

Eine Ausnahme? Eher nicht. Die seichten Produktionen der ARD-Tochter Degeto, die auf anspruchslose Weise traditionell am Freitagabend das Wochenende einläuten, laufen seit einiger Zeit oft auch am Donnerstag - gegen ZDF-Serien wie den "Bergdoktor", die eine ganz ähnlich gestrickte Zielgruppe ansprechen. Aber auch am Freitag machen sich die beiden Systeme das Leben schwer, zeigt doch das Zweite schon seit Jahrzehnten seine Krimiserien.

In den Redaktionen ist man naturgemäß verärgert, sogar der Begriff "Kampfprogrammierung" fällt. Offiziell aber demonstrieren beide Seiten Gelassenheit. Von Kampfprogrammierung, so ARD-Programmchef Volker Herres, könne keine Rede sein, denn das unterstelle, "dass der eine dem anderen bewusst schaden will; das war und ist nicht der Fall". Grundsätzlich, erläutert ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut, versuche man "im Interesse des Publikums, eine gleichzeitige Programmierung von sehr ähnlichen Angeboten zu vermeiden". Dass Filme und Serien um die Gunst des Publikums konkurrierten, sei ganz normal, schließlich bilde "Fiction" bei beiden Sendern knapp 30 Prozent des Programmangebots.

Keine Kannibalen

Gerade den Mittwoch nimmt Bellut jedoch aus, hier gebe es neben "Aktenzeichen XY…ungelöst" und Shows nur gelegentlich Kinofilme und etwa zehn bis zwölf Fernsehfilme im Jahr - "ein Großteil davon als Gegenprogrammierung zu Fußball". Tatsache sei nun mal, ergänzt Herres, "dass dem Fernsehfilm im Ersten und im ZDF nur begrenzt Sendeplätze zur Verfügung stehen. Da kann es das zu Überschneidungen kommen."

Früher führten Parallelprogrammierungen ebenso wie vermeintlich gehäufte Wiederholungen des öfteren zu Unmut, heute ist das Thema aus der Zuschauerpost völlig verschwunden; offenbar hat Bellut Recht, wenn er sagt, dass sich das Fernsehpublikum "bei mehr als 60 Programmen, die der durchschnittliche Haushalt heute empfängt, daran gewöhnt hat". Deshalb beteuert er auch, Gegenprogrammierung sei keine "Kannibalisierung". Herres findet den Begriff zu martialisch: "Bei aller sportiven Konkurrenz suchen wir die vernünftige Abstimmung" - die gelinge in aller Regel auch.

Doch erwecken ARD und ZDF mitunter den Eindruck, sie säßen beim Wettbewerb mit den Privatsendern zwar im gleichen Boot, ruderten aber nicht immer in dieselbe Richtung. Bellut sagt, Programmplanung sei ein komplexer Prozess, der von vielen Faktoren abhänge. Herres bestätigt, es gebe "selbstverständlich" regelmäßigen Austausch zwischen Bellut und ihm. Tatsache ist aber auch, wie Verena Kulenkampff feststellt: "Es gibt keine Schutzzonen mehr."

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