+
Hochkultivierte Ballettkunst in Hamburg.

Hamburger Ballett-Tage

Getanzte Gleichnisse

Raffinierte Tanzkunst wurde beim Auftakt der Hamburger Ballett-Tage zum Besten gegeben. Dramatischen Szenen in "Josephs Legende" folgte als melancholischer Epilog "Verklungene Feste".

Hamburg(dpa) - Nicht einmal das Finale bei der Fußball-EM hat die Hamburger Ballettfans abgehalten: Bis auf den letzten Platz war die Staatsoper bei der Eröffnung der 34. Hamburger Ballett-Tage besetzt. Jubelnd feierten die Zuschauer "Josephs Legende" und die Uraufführung "Verklungene Feste".

"The Party Is Over" hatte Choreograf und Ballettchef John Neumeier als Motto über beide Stücke gestellt und meinte damit unsere Situation in einer von vielen als Endzeit empfundenen Epoche. Beide Choreografien lassen sich als getanzte Gleichnisse lesen - und bieten darstellerisch intensive und technisch hochkultivierte Ballettkunst.

Bei der Uraufführung ein Flop

"Josephs Legende", in Paris 1914 von den Ballets Russes zur Musik von Richard Strauss herausgebracht, floppte bei der Uraufführung. Mikael Fokins Inszenierung schwelgte in opulenter Kostümpracht des Malers Leon Bakst. Die monumentale, golden prunkende Ausstattungsorgie bot weniger Tanz als Pantomime.

Neumeier verwandelte sie dann 1977 an der Wiener Staatsoper in ein richtiges Handlungsballett. Wie Fokin damals den jungen Leonide Massine als Joseph entdeckt hatte, brachte der Amerikaner den späteren Hamburger Tanzsstar Kevin Haigen groß heraus. Er hatte ebenfalls einen berühmten Maler seiner Zeit verpflichtet: Ernst Fuchs, den fantastischen Realisten aus der Wiener Schule.

Kein ägyptisches Ambiente bei der Neuinszenierung

Nun - 30 Jahre später - setzt der Choreograf bei der Neueinstudierung seiner "Josephs Legende" entschieden auf Reduktion im schlicht und klar von ihm konzipierten Bühnenraum. Kein ägyptisches Ambiente, keine Tempeltänzerinnen. Stattdessen amüsiert sich eine moderne luxuriöse Party-Gesellschaft in orientalischem Schick am Hof Potiphars. Vielleicht ein Öl-Krösus? Der könnte seine Entourage jedenfalls mit den eleganten, linienbetonten Roben in coolen Farbtönen des Akris-Modeschöpfers Albert Kriemler einkleiden.

Neumeier legt sich jedoch nicht fest. Mit Joseph bricht eine fremde Welt in die saturierte Wohlstandsgesellschaft ein. Der wilde, unschuldige Naturknabe aus der Wüste, lupenrein getanzt von Alexandre Riabko, trifft Potiphars gelangweilte, erkaltete Frau wie ein Blitz.

Ein Hauch von postmoderner Spätromantik

Kusha Alexi, schneeweiß, lange blonde Mähne, scheint zu neuem Leben zu erwachen, will Joseph besitzen. Sie kennt nur Besitz, wird aber abgewiesen und von ihrem (tatsächlichen) Mann (Amilcar Moret Gonzalez) überrascht. Neumeier erspart sich Ketten und Selbstmord: Sie ist schon innerlich gestorben. Ein fulminantes Rollendebüt gelang der Schweizer Solistin.

Die eigentliche Tragödie, zeigt Neumeier, liegt im Verlust des Lebenssinns, im Verrat an der Humanität, der Kluft zwischen reicher und armer Welt. Er hat eben etwas von einem postmodernen Spätromantiker.

"Verklungene Feste", die Tanzfolge zu den Couperin-Variationen von Strauss, arrangierte er anschließend als melancholischen Epilog. Sie hat weder die sinfonische Kraft der keineswegs von der Philharmonikern unter Christoph Eberler schwülstig musizierten "Josephs Legende", noch deren szenische Dramatik. Wie Nebelwolken trüben Wehmut und Todesahnung den letzten Reigen der fünf Paare vor dem Abschied. Munter ziehen die Männer in eine Schlacht, das Feiern ist vorbei.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion