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Zwangsarbeit in Nazi-Deutschland: „In Nachkriegs-Europa waren das keine Heldengeschichten“

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Von: Peter Riesbeck

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Paul-Moritz Rabe.
Paul-Moritz Rabe. © Orla Connolly

Der Historiker Paul-Moritz Rabe über die Aufzeichnungen des niederländischen NS-Zwangsarbeiters Jan Bazuin, die Scham, die viele Verschleppte empfanden, und Strategien des Überlebens im Lager

Während des Zweiten Weltkriegs gab es in Deutschland und den von der Wehrmacht besetzten Gebieten weit mehr als 20 Millionen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Einer von ihnen war der junge Niederländer Jan Bazuin. Der 19-Jährige wird im Januar 1945 von Rotterdam zur Zwangsarbeit ins Lager Neuaubing nahe München verschleppt – und hält seine Erlebnisse in einem Tagebuch fest. Der Historiker Paul-Moritz Rabe arbeitet am NS-Dokumentationszentrum München. Er hat die Aufzeichnungen ediert und jetzt veröffentlicht.

Herr Rabe, was macht das Tagebuch von Jan Bazuin so besonders?

Tagebücher sind für Historiker fast immer eine spannende Quelle. Sie öffnen ein Fenster in eine vergangene Zeit. Anders als Erinnerungen, die mit zeitlichem Abstand nachträglich notiert werden, bieten Tagebücher die Chance auf eine einzigartige Perspektive: Für den Berichtenden ist der Ausgang seiner Erzählung ja völlig offen. Und für die heutigen Leser:innen lässt sich Geschichte gewissermaßen live miterleben und unmittelbar nachverfolgen, was ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt, gedacht und gefühlt hat.

Gibt es viele solcher Aufzeichnungen?

Die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts war grundsätzlich ein Zeitalter des Schreibens, auch des Tagebuchschreibens. Gerade die Zeit nach 1933 war für viele Menschen in Deutschland dann einschneidend, besonders für vom NS-Regime verfolgte Menschen. Das spiegelt sich in einer erhöhten Schreibaktivität wider. Von Zwangsarbeitern gibt es jedoch relativ wenige überlieferte Tagebücher. Die Millionen Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten, das waren überwiegend Frauen, kamen mit wenig mehr als dem, was sie am Leib trugen nach Deutschland. Zudem war es in den Unterkünften klamm und eng, es gab keine Privatsphäre. Da kam man nicht wirklich auf die Idee, Tagebuch zu führen. Auch das Papier war knapp, gerade in der Schlussphase des Kriegs. Bazuin thematisiert das sogar. Insgesamt hat er drei Schreibhefte in unterschiedlichen Formaten verwendet. Dabei lässt er uns wissen, wie aufwendig es war, an ein neues Heft zu kommen. Insofern sind solche Aufzeichnungen selten und das macht sie für uns heute umso wertvoller.

Was macht Bazuins Schilderungen auch jenseits der Forschung so interessant?

Solche privaten Aufzeichnungen schaffen eine Verbindung zwischen kleinen persönlichen Erlebnissen und größeren politischen Weltlagen. Das Allgemeine zeigt sich im Besonderen. Man kann sich außerdem mit dem Protagonisten identifizieren. Bazuin beschreibt seine Gefühlslagen, kleine Streitereien in der Familie, sein Verliebtsein, aber auch den großen Hunger. Das eröffnet uns eine private Welt neben den aus den Lehrbüchern bekannten Strukturen der Unterdrückung in den Zwangsarbeiterlagern, wie wir sie schon kennen.

Wie sind Sie überhaupt an die Aufzeichnungen gekommen?

Bazuin selbst hat sein Tagebuch nach dem Krieg versteckt gehalten. Erst nach seinem Tod im Jahr 2001 hat es sein Sohn Leon entdeckt und später gemeinsam mit seiner Frau Carolien transkribiert. Die Aufzeichnungen sind eng geschrieben, auf vergilbtem Papier, die Schrift ist verblasst. Das war keine so einfache Aufgabe.

Schreiben, ohne dass es eine Privatsphäre gab.
Schreiben, ohne dass es eine Privatsphäre gab. © Barbara Yelin/C.H. Beck

Und auf welchem Weg fand das Tagebuch von Rotterdam nach Bayern?

Als hier in München zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts die Geschichte des bis dahin vergessenen Zwangsarbeiterlagers im Vorort Neuaubing langsam wiederentdeckt wurde, tauchte in alten Lagerlisten irgendwo auch Jans Name auf. Über das Stadtarchiv Rotterdam kontaktierten Lokalforscher damals Bazuins Sohn, der dann auch von dem Tagebuch berichtete. Etwas später kam das Transkript hier ans NS-Dokumentationszentrum in München. Als ich hier 2017 meine Forschungen zum Thema Zwangsarbeit angefangen habe, bin ich in unserem Hausarchiv darauf gestoßen.

Wie sind Sie bei der Edition vorgegangen?

Ich habe die Aufzeichnungen mit anderen Quellen abgeglichen und dadurch verifiziert. Für einen Historiker ist das spannend. So wussten wir schon vorher aus Lagerlisten, dass im Februar 1945 an einem Tag mehr als 200 polnische Zwangsarbeiter nach Neuaubing kamen und dort registriert wurden. Über diese Neuankömmlinge berichtet dann auch Jan Bazuin, sogar von gegenseitigen Besuchen in den Baracken. Das Tagebuch haucht diesen bloßen Zahlenangaben also Leben ein.

