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Nachthimmel über Jerusalem.

Religion

Der Glaube braucht den dogmatischen Kern

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Demokratie verträgt Religion, aber sie wird nicht von ihr getragen. Eine Antwort auf Monika Grütters.

In der Debatte über das Kreuz in bayerischen Amtsstuben haben die Kirchen der Versuchung einer Instrumentalisierung widerstanden. Sorge macht hingegen, dass die Vertreter des Staates die Grenze zwischen Religion und Politik verwischen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ist hier nicht allein am Werk. Ein weniger spektakuläres, aber durchaus besorgniserregendes Beispiel ist ein Beitrag, den Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, anlässlich des 101. Katholikentages in der „Zeit“ formulierte. 

Die zunächst nicht weiter auffällige Leitthese lautete, dass Demokratie Religion vertrage, solange die Religion demokratietauglich sei. Dieser Aussage ist in Gänze zuzustimmen. Auch ist unbestritten, dass zahlreiche Religionen einen positiven Beitrag zu einem humanen und friedlichen Zusammenleben zu leisten vermögen. Als Beispiele dürfen zu Recht das islamische Almosengebot oder die christliche Nächstenliebe gelten. Die Vorstellung eines „deus caritas est“ impliziert neben Fremden- sogar Feindesliebe. 

Beängstigend klingt es allerdings, wenn eine Staatsministerin die Auffassung vertritt, wonach „eine strikte religiöse Neutralität des Staates und eine vollständige Privatisierung der Religion eben nicht Toleranz und Weltoffenheit (fördern)“. Natürlich ist es ein Mythos, dass die staatliche Neutralität immer gelänge. Hier muss den allgemein zitierten Verfassungsrechtlern zugestimmt werden. Nur stellt dies das Ideal der Neutralität in keiner Weise infrage. Ein Ziel wird nicht falsch, nur weil es nicht vollkommen realisiert werden kann. Die Geschichte lehrt, welche Schrecken durch den Grundsatz staatlicher Neutralität gebannt werden sollen. 

Die Toleranz lehnte sich gegen die Intoleranz auf

Monika Grütters ist der Ansicht, dass die „Entchristlichung der Gesellschaft dem Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft nicht zuträglich ist“. Soll christliche Religion hier zum essenziellen oder gar notwendigen Bestandteil gelungener Demokratien erhoben werden? Ein solches Verständnis wäre irrig. Es übersieht eine prinzipielle Differenz und ein simples Faktum. 

Die prinzipielle Differenz besteht zwischen dem Wesen des religiösen Glaubens und den Prinzipien der Aufklärung, denen wir die Grundlagen der Demokratie verdanken. Aufklärung besteht in der Kritik der (reinen) Vernunft an der Welt und an sich selbst. Es handelt sich um das Bestreben objektive, intersubjektive Erkenntnisse zum Maßstab von richtig und falsch, gut und böse zu erheben. 

Zustimmung kann nur verlangen, was intersubjektiv vermittelbar und falsifizierbar ist. Durch die Selbstkritik wird die Endlichkeit der Vernunft stets mitgedacht. Nur die Idee der Aufklärung trägt diese antidogmatischen Selbstheilungskräfte in sich. 

Glaube und Religion hingegen können ohne einen dogmatischen Kern nicht existieren. Wer glaubt, ist bereit das Unbewiesene, ja das Unmögliche für wahr zu halten. Glaube, so schreibt Luther in seinen Kommentaren zum Ersten Buch Mose, ist der „Wahrheit allmächtig“. Als private Lebensmaxime ist diese Grundhaltung akzeptabel, als politisches Projekt ist sie gefährlich. Wenn also religiöse Menschen, wie so oft zu beobachten, wertvolle Beiträge zur Demokratie leisten, dann nicht, weil sie religiös sind, sondern weil sie als mündige Bürger zwischen Glauben und Wissen zu unterscheiden vermögen. 

Das Faktum besteht in einer eindeutigen historischen Erfahrung: Je mehr Einfluss Religionen auf das politische Leben ausüben, desto schlechter ist es um Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit und Menschenrechte bestellt. Das gilt nicht nur für das christliche Gottesgnadentum oder die Gottesstaaten der arabischen Welt. Es gilt auch für amerikanische Pietisten oder polnische Priester, die von der Kanzel gegen Flüchtlinge wettern. Es kann gar nicht oft genug betont werden, dass die von Frau Grütters genannten Werte wie Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte und Toleranz keine religiösen Kulturgüter sind. Vielmehr mussten sie gegen den zum Teil erbitterten Widerstand der Kirchen erkämpft werden. 

