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Die Journalistin Hadija Haruna-Oelker.

Migration

Es gibt keine deutsche Gesellschaft ohne uns

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Wir müssten längst viel weiter sein. Sind wir aber nicht. Gedanken zum Deutschsein.

Was ist deutsche Literatur? Max Czollek und Necati Öziri haben ihre Thesen zum Teil gemeinsam formuliert. Über die Antwort von Czollek habe ich mir Gedanken gemacht. Er geht einen Schritt zurück und fragt: Was ist deutsch? Eine Frage, die ich in meinem Leben auf unterschiedliche Weise wieder und wieder durchgekaut habe. Persönlich, biografisch und beruflich. Letztens sagte eine Kollegin – auch eine mit Migrationsgeschichte – zu mir: Wir sollten aufhören, Sendungen darüber zu machen. Sie habe darauf keinen Bock mehr. Wir müssten längst woanders sein.

Sind wir aber nicht.

Darum kauen wir die Sache immer wieder und wieder durch. Gerade jetzt habe ich das Gefühl, nicht müde werden zu dürfen.

Wer hat das Deutschsein erfunden?

Was ist deutsch? Ein immer noch homogenes Selbstbild – völkisch gedacht, weil es die anderen, die Migranten, die Juden, die Schwarzen braucht, um sich selbst zu definieren, wie Czollek unter anderem sagt? Auch ich sehe das nicht überwundene nationalsozialistische Erbe. Deshalb sage ich manchmal provokant, dass auch in mir deutsches Blut fließt. Schwarz–deutsch? Wie das sein kann? Weil meine biologische Mutter ein weiß-deutsches Nachkriegskind ist. Nicht dass mir das wichtig wäre, aber die Blutsfrage ist eine, die in diesem Land noch immer eine große Rolle spielt.

Wer hat sich dieses Konzept ausgedacht? Das Deutschsein erfunden? Vielleicht begann die deutsche Familiengeschichte, wie Carl Zuckmayer sie in „Des Teufels General“ erzählte: Mit einem römischen Legionär, der einem blonden Mädchen Latein beibrachte. Dann kam ein Kelte dazu, ein Graubündener Landsknecht, ein Schiffer aus Holland, ein französischer Hauslehrer, ein böhmischer Musiker. Und ganz am Schluss stand eine vermeintliche Mehrheit da und sagte: Wir sind Deutsche. Eingeborene in einem Landstrich, durch den seit Menschengedenken die Völker zogen und Nachkommen hinterließen.

Der Begriff „deutsch“ ist auf jeden Fall ein flexibler. Während „englisch“ von den Angeln und „französisch“ von den Franken stammt, steht bei den Deutschen kein „Volk“ dahinter. Nur der Begriff ist eine Ableitung vom althochdeutschen theoda, Volk. Das diente der Abgrenzung der deutschen Sprache vom Lateinischen und den romanischen Sprachen. Das Reich der so genannten Deutschen Zunge wurde damals als etwas Weites verstanden. Die Diskussion über Identität im 18. Jahrhundert kommentierte Goethe mit einem Rat: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; / Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.“

Deutschland war damals vom Nationalstaat noch weit entfernt. Wenn schon kein Staat, dann Weltoffenheit, dachten sich Goethe und Schiller wohl. „Deutsch sein“ als ein Zeichen für Kosmopolitismus. Natürlich nicht vor Überlegenheitsgefühlen gefeit, aber immerhin. Seit 1871 behauptet nun ein Teil der Europäer, deutsch zu sein. Seitdem sind alle anderen Ausländer, und wenn sie hierher kommen, sind sie Einwanderer. Aber wer gehört dazu, wer nicht und wer vielleicht ein bisschen oder erst später? Wer bestimmt das? Und wie viele andere sind in einem Deutschen?

Wir sind eine postmigrantische Gesellschaft mit einem komplizierten Staatsbürgerschaftsrecht. Unsere Nachkriegsgeschichte ist weit entfernt vom Aufbau einer Einheit, die durch Zuwanderung bestimmt ist. Während Deutschland das Deutschsein als Schicksal unter dem Abstammungsrecht Jus sanguinis verstand, formulierten andere westliche Staaten ein Jus soli. Der Geburtsort sollte entscheiden. Erst seit 1975 erhalten in Deutschland gleichberechtigt auch die ehelich geborenen Kinder deutscher Mütter und ausländischer Väter den deutschen Pass. Vorher waren es nur die Kinder deutscher Väter.

