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Gewalt gegen Zivilcourage

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Von: Ingeborg Ruthe

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Frédéric Bußmann, der junge Chef der Kunstsammlungen Chemnitz, wurde von Neonazis zusammengeschlagen.

Die Gewalt“, schrieb Sartre, „lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird“. Schon gar nicht von Arglosen. Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, hatte an diesem Tag, es war letzten Donnerstag, etwas Gutes erlebt. Aber am Abend etwas Schlimmes. „Morgens im Glück, weil die Kunstsammlungen Chemnitz ein Bild von Karl Schmidt-Rottluff erwerben konnten. Aber abends war ich am Boden zerstört, weil jugendliche Neonazis mich verprügelt haben. Sind das die zwei Seiten dieser Stadt?“, sagt der 1974 im französischen Boulogne-Billancourt geborene und in Münster aufgewachsene Kunsthistoriker. Er trat 2018 in Chemnitz die Nachfolge von Ingrid Mössinger an.

Ja, er war arglos

Frédéric Bußmann, der Zivilcouragierte, ist am vergangenen Freitag trotz der Blessuren und des Schocks, der auch bei seiner Frau und den beiden Söhnen tief sitzt, in sein Büro am Theaterplatz gekommen. Ja, er war arglos, als er, wie er mir berichtet, am Abend so gegen 20.45 Uhr durch den Konkordiapark in der Innenstadt nach Hause lief. „Da hörte ich eine Gruppe von Jugendlichen rumgröhlen, über längere Zeit lauthals ‚Sieg Heil‘ rufen. Und ich sah sie den Hitlergruß zeigen. Ich wollte so ein Verhalten nicht hinnehmen, zumal keine 1500 Kilometer von uns entfernt Menschen in einem Angriffskrieg sterben. Es entspricht meiner tiefen inneren Überzeugung, dass die Grenze des Sagbaren nicht kommentarlos überschritten werden darf und dass Gesetze und Werte unserer Gesellschaft zu respektieren sind. Einschüchternde neonazistische Parolen bin ich nicht bereit in meiner Stadt unkommentiert zu dulden.“

Er habe seiner Meinung verbal deutlich Ausdruck verliehen, ohne in irgendeiner Form körperlich aggressiv geworden zu sein, erklärt der Kunstexperte. „Doch ich wurde unvermittelt geschlagen und getreten. Erst, als ein Busfahrer anhielt, die Polizei rief und mich mitnahm, war ich der Gefahrensituation entkommen. Ich hatte also Glück. Ich habe einige Schmerzen, meine Brille wurde zerschlagen, aber es geht mir gut. Der Angriff erschüttert mich zutiefst, es war ein großer Schock. Auf der Straße wegen gegensätzlicher Meinungsäußerungen hier in Chemnitz und in Deutschland gewalttätig angegriffen zu werden – als Einzelperson – habe ich mir bisher nicht vorstellen können. Das weckt bei einigen vielleicht Erinnerungen an die sogenannten ‚Baseballschlägerjahre‘ in den neunziger Jahren“, so Bußmann.

Werte wie Toleranz

Frédéric Bußmann sagt, ihm zeige dieser Vorfall, wegen dessen nun die Polizei ermittelt und der sicherlich auch in anderen Städten hätte passieren können, „dass wir mehr Gewaltpräventionsprogramme bei Jugendlichen brauchen und die demokratische Kultur in unserer Gesellschaft sehr viel stärker ausbauen müssen. Dazu gehört für mich besonders die Schulbildung, in der die werteorientierten und gesellschaftlichen Fächer, Geschichte und Politik, aber auch Ethik und Religion, viel zu wenig unterrichtet werden“.

Damit Jugendliche zu reflektierten, wertebewussten und kritischen Menschen heranwachsen, die sich ihrer eigenen Verantwortung gegenüber anderen bewusst sind, auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, brauche es, so der Museumsmann, „einfach mehr als nur die MINT-Fächer. Aber auch alle anderen Akteure in der Gesellschaft, inklusive der Museen, müssen Werte wie Pluralismus, Toleranz und Gewaltfreiheit vermitteln“.

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