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Reiseruf

Gesucht wird: Frau Müller

Im Handy-Zeitalter ist der Reiseruf, der mehr als 40 Jahre zum Serviceangebot des Radios gehörte, zur bedrohten Spezies geworden - aber es gibt ihn noch. Von Reinhard Lüke

Von Reinhard Lüke

Die Erfindung des Mobiltelefons hat nicht nur das Leben, sondern auch die Dramaturgie von Spielfilmen nachhaltig verändert. Wenn ein einsamer Held irgendwo in der Pampa in eine Notlage gerät, ohne Hilfe herbeiholen zu können, ist das nur noch glaubwürdig, wenn der Darsteller sein Handy aus der Tasche fummelt, verdutzt aufs Display schaut und entnervt etwas wie "Scheiße, kein Netz!" von sich gibt. Dasselbe gilt im Film natürlich umgekehrt auch für die Nichterreichbarkeit von Freunden oder Familienangehörigen.

Beim Hörfunk hat die Revolution der Kommunikationstechnologie die Rubrik des Reiserufs nahezu komplett verschwinden lassen, die mehr als 40 Jahre zum Serviceangebot des Radios gehörte. Vor allem zur Urlaubszeit erklang nach den aktuellen Staumeldungen nahezu täglich eine Stimme, die mit dem Intro "Und jetzt noch ein Reiseruf" nach irgend einem Herrn Meier oder einer Frau Müller fahndete, die auf einer Autobahn oder auch nur vage "im Raum Süddeutschland" unterwegs sein sollten. Meist wurden dazu noch PKW-Typ und Farbe mitgeteilt und im optimalen Fall war auch das "amtliche Kennzeichen bekannt".

Die Meldungen endeten in der Regel mit der Aufforderung, die Gesuchten möchten sich umgehend mit ihrer Mutter, dem Schwager oder einfach mit "zu Hause" in Verbindung setzen. Und während man als unbeteiligter Hörer rätselte, welcher Schicksalsschlag da eine Familie getroffen haben mochte, begann man unwillkürlich, so man im gleichen Gebiet wie die Gesuchten unterwegs war, unwillkürlich nach dem entsprechenden PKW-Typ Ausschau zu halten.

Dabei waren durchaus nicht immer nur Todesfälle, die Menschen veranlassten, nach Reisensenden fahnden zu lassen. Oft wurden auch Autofahrer aufgefordert, sofort anzuhalten, weil sich Mechaniker einer Werkstatt, der an dem Wagen kurz zuvor die Reifen gewechselt hatte, nicht mehr sicher war, ob er die Radmutter richtig festgezogen hatte. Und bisweilen hatte der Reiseruf auch frohe Kunde für den Gesuchten zu bieten. Etwa wenn ein lang ersehnten Spenderorgan endlich verfügbar war und sich der Empfänger umgehend in eine Klinik begeben sollte.

Gänzlich verschwunden ist der Reiseruf noch immer nicht, auch wenn die Zahlen im Handyzeitalter eher gen Null tendieren. "Früher haben wir dreißig Reiserufe pro Woche gesendet beziehungweise weitergeleitet, heute sind es höchstens ein bis zwei", sagt Arndt Heyer, Leiter der Verkehrsredaktion beim Hessischen Rundfunk (hr), wo die Reise-Rufstelle der ARD angesiedelt ist. Schließlich gibt es auch heute noch Autofahrer, die kein Handy besitzen oder es gerade nicht dabei haben.

Am Prozedere des Reiserufs hat sich indes wenig geändert. Arndt Heyer: "Wenn bei uns die Bitte um einen Reiseruf eingeht, verlangen wir von dem Anrufer einen Nachweis für die Seriosität seines Anliegens. Vielfach geht es ja darum, dass jemand aus der nahen Verwandtschaft gestorben oder schwer erkrankt ist. Da bitten wir dann um die Sterbeurkunde oder zumindest die Telefonnummer eines Arztes, der die Angaben bestätigen kann".

Um Witzbolde vom Missbrauch abzuhalten, verfährt man auch beim ADAC ganz ähnlich, wo man ebenfalls eine Suchmeldung in Auftrag geben kann. In der Regel landet die dann auch in der zuständigen Redaktion des hr, von wo aus sie an die verschiedenen Sender der ARD weitergeleitet wird. Je nachdem, in welchem Sendegebiet der Reisende unterwegs ist.

Für die Suche im Ausland stehen der Redaktion auch die deutschsprachigen Programme der Deutschen Welle und des Deutschlandradios zu Verfügung. Dass auf diesem Weg einmal ein Urlauber in Thailand ausfindig gemacht werden konnte, macht Arndt Heyer schon ein wenig stolz.

Doch nicht immer erfährt die Reaktion, ob ein Reiseruf erfolgreich war oder nicht. Von daher kann Heyer die Erfolgsquote auch nicht exakt benennen. Aber bei fünfzig Prozent dürfte sie seiner Einschätzung nach schon liegen. Und natürlich erinnert er sich auch noch an einen besonders skurrilen Fall. "Da war einmal", so Heyer, "eine Familie im Wohnmobil unterwegs. Bei einem Tankstop war die Tochter unbemerkt ausgestiegen und zur Toilette gegangen. Die Eltern sind dann ohne sie weitergefahren, aber ein geistesgegenwärtiger Tankstellenpächter hat dann den Reiseruf alarmiert."

Tankwarte waren auch schon bei der Einführung des Reiserufs im Jahre 1938 gefordert. Da an eine flächendeckende Verbreitung von Autoradios noch nicht zu denken war - die fand dank der Transistortechnik erst in den 60er Jahren statt -, wurden die Suchmeldungen an Tankstellen längs der Autobahnen telegrafiert, wo dann Mitarbeiter die Informationen für die Reisenden dann mit Kreide auf einer Tafel festhielten. Und mit etwas Glück war Frau Müller gerade dort das Benzin knapp geworden.

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