Wenig macht dies so deutlich wie die Begriffsgeschichte der Toleranz. Die Entstehung des Begriffs ist untrennbar mit der Kritik an der Intoleranz der Kirchen verbunden. Erst als deren Dogmen und die Verfolgung von „Ungläubigen“ in mühsamen Kämpfen in die Schranken gewiesen werden konnten, entstand die Bedingung der Möglichkeit für Toleranz. Selbiges gilt für die Demokratie oder die Menschenrechte.  

Es war die Aufklärung und nicht die Religion, die das Korsett aus Unmündigkeit und Unterdrückung ins Wanken brachte. Die Religion stand dabei in der Regel auf der Seite der Unterdrücker. Ketzerverfolgung, Religionskriege, Zwangsmissionarisierung, Hexenwahn. All diese Gräuel konnten nur beendet werden, indem der Glaube in die Schranken gewiesen und die Macht der Religionen reduziert wurde. Am 13. Juni 1782 schlug ein Henker im schweizerischen Glarus Anna Göldin mit dem Schwert den Kopf ab, nachdem diese unter Folter gestanden hatte, eine Hexe zu sein. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1789 kam für das letzte europäische Opfer des Hexenwahns zu spät. 

Nach Papst Pius VI. hätte die Erklärung gar nicht kommen sollen. Der Pontifex verurteilte die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, da diese der christlichen Naturrechtslehre widersprachen. Anders als Frau Grütters meint, besteht für Christen offenbar keine Notwendigkeit, den Kernsatz unserer Verfassung „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ lebendig zu halten. Erst unter dem Schock des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts hat die Akzeptanz der weltlichen Menschenrechte auch in der katholischen Kirche zugenommen. Die Menschenrechtscharta der UN hat der Vatikanstaat bis heute nicht unterzeichnet. 

Auch an der aktuellen Vorbildfunktion der organisierten Religionen darf aus demokratischer Sicht einiger Zweifel angemeldet werden. Dies gilt nicht nur für die Fundamentalismen des Islam. Stellen wir uns einen Fußballverein vor, der auf der Heterosexualität seiner Mitglieder besteht und Frauen nur Funktionen in der Nachwuchsförderung oder als Cheerleader zugesteht. Dieser Verein würde zwar mit dem Diskriminierungsparagrafen in Konflikt geraten.

Wahrscheinlich aber dürfte kein Richter dem Verein die Lizenz entziehen, solange die Mitgliedschaft rein freiwillig erworben wird und die Vereinssatzung keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Selbst dann, wenn der Cheftrainer auf Auslandsreisen allen Fans den Gebrauch von Kondomen untersagt und bekennende Holocaustleugner in den Verband integriert, wäre ein Einschreiten der Staatsorgane nur schwer zu legitimieren. Allerdings wäre zu erwarten, dass jeder Vorstand eines real existierenden Bundesligavereins bereits bei der Hälfte der genannten Anschuldigungen seinen Rücktritt würde erklären müssen. Sexuelle Übergriffe durch Vereinstrainer täten ein Übriges.

Die Religion hat einen legitimen Ort: das Private

Erzbischof Zollitsch hielt es dagegen für angebracht, sich 2010 zu Beginn der Missbrauchsskandale bei der Bundeskanzlerin darüber zu beschweren, dass die vom Volke legitimierte Justizministerin sein Personal ebenso der Strafverfolgung unterstellt wie alle anderen Bürger. Natürlich steht es der Kirche frei, hinter den moralischen und rechtsstaatlichen Standards des DFB zurückzubleiben, nur als Stütze der Demokratie sollte sie dann besser nicht auftreten. 

Noch einmal: Ich teile die Grundaussage von Monika Grütters, wonach Demokratie viel Religion verträgt, solange die Religionen die Demokratie vertragen. Leider zieht Frau Grütters daraus aber die falschen Schlüsse und erhofft sich eine stärkere Präsenz der Religionen im politischen Raum. „Religiöse Neutralität im Sinne schlichter Indifferenz kann unser Rechtsstaat sich nicht leisten.“ Auch diesem Satz ist zuzustimmen. Allerdings ist Indifferenz keinesfalls die notwendige Folge religiöser Neutralität. Vielmehr ist religiöse Neutralität die notwendige Voraussetzung dafür, die Errungenschaften der Aufklärung kohärent verteidigen zu können. Menschenrechte, Gewaltenteilung oder Toleranz verdanken wir nicht den Religionen, sondern Geistesgrößen wie John Locke, David Hume, Voltaire oder Immanuel Kant. Und in der Tradition dieser Denker hat die Religion nur einen legitimen Ort: das Private.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Technischen Universität Dresden.

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