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KI von gestern

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Mit künstlicher Intelligenz ist es wie mit überkochender Milch: bloß nicht weggucken!

Künstliche Intelligenz“ ist genau wie „Digitalisierung“ ein Begriff, der alles und nichts beschreibt, jedenfalls keine konkreten Technologien. „Digitalisierung“ bedeutet sinngemäß: „Bei der Konkurrenz ist irgendein Aspekt der Arbeit schon seit zehn Jahren digitaler als bei uns, und wenn wir ein Budget bekämen, könnten wir das endlich auch so machen.“ Es ist ein Begriff, der vom Ankommen in der Gegenwart handelt. „Künstliche Intelligenz“ handelt von der Zukunft und bedeutet: „Wenn wir ein riesiges Budget bekämen, könnten wir etwas ganz Neues machen, was die Konkurrenz noch gar nicht hat.“ Künstliche Intelligenz ist immer das, was gerade noch nicht geht.

Nachdem ich mir diese Definition ausgedacht hatte, musste ich feststellen, dass mir andere zuvorgekommen waren, und zwar gar nicht knapp, sondern um 40 oder 50 Jahre. Die ursprüngliche Version des Informatikers Larry Tesler lautet: „Intelligenz ist immer das, was Maschinen noch nicht können.“ Es handelte sich wohl um eine Mitteilung Teslers an den Autor Douglas Hofstadter, der den Satz 1979 in seinem Buch „Gödel, Escher, Bach“ bekanntmachte. Dort lautet er: „Künstliche Intelligenz ist immer das, was gerade noch nicht geht.“ Hofstadter erwähnt die aus der Mode gekommene Begeisterung für „riesige Elektronengehirne“ und bedauert, dass wir so schnell blasiert werden, was technischen Fortschritt angeht.

In seinem Buch folgt eine Liste von KI-Forschungsgebieten der 1970er Jahre, „von denen jedes auf seine Weise die Quintessenz der Intelligenz zu benötigen scheint“. Sie enthält einige Einträge, auf die man heute vermutlich nicht mehr oder nur nach längerem Nachdenken käme: Schrifterkennung gedruckter Texte in verschiedenen Schriftarten, das Verstehen der gesprochenen Zahlen von eins bis zehn, Bridge, Poker und Tic-Tac-Toe. Diese Verfahren sind für uns aus der Kategorie „Künstliche Intelligenz“ herabgesunken in eine Kategorie, in der sich Radios, Telefone und Lichtschalter befinden. Was gleich mehrfach ungerecht ist, denn natürlich sind auch Radios, Telefone und Lichtschalter komplexe Erfindungen, die wir zu blasiert betrachten.

In der journalistischen Berichterstattung ist der KI-Begriff noch viel weiter gefasst als in der Fachliteratur. Hier ist KI nicht „das, was gerade noch nicht geht“, sondern manchmal auch einfach alles, was gerade neu ist. So berichtete der „Spiegel“ 1982, künstliche Intelligenz stecke „sogar schon in Scheckkarten“. Gemeint waren Chips in „intelligenten“ Scheckkarten, die gerade in Frankreich erprobt werden sollten: „Das Plastik-Geld, verwendbar an besonderen Kassenterminals in 600 Geschäften, weiß die Kontonummer und kennt den Überziehungskredit des Inhabers, kann sich 180 Buchungen merken und ist – versichern die Experten – absolut fälschungssicher.“ Dass ein Gerät oder ein Chip Nummern „weiß“ oder „sich merken kann“, war eigentlich auch schon 1982 kein Zeichen von Intelligenz mehr. 1994 heißt es ebenfalls im „Spiegel“: „Die künstliche Intelligenz des Personalcomputers reicht inzwischen immerhin aus, um geistig gesunde, durchschnittlich nachlässige Steuerbürger in Erbsenzähler zu verwandeln, die zwanghaft sogar das Taschengeld ihrer Kinder als knallbunte Tortengrafik berechnen müssen.“ Gemeint sind Finanzmanager-Software und Homebanking.

Aus Teslers Theorem lässt sich zweierlei ableiten: Erstens und naheliegenderweise wird alles, was uns heute als künstliche Intelligenz erscheint, demnächst unsichtbar werden oder wie triviale Rechnerei erscheinen. Beim Schach ist dieser Prozess schon weit fortgeschritten. Lange Zeit war es ein Meilenstein künstlicher Intelligenz – naheliegend, weil Schach davor lange Zeit als Ausweis menschlicher Intelligenz galt. (Allerdings nicht immer: Im 17. und 18. Jahrhundert betrachteten Intellektuelle Schach als kindische Zeitverschwendung, so wie heute Gaming.) Seit 1997 der Schachcomputer Deep Blue den Weltmeister Garri Kasparow besiegte, steht Schach im Ruf einer Aufgabe, für die Computer keine Intelligenz, sondern lediglich genug Rechenpower brauchen.

Zweitens besagt Teslers Theorem, dass KI immer das ist, was es noch nicht gibt. Daraus folgt, dass im Inneren vieler Dinge, die aktuell als künstliche Intelligenz verkauft werden, mehr oder weniger gut versteckt weiterhin Menschen arbeiten. So war es bei Wolfgang von Kempelens Schachroboter aus dem 18. Jahrhundert, und so ist es seitdem geblieben. In den letzten vier Jahren sind „AI start-ups“ immer wieder durch solche Praktiken aufgefallen. Manchmal kann man den kurzen Moment wahrnehmen, in dem ein bestimmter Vorgang bereits funktioniert und trotzdem gerade noch als künstliche Intelligenz gilt. Aber das geht ähnlich schnell wie bei überkochender Milch: Man darf keine Minute lang weggucken.

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