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KZ-Schergen mit einem Lagerinsassen.

Topografie des Terrors Berlin

Die Gewöhnlichkeit des Lagers

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Einzigartig: Bilder aus dem Fotoalbum des KZ-Kommandanten Karl Otto Koch dokumentieren die Errichtung des Lagers Sachsenhausen in der Berliner Topografie des Terrors. Das erst vor wenigen Jahren in der Russischen Föderation wiederentdeckte Album stellt für die Aufarbeitung der Geschichte eine Sensation dar.

Zackig steht Obersturmbannführer Koch vor dem Eingang der Kommandantur, eine Baracke im brandenburgischen Sommerhausstil. An einem Holzgeländer sind Blumenkästen angebracht, zwei gusseiserne Elektro-Leuchten verleihen der Eingangstür den Ausdruck komfortabler Gediegenheit. In der Nähe der Kommandantur befand sich ein Teich mit Springbrunnen, zur Anlage gehörte ferner ein kleiner Zoo.

Doch die Idylle täuscht. Die Anlage war das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg, das schon aufgrund seiner Nähe zu Berlin eine Sonderrolle im nationalsozialistischen KZ-System hatte. Karl Otto Koch war der Lagerkommandant, der die Errichtung des Lagers mit Modellcharakter von 1936 an leitete. Die Fotos sind aus seinem Dienstalbum, in dem er den Aufbau des Lagers penibel dokumentieren ließ.

Das erst vor wenigen Jahren in den Archiven des Nationalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation (FSB) wiederentdeckte Album stellt für die Aufarbeitung der Geschichte der Konzentrationslager eine Sensation dar. Aus Interviews mit Überlebenden wusste man zwar von der Existenz eines solchen Albums, aber der tatsächliche Fund übertraf alle Erwartungen der Historiker. Weil die Aufnahmen nicht zu propagandistischen Zwecken, sondern ausschließlich für den internen Gebrauch gemacht worden waren, erscheinen sie als Quelle besonders ergiebig. In ihrem beinahe naiven, dokumentarischen Zugang geben die 456 Fotos des Albums Einblicke in die Aufbauphase des KZ-Systems und liefern bedeutende Hinweise zum Selbstverständnis der Internierungsideologie. Sachsenhausen, so Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, wurde zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten KZ-Welt mit 24 Haupt- und weit mehr als 1000 Nebenlagern bis zum Ende des Dritten Reiches.

Die Fotoausstellung „Von der Sachensburg nach Sachsenhausen“ in der Stiftung Topografie des Terrors in Berlin widmet sich in sachlicher Zurückhaltung dem einzigartigen Albums, das den Modellcharakter Sachsenhausens veranschaulicht. In sachlichen Erläuterungen wird das gezeigte in den jeweiligen Kontext gestellt, und da die Fotos chronologisch angeordnet sind, lassen sich auch verschiedene zeitliche Phasen der Lagerentwicklung identifizieren. Karl Otto Koch war darin die zentrale Figur. An allen Orten, an die die SS-Führer Theodor Eicke und Heinrich Himmler ihn entsandten, setzte dieser die gleichen Organisationsprinzipien durch und installierte systematisch SS-Männer, die sich bereits in anderen Lagern hervorgetan hatten. Die Fotos zeigen so auch die Herausbildung eines SS-Gemeinschaftssinns und die Einübung militärischer Rituale.

Dienten die Fotos zunächst einer Art dienstlichen Selbstvergewisserung, so wurde später immer prägnanter auch der Umgang mit den Häftlingen dargestellt. Zwar werden kaum Misshandlungen gezeigt, sehr wohl aber wird die gezielte Herabwürdigung der Lagerinsassen zu so genannten Untermenschen sichtbar.

Besonders rücksichtslos?

Wer Karl Otto Koch war und welches Regime er in Sachsenhausen errichtet hatte, konnte man später beispielsweise in Anna Seghers’ Roman „Das siebte Kreuz“ erfahren, in dem nicht zuletzt die brutalen Strafaktionen Kochs in Sachsenhausen geschildert werden. Dass Koch ein besonders rücksichtsloser und brutaler Lagerkommandant war, hält Günter Morsch jedoch für ein Stück Selbstmythisierung der Spätphase des Nationalsozialismus. Vielmehr vertrat er einem Typus des Lagerkommandanten, der sich mit eigenen Karriereoptionen in das Rad der Gewaltherrschaft des NS einspannen ließ.

Kurz vor der Befreiung der Konzentrationslager wurde Koch selbst zum Opfer der Lagerlogik, die er doch mit erdacht hatte. Weil er sich im Dienst bereichert haben soll, wurde er schließlich von SS-Leuten im KZ Buchenwald erschossen. Himmlers legendäre Bemerkung, man sei – bis auf Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben, sei ausdrücklich, vermutet Günter Morsch, auf Karl Otto Koch gemünzt gewesen. Kurz vor dem Ende des NS-Terrors wurde an ihm ein Exempel statuiert, weil er innerhalb des eigenen Machtsystems in Ungnade gefallen war.

Die 456 Bilder aus dem Dienstalbum von Sachsenhausen sind begrenzte Momentaufnahmen aus dem Lager, eröffnen aber tiefe Einblicke in der Welt der alltäglichen Gewaltherrschaft der SS.

Topografie des Terrors, Berlin: bis 27. Februar.

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