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Das Theatre de la Ville.

DAU-Projekt

Gewalt und Konfusion

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In Berlin gescheitert, startet das DAU-Projekt jetzt in Paris.

Kurz vor seiner Weltpremiere in Paris ist es immer noch schwer zu erfassen, das Mega-Kunstprojekt DAU. Nachdem seine Umsetzung in Berlin, eigentlich der ersten von drei Stationen, im Herbst an einer fehlenden Baugenehmigung für eine geplante Mauer gescheitert war, beginnt das Spektakel an diesem Donnerstag in der französischen Hauptstadt. Drei Wochen wird es dauern, später zieht es nach London weiter.

So wuchtig die Idee des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky auch daherkommt, so zäh lief im Vorfeld der Austausch mit der für die Kommunikation beauftragten Agentur, um diese zu erklären: Erst nach mehrmaligen Anrufen und E-Mails gab es ein Presse-Dossier mit Informationen über diese „Kreuzung von Kino, Wissenschaft, Performance, Spiritualität, sozialem und künstlerischem Experiment“.

Dieses entstand aus Khrzhanovskys Idee, im ukrainischen Charkiw das frühere Moskauer Institut des früheren sowjetischen Physikers und Nobelpreisträgers Lew Landau nachzubauen. In dem Projekt lebten und arbeiteten zwischen 2009 und 2011 hunderte Menschen. Kameramann Jürgen Jürges nahm 700 Stunden Material auf. Daraus entstanden 13 Filme und dutzende Serien.

Eine Zusammenfassung der Filme sei unmöglich, hieß es vorab: „Es geht darum, das Leben zu zeigen, so wie es ist, in all seiner Schönheit, Misere, Wahrheit.“ Für die verschiedenen Versionen fanden sich prominente Synchronsprecher: Als deutsche Sprecher wurden unter anderem Iris Berben, Barbara Sukowa und Hanna Schygulla gewonnen, für die französischen Fassungen Gérard Depardieu, Isabelle Huppert, Fanny Ardant und Isabelle Adjani. Auch die Liste der teilnehmenden Persönlichkeiten aus der Welt der Wissenschaft, der Musik, des Theaters und des Films liest sich beeindruckend.

Die Genehmigung für eine von Khrzhanovsky gewünschte Brücke zwischen den beiden Vorstellungsorten, dem Théâtre de la Ville und dem Théâtre du Châtelet, verweigerte die Stadtverwaltung. Davon abgesehen, steht das Rathaus hinter dem Projekt: Der für Kultur zuständige stellvertretende Bürgermeister Christophe Girard lobte DAU als „einzigartige Erfahrung“, welche erlaube, „in völlig neue Sinneswahrnehmungen einzutauchen“.

Zwischen beiden Theatern, die derzeit eigentlich wegen Umbauarbeiten geschlossen sind, wird anstelle einer banalen Kasse ein „Visa Center“ aufgebaut, in dem sich Besucher ihre Eintrittskarten in Form von „Visa“ abholen können: Sie gelten entweder sechs Stunden (35 Euro), 24 Stunden (75 Euro) oder unbegrenzt bis zum Ende am 17. Februar (150 Euro).

Besucher der beiden längeren Visa füllen vorab einen psychologischen Fragebogen aus, der ihnen einen personalisierten Rundgang ermöglicht, bei dem sie Filme und Vorstellungen ansehen, sich mit Imamen, Rabbinern oder Psychologen austauschen, wissenschaftliche Experimente oder Konferenzen verfolgen können. Aufgrund roher Sex- und Gewaltszenen gilt der Eintritt erst ab 18. Das Handy ist beim Betreten dieses „utopischen Ortes“ abzugeben.

Als dritter Partner hat sich in Paris das Centre Pompidou angeschlossen. In dem Museum für moderne Kunst wird ein Raum als typisch sowjetische Wohnung aus der Zeit von 1938 bis 1968 gezeigt, welcher sich mit der Zeit wandelt. Besucher können den darin wohnenden Physiker bei seinen Tätigkeiten beobachten. Nachts werden die drei teilnehmenden Kultureinrichtungen über eine rote Lichtskulptur in Form eines leuchtenden Dreiecks miteinander verbunden. Laut Organisatoren belief sich das Gesamtbudget auf 70 Millionen Euro.

Trotz der in jeder Hinsicht immensen Ausmaße des Projektes nahm es die Pariser Öffentlichkeit weniger stark wahr als jene in Berlin. Medien versuchten sich vorab mit „Erklärungsversuchen“, wie es das Kultur-Magazin „Telerama“ nannte: Etwas ratlos klingt dies, schwankend zwischen Faszination und Ablehnung. „Le Monde“ erfand eine kritische Devise für das Projekt: „Maßlosigkeit, Gewalt, Konfusion“ bestimme DAU, bei dem sich einfach alles außerhalb der gesetzten Normen befinde. Die brutalen Szenen der Folterung einer nackten Frau im Film „Natasha“ kritisierten vorab eine feministische Gruppe wie auch Madeline Da Silva, stellvertretende Bürgermeisterin der Pariser Vorstadt Les Lilas. Das Medien-Echo ist gespalten, unschlüssig, aber nicht gleichgültig. Und damit hat DAU wohl schon eines seiner Ziele erreicht.

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