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Gladbeck - Synonym einer Katastrophe

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Von: Harald Jähner

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Kidnapper Hans-Jürgen Rösner und seine Anwalt 2009 vor Gericht.
Kidnapper Hans-Jürgen Rösner und seine Anwalt 2009 vor Gericht. © Reuters

Die unspektakuläre Ruhrgebiets-Stadt Gladbeck gibt ihren Namen bis heute an ein schockierendes Spektakel ab. Autor Peter Henning hat aus dem Geiseldrama von Gladbeck einen über 600 Seiten starken Roman gemacht.

Der kleinen Stadt Gladbeck geht es wie Tschernobyl. Sie wurde zum Synonym für eine Katastrophe. „Gladbeck – der Sündenfall des deutschen Journalismus“, liest man immer wieder. „Für mich war Gladbeck die Fortsetzung von Menges ,Millionenspiel‘, ein Reality-Thriller“, erklärt der Schriftsteller Peter Henning im „Spiegel“. Gladbeck, die denkbar unspektakuläre Stadt des nördlichen Ruhrgebiets, gibt ihren Namen bis heute an das schockierende Spektakel ab, das sich vor 25 Jahren ereignete, zwischen dem 16. und 18. August 1988.

Damals hatten Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, zwei nicht sonderlich helle Kriminelle aus Recklinghausen, eine dortige Bank überfallen. Sie nahmen zunächst zwei Bankangestellte und schließlich die Fahrgäste eines Bremer Reisebusses als Geiseln. Drei Tage fuhren sie plan- und ziellos durch Deutschland, scheinbar kaum behelligt von der Polizei. Stattdessen heftete sich eine ganze Meute von Journalisten an die beiden Gangster und ihre Geiseln, interviewten munter Täter und Opfer, halfen den Kriminellen durch den Verkehr und besorgten den Informationsaustausch zwischen ihnen und der Polizei.

So war die Öffentlichkeit live dabei, als Rösner einen 15-jährigen Italiener erschoss. Sie schaute ungeniert ins Auto, als die erschöpfte 18-jährige Geisel Silke Bischoff, Degowskis Pistole am Hals, von einem Reporter gefragt wurde: „Wie geht es Ihnen?“ Stunden später war Silke Bischoff tot. Sie wurde erschossen, als die entnervte Polizei das Drama auf der Autobahn beendete, indem sie das Fluchtauto der Gangster rammte und mit 60 Schüssen durchsiebte. Ob Silke Bischoff tatsächlich von einer Kugel Rösners getroffen wurde, wie die Polizei behauptete, wurde nie zweifelsfrei geklärt.

Autor Peter Henning hat aus diesem Stoff einen über 600 Seiten starken Roman gemacht. Wie sein Titel „Ein deutscher Sommer“ ankündigt, kristallisiert sich für ihn im Geiseldrama der Zustand der ganzen Nation. Vereint wie nicht einmal durch die Fußball-WM saß sie vor den Fernsehern. Die Sender kannten kein anderes Thema mehr. Warum auch? Sie waren mit Unmengen von Kameras angerückt, die pausenlos filmreife, beklemmende Bilder lieferten. Wirklichkeit und Medium schienen eins geworden.

„Die Szenerie hatte etwas von einem Filmset. Es fehlte nur noch der Regisseur, der mit einem Megaphon in der Hand gravitätisch zwischen den Hauptakteuren und all den Statisten herumlief und ,Action‘ rief. Doch einen solchen Regisseur gab es nicht. Die Journalisten bestimmten das Geschehen, und die Polizei, wo immer sie sich in diesen Sekunden auch verbarg, sah zu.“

Vom Rande her

Um den Fall zu einem deutschen Psychogramm zu machen, beschreibt Henning eine Reihe von sehr genau recherchierten Figuren im Umfeld der Tat: Zwei der beteiligten Journalisten etwa, darunter den einen, der zu den Kriminellen ins Auto stieg und für sie mit der Polizei verhandelte. Ferner den polnischen Fahrer des gekaperten Busses; den Leiter eines Einsatzkommandos, der von seinen Vorgesetzten ständig vom befreienden Zugriff abgehalten wird; eine linksradikale Schülerin, die der Fall aufputscht; deren Freund, den die Gewalt anwidert. Diese Figuren sind mit vielen weiteren verknüpft – parallel werden ihre Geschichten erzählt, und, versehen mit meist gelungenen Cliffhangern, montiert.

Zu den klügsten Entscheidungen des Autors gehört, dass er sich dem Fall vom Rande nähert, von den hilflosen Polizisten her, von den Zuschauern vor den Fernsehschirmen, von den wie berauschten Journalisten. Er staffiert die Beteiligten mit Familien- und Problemumfeldern aus, die geradezu bestürzend normal und alltäglich sind. So dramatisiert er den Ehrgeiz des Einsatzleiters, indem er ihm einen Sohn gibt, der fernab bei seiner geschiedenen Frau lebt. Diesem will der Polizist endlich mal wieder imponieren.

Einer Figur aber tut Peter Henning solche Ausschmückung nicht an, ausgerechnet der prominentesten. Silke Bischoff, deren Bild im kollektiven Gedächtnis der Deutschen noch lange gespeichert sein wird, erhält im Roman weder eine Vorgeschichte noch einen vom Autor ausgemalten Charakter. Sie ist die große Unbekannte des Buches; wohl aus Respekt vor dem Opfer sieht der Autor davon ab, sie zum Objekt seiner Fantasie zu machen.

Nun kann man polemisch fragen, was von einer Literatur zu halten ist, die ihren Figuren den größten Respekt dadurch erweist, dass sie von ihnen absieht. Auch Schreiben kann ein Gewaltakt sein, und Henning langt nicht gerade zimperlich zu. Dem jungen Journalisten Bertram dichtet er folgendes Phänomen an: „Er registrierte das gleiche erregende Bizzeln im Anus, das ihn durchrieselte, wenn er kurz davor war, in eine Frau einzudringen.“

Aber solche Patzer sind Ausrutscher, und im Respekt vor Silke Bischoff steckt auch ein genau kalkulierendes Gespür für den Effekt von Lakonie. Spannend ist das Buch durchaus. Und an einer Stelle zeigt Henning mit Bravour, was er kann und könnte. Jener Bertram mit dem Bizzeln im Anus hat einen Sohn, der, viel zu früh geboren, im Brutkasten um sein Leben kämpft. Wie Henning den winzigen, mit einer dünnen Porzellanhaut überzogenen Körper beschreibt – „wie ein urzeitliches, aus dem ewigen Eis geborenes Wesen“ –, das kann es an Kraft mit dem ganzen widerlichen Degowski aufnehmen.

Peter Henning: Ein deutscher Sommer. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2013.

608 Seiten, 22,99 Euro

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