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Der Markt von Leptis Magna, Libyen.

Paris

Das gewaltsame Sterben der Schönheit

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Das Institut du Monde Arabe in Paris ermöglicht eine virtuelle Reise durch die vom IS zerstörten Stätten von Mosul, Aleppo, Palmyra und Leptis Magna.

Natürlich muss jeder das mit sich ausmachen und für sich bestimmen – es fällt aber doch schwer, sich vorzustellen, dass jemand in diesen Tagen (noch bis in den Februar) die Ausstellung im Pariser Institut du Monde Arabe zur Situation uralter, vom IS geschändeter Ruinenstädte in Syrien und dem Irak und weiter nach Libyen, inszeniert als virtuelle Reise von Mossul und Aleppo nach Palmyra und Leptis Magna, verlassen kann, ohne an sich selbst zu erleben, wie Verluste in weiter Ferne plötzlich sich auswirken können als ein naher, persönlicher Schmerz. Es geht um die Zerstörung von etwas, das kollektiv allen Menschen gehört – hier aber individualisiert sich die Trauer, schwer zu verdrängen aus dem eigenen Tag.

Wie geschieht das mit einem? Die ungewöhnlich intensive Wirkung hat zu tun mit der Versetzung des Besuchers der Ausstellung aus der Umgebung draußen in eine ganz und gar andere. Es ist nämlich so, dass in den drei hohen Hauptsälen von drei Etagen des 1987 eröffneten Baus am Rande des Quartier Latin, dessen Architektur den internationalen Ruhm Jean Nouvels begründete, durch den Einsatz von in dieser Größe, diesen Ausmaßen nie zuvor gesehenen, sich langsam auf den hohen Wandflächen bewegenden 3D-Projektionen die Illusion von Realität derart eindringlich geschaffen wird, dass mehr und mehr der Gedanke sich fast wie selbstverständlich festsetzt, man befinde sich – wo sonst? – tatsächlich in eigener Person auf den Wegen durch die fernen, verlorenen Orte. Deren bildtechnisch ermöglichte exakte virtuelle Rekonstruktion basiert auf tradiertem und neuerem Fotomaterial wie auf von Drohnen erstellten Luftaufnahmen. Neben der, ohne zu übertreiben sensationellen technischen sind die organisatorische und die dramaturgische Leistung, vor allem aber auch die wissenschaftliche Fundierung für den außergewöhnlichen Eindruck entscheidend.

Überall Zerstörung. Genauer: Zeugnisse der mutwilligen Zertrümmerung von schon Zerfallenem, eben von Ruinen, die Menschheitserbe waren. Mit Mossul beginnen die Beispiele. Die irakische Stadt wurde vom IS lange gehalten als Hauptquartier. Wahrzeichen der Stadt war der schiefe Turm der Moschee al Nuri aus dem 12. Jahrhundert, vor einem Jahr niedergemacht von den Barbaren des sogenannten Islamischen Staats. Mossul ist seit der Eroberung durch die Araber im 7. Jahrhundert ein Ort gewesen, den Christen, Muslims, Juden und die religiöse Minderheit der Jesuiten gemeinsam bewohnten. 2009 zählte die Stadt 1,5 Millionen Einwohner, zwei Prozent waren Christen; wie Juden sind auch Christen inzwischen nahezu nicht mehr präsent. Am östlichen Ufer des nahen Tigris, Stätte des assyrischen Ninive, lag das Mausoleum von Nabi Yunus, seit dem 14. Jahrhundert Teil einer Moschee, Versammlungsort der unterschiedlichsten ethnischen Gruppierungen, vom IS eingestuft als „häretische Struktur“ und 2014 gesprengt. Ironie der Geschichte: Durch die Sprengung kamen Fundstücke ans Licht, die wahrscheinlich der assyrischen Periode 700 Jahre v. Chr. entstammen; an der Universität Heidelberg wird gerade an einer genaueren Datierung gearbeitet.

