„Kulturkampf von rechts“

Im Gestrüpp der Meinungen

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Die Wochenzeitung „Die Zeit“ wehrt sich gegen irrige Vorwürfe gegen ihren Autor Ulrich Greiner. Ein bezeichnender Vorfall.

In ihrer aktuellen Ausgabe wehrt sich die Wochenzeitung „Die Zeit“ gegen die Behauptung in einer Broschüre der staatlich geförderten Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR), der „Zeit“-Autor und ehemalige Literaturchef Ulrich Greiner habe dem „Kulturkampf von rechts“ Vorschub geleistet, indem er im Jahr 2013 die Umschreibung von Kinderbüchern aus Gründen der politischen Korrektheit in Frage stellte. Und fünf Jahre später dann die „Gemeinsame Erklärung“ derjenigen unterzeichnet hätte, die den friedlichen Protest gegen „illegale Masseneinwanderung“ unterstützte.

Letzteres stimme nicht, stellen Christine Lemke-Matwey und Adam Soboczynski jetzt klar, und Ersteres sei ein Beispiel dafür, dass die Broschüre, die Theaterleuten eine Handreichung gegen rechts bieten will, „letztlich keinen Unterschied zwischen konservativen, liberalkonservativen, rechtsextremen, rassistischen, Gendertheorie-skeptischen oder rechtspopulistischen Positionen macht.

Was auch schwer ist, zumal in einem Zusammenhang, in dem es der MBR tatsächlich darum geht, davor zu warnen, dass das politisch nicht Gewollte schon mit der Infragestellung des politisch Gewollten beginnen kann. Das ist natürlich kein Grund, falsche Informationen über Ulrich Greiner zu verbreiten, und die MBR hat sich dafür entschuldigt und überarbeitet die Broschüre gerade.

Ohne die irrige Annahme, er sei per Unterschrift ins Pegidaversteherische Lager gewechselt, hätten die Autoren der Broschüre Greiners Kritik an dem Orwell-haften Umschreiben von Literatur vermutlich gar nicht herausgegriffen. Man brauchte einen populären Zugriff, um zu zeigen, dass das Böse, oder sagen wir: das Andere, das Ausgrenzende mitten unter uns sitzt. Tatsächlich ist es schlimmer: Es sitzt nämlich in uns.

Schon die Konsens-Annahme, dass es in einer toleranten Gesellschaft auch diesseits des justiziablen Grenzen der Toleranz geben müsse, zeigt das logische Problem einer Richtig-falsch-Rhetorik. Und eine kritisch-aufklärerische Haltung in einem Bündnis oder verbindlichen Handreichung festschreiben zu wollen, ist ebenfalls ein paradoxes Unternehmen. Der Nutzen als Pfeifen im Wald liegt auf der Hand. Tatsächlich kann ein ernsthaft kritischer Weg durch das Gestrüpp der Meinungen nur ohne Verpflichtungen gefunden werden, denn an jeder Abzweigung muss er sich ja neu ausrichten.

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