Die Nimmersatten

Gierig, geschäftstüchtig und quotengeil

Handelsblatt-Autor Hans-Peter Siebenhaar rechnet in seinem Buch gnadenlos mit ARD und ZDF ab.

Von Ulrike Simon

Es war sicherlich nicht die Absicht des Autors, Mitleid für die Beschuldigten zu erwecken. Vielmehr will Hans-Peter Siebenhaar Empörung erzeugen, an den Wutbürger appellieren. Das legt schon der Titel seines Buches nahe: „Die Nimmersatten. Die Wahrheit über das System ARD und ZDF“. Hans-Peter Siebenhaar ist seit 2000 Medienredakteur der Wirtschaftszeitung Handelsblatt. Allein in dieser Zeitspanne haben sich ARD und ZDF reihenweise Skandale geleistet. In seinem Buch erzählt er sie alle noch einmal. Manchen Betrug, manche Absurdität hatte man fast schon wieder vergessen.

Für das Buch wählt Siebenhaar eine ideologisch, polemisch aufgeladene Sprache. Er schreibt vom „Schweigekartell“ und einem „sich selbst erhaltenden System wie zum Ende der DDR“. Immer wieder fällt der Begriff Zwangsgebühr für die von 2013 an geltende Haushaltsabgabe. Sie tritt an die Stelle der bisherigen Rundfunkgebühr. Die Umstellung ist der Anlass für dieses Buch, und Siebenhaar hofft auf einen Aufstand der Zuschauer gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Kommerzielle Tochterfirma der ARD

So lädt er etwa zum Wundern darüber ein, dass die ARD eine kommerzielle Tochterfirma besitzt, die an einem börsennotierten Unternehmen wie der Cinemedia AG beteiligt ist; wozu öffentlich-rechtliche Anstalten überhaupt kommerzielle Töchter und Beteiligungen brauchen; wieso das ZDF Gesellschafter des polnischen Bezahlsenders Romance TV ist. Schließlich stellt er die Systemfrage: Muss es zwei bundesweite öffentlich-rechtliche Programme geben?

Siebenhaar schlägt vor, ARD und ZDF zu fusionieren und neben einem bundesweiten Vollprogramm mehrere Regionalprogramme zu veranstalten. Billiger wäre das, keine Frage. Aber würde dadurch das Programm besser? Ja, glaubt Siebenhaar, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Gebührenzahler partizipieren ließe. Die heutigen Aufsichtsgremien verstünden sich „als Vertreter von Lobby-Interessen statt als Repräsentanten von kritischen Gebührenzahlern“. Besser wäre es seiner Ansicht nach, die Gremien durch einen Aufsichtsrat zu ersetzen, gewählt von den Gebührenzahlern, ähnlich wie bei der Sozialwahl. Der Verzicht auf Werbung versteht sich für Siebenhaar von selbst. Aber auch Gebühren solle nur zahlen, wer wolle

Überangebot an jungem Programm?

Siebenhaars Rage und Rigorosität lässt dann doch Mitleid mit den Sendern aufkommen: Ist das System tatsächlich so schlecht, wie Siebenhaar schreibt? Zum Beispiel behauptet er, mit Viva, RTL2 und anderen Privatsendern gebe es ein Überangebot an jungem Programm. Im Überfluss gibt es aber dort vor allem Billig- und Scripted-Reality-Formate. Bedarf es nicht gerade deshalb Angebote wie ZDF Neo oder ZDF Kultur? Auch widerspricht sich der Autor, wenn er gegen die Quotenfixierung von ARD und ZDF anschreibt und gleichzeitig kritisiert, wenn sich das Programm nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der Zuschauer orientiert.

Siebenhaar bezeichnet den öffentlich-rechtlichen Grundversorgungsauftrag als Relikt des analogen Zeitalters. Heute sei eine nie dagewesene Fülle an Informationen auf allen Kanälen jedermann zugänglich. Womöglich bedarf es aber gerade deshalb einer Institution, die der Information, Bildung und an dritter Stelle der Unterhaltung verpflichtet ist, um die Fülle zu ordnen. Als Alternative. Zu den Privaten.

Hans-Peter Siebenhaar diskutiert am Donnerstag, 29. November, mit Gerhard Zeiler, dem ehemaligen Chef der RTL-Gruppe, über „Die Nimmersatten“ (Eichborn-Verlag). Die Veranstaltung findet im Berliner MünzSalon, Münzstraße?23, statt. Beginn: 19.30 Uhr

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