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Karl Liebknecht spricht in der Siegesallee in Berlin zu der Menge (Foto vom Januar 1919).

Rosa Luxemburg

Glaubwürdigkeit in der Politik

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Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg ermordet. Sie bekämpfte die fatale Verbindung von Sozialismus und Nationalismus und wusste die Massen zu mobilisieren.

Die Ermordung Rosa Luxemburgs durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division schildert Klaus Gietinger in seinem Buch „Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung Rosa Luxemburgs“ so: Rosa Luxemburg wurde vor dem Hotel Eden zusammengeschlagen und in ein Auto geschleppt. „Der Wagen fuhr Richtung Cornelius-Brücke. Auf der Höhe der Nürnberger Straße, circa 40 Meter vom Haupteingang des Hotels entfernt, fiel ein Schuss, ,der links vor dem Ohr eintrat und auf der gegenüberliegenden Seite etwas tiefer austrat‘, aus unmittelbarer Nähe abgefeuert wurde und zu einer ,Sprengung der Schädelgrundfläche‘ und einer ,Durchtrennung des Unterkiefers‘ führte. Rosa Luxemburg war sofort tot. Es war 23 Uhr 45 am 15. Januar 1919.“

Auf die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht möchte ich hier nicht weiter eingehen, auch nicht auf die Rolle, die dabei die Zusammenarbeit der SPD-Führung mit den reaktionären Gewalttätern spielte, und schon gar nicht auf die Frage, welche Rolle die Ermordung der Linksradikalen und die Vertuschung dieser Untat für die Entwicklung der Weimarer Republik gespielt hat.

Stattdessen sei an ein paar Überlegungen Rosa Luxemburgs erinnert, die mir heute besonders interessant erscheinen. Ihr berühmtestes Zitat steht in einer 1918 erschienenen Kritik an den Vorstellungen von der Diktatur des Proletariats, wie sie Lenin und Trotzki entwickelt hatten. Sie schrieb damals: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ,Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ,Freiheit‘ zum Privilegium wird.“ Das sind Sätze, auf die sich auch die Opposition zu der ihrem Ende entgegengehenden SED-Herrschaft berief.

Sie zeigen nicht die ganze Rosa Luxemburg. Sie zeigen aber, dass Rosa Luxemburg in der Lage war, die eigene Position einer veränderten Situation anzupassen. Jahre zuvor hatte sie in der SPD sich zum Thema „Freiheit der Kritik in der Partei“ noch so geäußert: „Wir sind nicht ein Diskutierklub, sondern eine politische Kampfpartei, die bestimmte Grundanschauungen haben muss.“

Das eigentlich Interessante an Rosa Luxemburg ist, dass sie beide Positionen ernst nahm, dass sie sehr genau wusste, dass alles Handeln ein Agieren in konkreten Situationen ist und dass alles darauf ankommt, in diesen konkreten Situationen das Richtige zu tun. Lenin und Trotzki warf sie ja nicht nur ihren Autoritarismus vor, sondern ein paar Zeilen weiter erklärt sie deren Politik, das Land den Großgrundbesitzern wegzunehmen und den Bauern zu übereignen, für einen fatalen Fehler, der exakt in die falsche Richtung gehe.

Rosa Luxemburg gehört zu jener seltenen Spezies von Politikern, die wussten, dass alles davon abhing, mitten im Handgemenge nicht den Überblick zu verlieren. So schrieb sie ein so grundsätzliches, auch Marx kritisierendes Werk wie „Die Akkumulation des Kapitals“ (1913), um sich über den Stand der Dinge klarzuwerden. In der Hauptsache aber war sie unentwegt unterwegs, um die „Massen“, die Arbeiterinnen und Arbeiter, aber auch um die Öffentlichkeit ganz allgemein aufzurütteln.

Sie wusste, in was für einer Mediengesellschaft sie lebte. So warf sie zum Beispiel 1900 der Führung der SPD vor, die imperialistische Intervention des Westens in China nur in ihren Zeitungen anzugreifen. Zeitungen und Zeitschriften, erklärte sie, seien elitäre Medien. Wer die Menschen wirklich erreichen wolle, der müsse zu ihnen gehen, direkt zu ihnen reden, sie von Person zu Person ansprechen. Eine antiimperialistische Mobilisierung etwa gegen die „Hunnenrede“ von Wilhelm II. müsse auf den Straßen und Plätzen stattfinden und nicht allein in den Leitartikelspalten der Zeitungen.  Wer glaubt, es ginge hier um Alphabetisierungsraten und die Kosten für die Mediennutzung, der verkennt Rosa Luxemburgs Argument. Es geht ihr darum, dass die Partei einsteht für das, was sie schreibt. Es geht ihr darum, dass Politiker sich aussetzen, wenn sie sich einsetzen. Nur so werden sie glaubwürdig, nur so bringt man die Menschen dazu, an die Politik zu glauben. Wer heute nur in die Kameras hinein „Wir schaffen das“ sagt, statt persönlich über Land und in die Städte zu ziehen und diese Botschaft noch in den letzten Winkel zu tragen, der wird nichts schaffen.

Dietmar Dath hat bei Reclam eine kleine Kollektion von Texten und Reden Rosa Luxemburgs vorgelegt. In einem sehr beredten Nachwort hebt er ihre schriftstellerische Qualität hervor. Sie nehme es, schreibt er, „an Beredsamkeit und Feuer mit den originellsten und elegantesten Kollegen auf ..., mit dem Österreicher Karl Kraus etwa, dem Franzosen Anatole France oder dem Amerikaner Mark Twain.“

Das ist eine ganz ungewohnte Verortung der sozialistischen Kämpferin. Ich lernte sie zuerst kennen, als wir vor fünfzig Jahren im Sozialistischen Deutschen Studentenbund die Diskussion um den Massenstreik diskutierten. Sie schrieb toll, fanden wir. Aber wir dachten, wir fänden das, weil sie recht hatte. Inzwischen frage ich mich, ob wir ihr nicht recht gaben, weil sie klar und bestimmt und schwungvoll zugleich zu argumentieren verstand.