Seit 1999 galt für hier geborene Kinder ausländischer Eltern jahrelang die Optionspflicht, also die doppelte Staatsbürgerschaft auf Zeit: Mit 18 mussten sie sich entscheiden. 2007 wurde dann die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt, aber nur für EU-Kinder. Seit 2014 gilt sie auch für den Rest der Kinder, die hier leben und zur Schule gehen müssen. Weitere Details führe ich nicht aus. Denn die Debatte um Mesut Özil zeigt: Nur weil etwas rechtlich geregelt ist, ist es noch lange nicht in den Köpfen angekommen.

So ist die Identität von Menschen mit Hintergründen eng mit Geschichten verwoben, die über sie erzählt werden. Geschichten von Integration, dem „Leben zwischen Kulturen“, Gewalt, Fundamentalismus, rückständigen Wertesystemen. In liberaleren Kreisen wird nicht selten der Versuch gewagt, ihre Beschreibung positiv aufzuladen. Dass sie ungeahnte Fähigkeiten haben, viele Sprachen sprechen, anders kochen, musizieren, die Welt bereichern – einfach bunter machen. Am Ende auch egal. Denn Menschen mit Mig-Hintergrund sind eben nicht so wie „die Deutschen“.

Deutsch sein, wenn es reinpasst

Der Begriff „Deutscher mit Migrationshintergrund“ bedeutet politisch korrekt ausgedrückt: Nicht-Deutscher mit deutschem Pass. Eben nicht richtig deutsch. Wie sieht Deutschsein eigentlich aus?

Ein Wort über Chemnitz. Abgesehen davon, dass wir über das Versagen des Rechtsstaates, das Vernetzen der rechten Szene im Sammelbecken der AfD, das Legitimieren rassistischer Tatsachen durch Politiker und den Verfassungsschutz sprechen könnten – war und ist eine Sache bezeichnend. „Deutscher von Ausländern“ erstochen, so hieß es und heißt es noch immer in Medien und im breiten öffentlichen Diskurs. Das Bild des Opfers Daniel H. ist damit den meisten klar. Nur in wenigen Medien finden sich Hinweise auf eine Wurzelkunde, wie sie sonst bei Tätern immer aufs Genaueste betrieben wird. Dass das Opfer eine „person of colour“, schwarz war und ja: deutsch. Dass er einer war, den der rassistisch motivierte Mob gejagt hätte an dem Abend in Chemnitz. Der sonst nicht als deutsch gelesen wird.

Finde den Fehler. Deutsch sein, wenn es reinpasst.

Ich möchte Czolleks Thesen ergänzen und frage: Wie kann die Vielfalt deutsch werden, wenn Deutschsein ein weißes Gesicht hat? Das Problem heißt White Supremacy. Und es ist nicht verwunderlich, was angesichts der politischen und sprachlichen Verrohung in diesen Wochen passiert. #Wirsindmehr? Wer ist das „wir“ darin eigentlich genau?

Ich gebe Czollek recht. Wenn überhaupt, brauchen wir eine neue Idee von „deutsch sein“. Die sich vom alten Erbe löst. Die innovativ und mutig ist. Vielleicht unterstützt uns beim Deutschtopia-Denken der kosmopolitische Gedanke. Hier schließe ich mich Czollek an: Ja, unser Verhältnis zum Adjektiv „deutsch“ sollte strategisch bestimmt werden. Und der Flickenteppich ist die einzige Chance, die wir haben, um endlich zu einer Bestimmung von „deutsch“ zu kommen, die nicht auf Homogenität und Harmonie beruht. Ein „Wir“, das nicht mehr anhand von religiösen, vermeintlich kulturellen oder migrationsbiografischen Linien definiert wird, sondern als eine Haltung für eine plurale Gemeinschaft neu entsteht.

Es ist Zeit, anzuerkennen, dass „wir“ noch um einiges heterogener sind, als vielen bewusst ist: Wir sind religiös und atheistisch. Wir sind arm und reich, ohne Schulabschluss oder mit Hochschulbildung. Wir sind mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Wir entsprechen körperlich und geistig der gesellschaftlichen Norm oder nicht. Wir leben heterosexuell und gleichgeschlechtlich, leben zweigeschlechtlich oder transsexuell. All das sind wir. Wir sind nicht einheitlich. Wir leben in unterschiedlichen Milieus – in vielen Parallelgesellschaften.

Versuchen wir es zum Abschluss positiv. Wir schreiten voran, weil wir mitgestalten wollen und können. Wir legen ein klares Bekenntnis zur Gleichheit im Unterschiedlichsein ab. Es wäre schön, wenn die Kunst uns dabei helfen würde.

Ich zitiere Czollek und Öziri und ergänze sie: Schrieben wir ein Manifest, lautete seine Präambel: Kompromisse sind der Tod der Kunst. Es gibt keine deutsche Literatur, keine deutsche Gesellschaft ohne uns.

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