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„Würde ich eine Bank überfallen, wäre die Täterbeschreibung für die Zeugen schwierig.“

Ingrid Noll

„Es gibt Menschen mit sozialer Dummheit“

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Ingrid Noll über Diskriminierung, das Leben im Alter, das Zuschauen und ihren jüngsten Roman „Goldschatz“

Frau Noll, Ihr neuer Roman spielt wie der vorherige vornehmlich unter jungen Leuten. Während „Halali“ aber in den 50er Jahren angesiedelt war, haben Sie nun eine studentische Wohngemeinschaft von heute. Was hat Sie daran interessiert?
Ich nehme mir eigentlich jede Generation mal vor. Nun ist es die Enkelgeneration. Die trifft in dem alten Haus auf Spuren der Vergangenheit.

Wie haben Sie die Sprache für die jungen Leute gefunden?
Ich wollte mich sprachlich nicht anbiedern. Es wäre unglaubwürdig, wenn ich als 83-Jährige Wörter wie „isso“ verwenden würde. Ich lege meinen Figuren gelegentlich Ausdrücke in den Mund, die ich von meinen vier Enkelkindern höre. Überhaupt kann ich beim Schreiben meine eigene Generation mit der meiner Kinder, die alle in den Fünfzigern sind, und nun auch mit den Enkeln vergleichen.

Auffällig ist, dass die Erzählerin im „Goldschatz“ gern mit Goethe-Zitaten um sich wirft.
Sie gibt an.

Mit ihrer Bildung?
Es ist jedenfalls nicht unbedingt ein philosophisches Interesse, was sie leitet. Sie kommt aus einem, wie man sagen würde, eher bildungsfernen Elternhaus, die Eltern sind Geschäftsleute, haben nur Zahlen im Kopf. Sie hat den halben „Faust“ auswendig gelernt und möchte das unter Beweis stellen. Das nervt die anderen.

Sie behandeln ein Thema, für das Anke Stelling gerade den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen hat. Auch bei Ihnen liegt der Knackpunkt der Geschichte bei den sozialen Unterschieden.
Das hatte ich nicht explizit vor. Aber ich merke immer wieder, dass es Menschen mit sozialer Dummheit gibt. Die sind vielleicht hochgebildet, haben aber kein menschenfreundliches Einfühlungsvermögen und begegnen denjenigen mit Arroganz, die ihnen sozial nicht gleichgestellt sind.

Und die so tun, als müssten diejenigen, die weniger haben, sich nur etwas mehr anstrengen.
Ja, das ist eine Unverschämtheit.

Interessiert Sie das Verhältnis der Generationen zueinander besonders deshalb, weil Sie erst mit Mitte fünfzig zu schreiben begonnen haben?
Nein, das fand ich immer interessant, auch schon als ich jung war. Meine Oma wurde steinalt, sie wurde 105, meine Mutter 106. Meine Großmutter stammte aus dem 19. Jahrhundert, die hat erst den Kaiser verehrt, später Adolf Hitler und dann Adenauer. Sie war stockkonservativ, dafür hatte ich als Teenager kein Verständnis. Heute sehe ich das differenzierter. Menschen sind auch immer Kinder ihrer Zeit. Ich war zum Beispiel etwas zu alt für die 68er. Ich hatte schon Familie und Kinder und lebte in einer Kleinstadt. Wäre ich zehn Jahre später geboren, wäre ich sicher dabei gewesen.

Sie wuchsen in eine Gesellschaft mit starrem Frauenbild hinein.
Aber ich hatte Glück, mein Elternhaus war vergleichsweise liberal.

Ihre Frauenfiguren stellen sich oft trickreicher an als die Männer.
Trickreicher ja, doch nicht unbedingt im positiven Sinne.

Ingrid Noll: Goldschatz. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 368 Seiten, 24 Euro.

Sind Sie Feministin?
Ganz bestimmt, aber nicht in so einem verbissenen Sinne, wie es mal üblich war. Darüber, dass Frauen auffällig weniger verdienen als Männer, kann ich mich sehr aufregen. Das ist eine große Gemeinheit! Ich bin gegen jede Diskriminierung.

Was halten Sie vom Aufruf gegen die gendergerechte Sprache?
Den kenne ich noch gar nicht, den müsste ich mir erst ansehen. Die übertriebene Anstrengung zur Gleichberechtigung ist mir jedenfalls suspekt. Ich werde nicht das Wörtchen „man“ durch ein „frau“ ersetzen. Aber Sprache entwickelt sich. Als ich gebeten wurde, einen Aufruf gegen Anglizismen zu unterzeichnen, habe ich es nicht getan. Für viele Wörter, die aus dem Englischen gekommen sind, wie E-Mail oder Computer, gibt es einfach keine Entsprechung. Es sind zu allen Zeiten Fremdwörter ins Deutsche eingewandert. Unterschrieben habe ich aber bei Terre des Femmes eine Petition gegen das Kinderkopftuch.

Was ist das?
Das ist eine Initiative dagegen, dass schon Kindergarten- und Grundschulkinder ihre Haare verhüllen sollen. Sie will verhindern, dass diese Mädchen früh in eine Sonderrolle gegenüber den Jungen gedrängt werden. Und wenn ich dann höre, die Kinder wollen das so, kann ich nur lachen. Fast alle kleinen Mädchen probieren zum Beispiel die Stöckelschuhe ihrer Mütter mal aus und werden doch nicht damit aus dem Haus geschickt.

Vor ein paar Monaten erschien ein Buch von Ulrike Draesner „Eine Frau wird älter“, in dem sie sich selbst ins Verhältnis zu ihrer Mutter, ihrer Großmutter und ihrer Tochter setzt. Das Literaturhaus Berlin hat eine Reihe daraus entwickelt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die große alte Dame des deutschen Kriminalromans genannt werden?
Ach, wenn jemand weiß, wer ich bin, dann guckt der mich vielleicht noch interessiert an. Ansonsten werden ja Frauen spätestens ab 60 unsichtbar. Wenn ich unterwegs bin, kann ich die Leute um mich wunderbar belauschen, weil ich für die einfach gar nicht da bin. Würde ich eine Bank überfallen, wäre die Täterbeschreibung für die Zeugen schwierig. Übrigens steht auf meinen Bücher nie „Kriminalroman“. Es sind Menschengeschichten.

Wie beobachten Sie Leute?
Immer. Tag und Nacht würde ich glatt sagen. Ich mache mir aber nie Notizen. Und Sie brauchen gar nicht erst zu fragen, ob ich deshalb viel vergesse. Das kann ich nicht beantworten, weil ich es ja nicht mehr weiß.

Interview: Cornelia Geißler

Zur Person

Ingrid Noll, 1935 als Tochter eines deutschen Arztes in Schanghai geboren, kam 1949 mit den Eltern nach Deutschland. Ihr erstes Arbeitsleben verbrachte sie in der Arztpraxis ihres Mannes in Weinheim. Im Jahr 1991 erschien ihr erster Roman, „Der Hahn ist tot“, und wurde ein Bestseller. Viele weitere folgten, etwa „Die Apothekerin“, „Die Häupter meiner Lieben“ (alle im Diogenes-Verlag erschienen).

Auf ihrer Lesereise tritt Ingrid Noll am 13. April im Staatstheater Mainz auf. www.staatstheater-mainz.com

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