Großformatige 3D-Projektionen

Die großformatigen 3D-Projektionen lassen den Besucher auf dem nächsten Stockwerk der Pariser Ausstellung in dem von einer mächtigen Zitadelle dominierten, viertausend Jahre alten, für die Pracht des Bauschmucks seiner Architektur und als Handelsplatz für seine Basare, die „souks“, berühmten Aleppo in Syrien, 2015 noch bewohnt von drei Millionen, in langsamen Kamerafahrten gewundenen Wegen durch die Trümmer folgen. Vorüber an schwer beschädigten Skulpturen und stehengebliebenen Teilen von durch Halbreliefs geschmückten Mauerresten, die noch als Fragmente etwas vermitteln von dem hohen künstlerischen Rang der Kultur dieser Stadt. Versunken, vernichtet.

Das Minarett der Umayyad Moschee aus dem Jahr 1090 stürzte schon 2013 in sich zusammen. Eine Frontlinie des Krieges, den der syrische Diktator Assad seit 2012 mit russischer Hilfe gegen seine eigene Bevölkerung geführt hat und noch führt, verläuft unmittelbar durch die Altstadt von Aleppo. Sie ist jetzt zur Hälfte zerstört.

Wenn überhaupt noch zu steigern, hat der mörderische Wahn des IS im antiken Palmyra, gelegen im westlichen Syrien, am fürchterlichsten gewütet. 2015 und nach einer vorübergehenden Vertreibung noch einmal im vorigen Jahr wurde der Ort besetzt und sofort vermint. Dann begann die methodisch exekutierte Verwüstung aller bis dahin erhaltenen Monumente. Die zum Teil ausgegrabenen Ruinen der bedeutendsten Tempel, noch aus der griechisch-römischen Epoche, als Palmyra ein wichtiger Handelsplatz Roms war, die Festung über der Stadt, das antike Theater, das archäologische Museum, die Turmgräber – das wurde alles systematisch gesprengt, abgerissen, dem Erdboden gleichgemacht (die FR berichtete immer wieder, beklagte).

Es ist nicht anders: Die Projektionen in der Ausstellung manifestieren den gewaltsamen Tod von Schönheit. Über so lange Zeit hin war sie vor dem endgültigen Verschwinden bewahrt worden in den Ruinen. Bis ideologischer Irrsinn allem ein Ende setzte. Fachleute resümieren das Ungeheuerliche: Im letzten Jahrzehnt sei in Syrien und im Irak an überlieferten Werken mehr zerstört worden als in tausend Jahren zuvor.

So geraten wir mit den 3D-Projektionen im Fall Palmyras nun nur noch auf verwüstetes Terrain. „Ihr Städte des Euphrats! Ihr Gassen vor Palmyra / Ihr Säulenwälder in der Eb’ne der Wüste / Was seid ihr?“ Vom Ziel einer Sehnsucht in Hölderlins Gedicht „Lebensalter“ – der Dichter war selbst nie in Nordafrika – ist nur die Wüste geblieben, T. S. Eliots „Waste Land“. Internationale Gruppen von Archäologen, Kunstwissenschaftlern und Technikern diskutieren die Möglichkeiten eines Wiederaufbaus der zerstörten Stätten. Abgesehen von den vermutlich noch für lange Zeit chaotischen Verhältnissen in Syrien, dem Irak, Libyen und Afghanistan, gibt es neben technischen Problemen auch die ethische Frage, wie weit angesichts der herrschenden Not der von den Kriegszuständen in ihren Ländern existentiell bedrohten Bevölkerung der notwendige Einsatz immenser Mittel für die Ruinen vergangener Kulturen überhaupt vertretbar ist.

Auffällig ist an den Projektionen, dass sie fast immer menschenleer sind. Mitgedacht werden muss, dass bei allen Anschlägen auf die Baukultur und die Kunst der antiken Städte es immer die Menschen, die zu Tausenden ermordeten Bewohner sind, denen die Klage vor allem andern gelten muss. Es ist auch die Menschenleere der Bilder ein metaphorisches Zeichen – als hätten Menschen nicht nur einander, sondern mit der Zerstörung ihres Erbes auch sich selbst zum Verschwinden gebracht.