Über viele Jahre waren Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis“ ihr meist verkauftes Buch. Wahrscheinlich sind sie es immer noch. Zu Recht, bin ich versucht zu sagen. Was einem strengen Klassenkämpfer darin rührselig und gar zu naturverrückt vorgekommen sein mag, liest sich heute ganz anders. Jeden Tag sterben wieder ein paar Arten aus. Wer mit der Parole aufgebrochen war „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, der lebt jetzt in einer Welt, die kaputt macht, wovon sie lebt.

Die gelernte Botanikerin Rosa Luxemburg schreibt: „Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle Forstkultur, Gartenkultur und Ackerbau, die ihnen alle natürlichen Nist- und Nahrungsbedingungen ... Schritt für Schritt vernichten.“ Das ist derselbe Prozess, der den Menschen das Leben immer schwerer macht. Und dann die Sätze, die ich jetzt, vor dem Jahrestag ihrer Ermordung, zitieren muss: „Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgend ein Vogel oder ein anderes Tier in Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohl-meisen als den ,Genossen‘“.

Rosa Luxemburg sah sich nicht als Herrin der Natur. Sie wusste nicht nur, dass sie Natur war, sie empfand das auch. Die Gefängnisbriefe lassen sich lesen als ein Versuch, sich klarer zu werden über das vertrackte Verhältnis von Revolution und Natur. Dem auf dem Rücken liegenden Mistkäfer, an dem schon die Ameisen knabbern, hilft sie. Zwei Beine wurden ihm bereits abgefressen. „Ich lief fort mit dem peinigenden Gefühl, dass ich ihm schließlich eine sehr zweifelhafte Wohltat erwiesen habe.“

Ihr ging es besser nach ihrem Einsatz, ob es dem, für den sie sich eingesetzt hatte, ebenso erging, bezweifelte sie. Das war auch die Einsicht der Revolutionärin Rosa Luxemburg. Ihre Kritik am Bolschewismus speist sich auch aus der Erfahrung der Ambivalenz all unserer Handlungen. Dass alles klappt, besagt noch lange nicht, dass es auch richtig ist.

Unermüdlich betonte Rosa Luxemburg, dass der Sozialismus international zu sein habe oder er werde nicht sein. Sie war am 5. März 1871 in Zamosc geboren worden. Die Stadt lag im damaligen Königreich Polen. Polnisch war ihre Muttersprache, aber sie sprach, wie es sich für eine Vertreterin des jüdischen Bildungsbürgertums damals gehörte, auch fließend Russisch, Deutsch, Französisch und natürlich auch Jiddisch.

Nationalismus war ihr zuwider. Jeder. Besonders allergisch reagierte sie auf eine Verbindung, die damals in Polen eine große Rolle spielte, die aber erst nach ihrem Tode zu einer weltgeschichtlichen Kraft wurde: die Verbindung von Nationalismus und Sozialismus. Sie nannte das „Sozialpatriotismus“. Sie bekämpfte ihn, wo immer sie ihm begegnete. Auch und gerade in den Bemühungen, den polnischen Nationalstaat wieder herzustellen.

Auch bei den Genossen stieß das auf wenig Gegenliebe. Rosa Luxemburg galt in Polen vielen als Landesverräterin. Sie täuschte sich gewaltig, als sie erklärte, der Sozialpatriotismus habe keine Aussicht, die sozialdemokratische Arbeiterschaft für sich zu gewinnen.

Die Wahrheit ist, dass ihm die Zukunft gehörte. Nicht erst der Nationalsozialismus amalgamierte die beiden gegenläufigen Tendenzen der Epoche und katapultierte sich damit in Zeiten tiefster Krise an die Spitze. Schon der italienische Faschismus war aus einer patriotischen Aufwallung der sozialistischen Partei hervorgegangen. Und der polnische Diktator Pilsudski hatte als junger Mann 1886 zusammen mit Lenins Bruder Alexander Uljanow ein Sprengstoffattentat auf Alexander III. vorbereitet.

Rosa Luxemburg war schon von Georg Lukacs „nationaler Nihilismus“ vorgeworfen worden. Man liest freilich nach dem verheerenden Erfolg der explosiven Verbindung von Nationalismus und Sozialismus die Luxemburgische Kritik am „Sozialpatriotismus“ mit anderen Augen. Aber man fragt sich natürlich auch, ob die konkrete Analyse der konkreten Situation, auf die sie immer wieder drang, nicht doch eine eigene Verbindung der beiden Kompositelemente des entscheidenden Sprengstoffs des zwanzigsten Jahrhunderts erforderlich gemacht hätte. Der Versuch, die beiden getrennt zu halten, so sehr wir ihn bewundern mögen, scheiterte gewaltig. Nicht nur in Westeuropa.

Die Sowjetunion konnte den Nationalsozialismus erst in einem Großen Vaterländischen Krieg bezwingen, und der Rest der Welt war noch jahrzehntelang in „nationalen Befreiungskriegen“ damit beschäftigt, Nationalismus und Sozialismus zusammenzubringen.

Für diese immer wieder sich auch innenpolitisch aufdrängende Konstellation schärfen einem die Reden und Schriften der Rosa Luxemburg und die Gestalt der 146 Zentimeter zarten Kämpferin bis heute den Blick.

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