 Dann aber, dramaturgisch ein Meisterstück ihrer Regisseure, entwirft die Ausstellung doch auch ein Gegenbild zu aller Verwüstung. Liebe auf den ersten Blick. Augenblick einer Art von partieller Befreiung vom Druck des bis dahin Gesehenen, Aussicht jedenfalls auf eine Hoffnung, vielleicht auch nur die Illusion einer amour fou. Das Ziel plötzlichen Verlangens, einmal selber dort zu sein, hat einen Namen: Leptis Magna. Das liegt in Libyen, 150 km östlich der Hauptstadt Tripolis, gegenüber von Sizilien, am afrikanischen Ufer des Mittelmeers. Die Stadt ist eine phönizische Gründung aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert, gehörte später zum Herrschaftsbereich Karthagos, wurde nach dem finalen Sieg Roms über Karthago als Folge der Punischen Kriege römische Provinz. Es war dann der römische Kaiser Septimius Severus, aus Leptis Magna gebürtig, der die Stadt von damals 100 000 Einwohnern, die ihren Ruhm schon in ihrem Namen anzeigt, zwischen 193 und 211 v. Chr. zum „Rom Afrikas“ entwickelte, einem der prächtigsten Orte der bekannten Welt.

Der Reichtum an Kunstwerken und repräsentativen Bauten, den die Projektionen der Ausstellung jetzt in Paris faszinierend vor Augen bringen können, weil der IS bis hierher (noch) nicht kam, war legendär. Die Ruinen bezeugen Triumphbögen, Bäder, eine Basilika, einen geräumigen Markt und ein von langen Säulenreihen umstandenes Forum wie in Rom. Es gab zwei Amphitheater, eines davon mit Plätzen für 16 000 Zuschauer. Das alles auf einem Streifen Landes zwischen dem Meer und der Wüste. 42 Jahre währte die Herrschaft des Diktators Gaddafi in Libyen.

Nach seiner Ermordung 2011 durch Rebellen ist das Land extrem unsicher, bestimmt von Stammeskriegen und der Willkür einander bekriegender Gruppen. Die Lager, in denen Libyen die afrikanischen Flüchtlinge gefangen hält, sind höllische Orte der Menschenverachtung. Aber Leptis Magna gibt es noch. Die Wunder der Ruinenstadt, Unesco-Weltkulturerbe, seien bislang, so berichten Augenzeugen, nur wenig betroffen von mutwilligen Akten der Zerstörung. Mehr schaden die generelle Vernachlässigung der Anlagen und die Diebstähle für den Verkauf auf dem internationalen Kunstmarkt.

Auch für Leptis Magna erweisen die 3D-Projektionen ihr Suggestionsvermögen. Unwiderstehlich setzt die Idee sich fest: „Da möchte ich hin“. Aber wie das ja manchmal so geht mit der Gegenliebe – es gibt sie nicht auf Verlangen. Der freundliche Beamte des Auswärtigen Amts der BRD in Berlin (wie dann auch das ebenfalls befragte Außenamt in Wien) kommentiert den Reisewunsch für Libyen am Telefon mit dem strikten Nein einer strengen Reisewarnung: Allein zwischen Tripolis und Leptis Magna gebe es mehrere von Banden verfeindeter Stämme beherrschte Zonen – die Chancen, unbehelligt ans Ziel zukommen, seien unter den im ganzen Land gegebenen chaotischen Bedingungen äußerst gering; und auch im Notfall könne mit konsularischem Beistand nicht gerechnet werden.

Es muss demnach wohl bei der durch die bewegten und bewegenden Bilder in Paris erzeugten Präsenz bleiben. Und wäre doch so gerne eine Nähe von wirklicher Wirklichkeit geworden. Die aber ist lebensgefährlich.

Institut du Monde Arabe, Paris: Bis zum 10. Februar. www.imarabe.org/fr

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