Im Tagebuch finden sich Widmungen polnischer Zwangsarbeiter wie „Dem Holländer – ein kleiner Soldat Polens“. Was sagt das über den Lageralltag aus?

Bazuins Tagebuch liest sich mit den Widmungen an manchen Stellen fast wie ein Poesiealbum. Es gab offenbar ein nationalitätenübergreifendes Miteinander in den Lagern. Zeitweise war Bazuin auch mit Zwangsarbeitern aus Polen in einer Baracke untergebracht. Das überrascht mit Blick auf die offiziell geltenden Verordnungen. Denn diese sahen eigentlich vor, streng zwischen Zwangsarbeitern aus dem Westen und dem Osten zu unterscheiden – beim Essen etwa, aber auch bezüglich der Unterbringung im Lager. Natürlich wurde unter den Arbeitern auch in Nationalitäten-Stereotypen gedacht. Auch Bazuin redet von den Polen, den Franzosen – und seinen niederländischen Kameraden, die ihn beklauten. Aber der Austausch unter den Zwangsarbeitern aus unterschiedlichen Ländern war scheinbar größer als angenommen. Die „Rassentrennung“ funktionierte in der Praxis wohl nicht immer so, wie die Nationalsozialisten sich das gewünscht hätten.

Was lässt sich generell über das Verhältnis von Zwangsarbeitern aus Ost- und Westeuropa sagen?

In den offiziellen Verordnungen wurde strikt auf Rassentrennung geachtet, wie das in der Sprache der NS-Verwaltung hieß. Das Lager in Neuaubing etwa war ursprünglich für sogenannte Ostarbeiter gedacht. Westeuropäische Zwangsarbeiter waren eher auf dem Werksgelände oder in der Nähe der Betriebe untergebracht. Sie nahmen ihr Essen auch in den Werkskantinen ein und ihnen wurde größere Tagesrationen zugeteilt. Osteuropäische Zwangsarbeiter hatten hier in Neuaubing nur einen ausrangierten Waggon, wo es tendenziell schlechteres Essen gab. „Rassentrennung“ spielte also in den Vorgaben eine Rolle, funktionierte in der Praxis aber überhaupt nicht.

Von welcher Dimension sprechen wir eigentlich, wenn wir über Zwangsarbeiter im Dritten Reich sprechen?

Zur Person:

Paul-Moritz Rabe , geboren 1984, studierte Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Dissertation „Die Stadt und das Geld. Haushalt und Herrschaft im nationalsozialistischen München“ wurde mehrfach ausgezeichnet.

Am NS-Dokumentationszentrum in München arbeitet er seit 2017, seit 2019 als Leiter der wissenschaftlichen Abteilung sowie des neu entstehenden Erinnerungsorts in Neuaubing. Hier entstand des Tagebuch von Jan Bazuin, das Rabe jetzt herausgegeben hat. Foto: Orla Conolly

Einer absoluten Massendimension, was heute oft noch unterschätzt wird. Wir wissen von ungefähr 13,5 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die allein auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs eingesetzt waren, der Großteil kam aus Osteuropa. Weitere rund zwölf Millionen Menschen wurden in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit herangezogen. In den letzten Kriegsmonaten waren mehr als ein Drittel der Beschäftigten in deutschen Unternehmen Zwangsarbeiter, in manchen Rüstungsbetrieben lag der Anteil bei weit über 50 Prozent. Zwangsarbeiter hielten nicht nur die Kriegsindustrie, sondern die gesamte deutsche Volkswirtschaft am Laufen. Denn sie waren in vielen Familienbetrieben, der Landwirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung beschäftigt. In einer Stadt wie München mit damals rund 500 000 bis 600 000 Einwohnern gab es bei Kriegsende mindestens 150 000 Zwangsarbeiter:innen. Im gesamten Deutschen Reich existierten rund 30 000 Massenunterkünfte für Zwangsarbeiter, das entspricht etwa der heutigen Zahl an Supermärkten und Lebensmittelläden. Zwangsarbeit war also allgegenwärtig und sichtbar.

Bazuin macht ganz eigene Erfahrungen: „Ich war da mitten in den Bergen. In einem Wort, wunderschön“, beschreibt er einen sonntäglichen Ausflug ins Münchner Umland nach Herrsching. Waren solche Touren üblich?

Das ist das Besondere an Quellen: Sie fordern uns immer wieder dazu auf, unsere gängigen Vorstellungen zu hinterfragen! So wie diese Schilderung eines Ausflugs, die auf den ersten Blick überrascht. Westeuropäische Zwangsarbeiter wie Bazuin hatten grundsätzlich mehr Möglichkeiten in ihrer wenigen „Freizeit“. Sie durften sich frei bewegen, Arbeiter aus Osteuropa brauchten dafür jedoch eine Genehmigung. So waren für Westeuropäer auch Besuche im Kino möglich. Auch Bazuin berichtet darüber. Aber seine insgesamt drei Ausflüge ins Alpenvorland haben mich doch überrascht. Das hatte ich zuvor noch nicht so gefunden. Dazu muss man wissen: Bazuin war ein unkonventioneller, abenteuerlustiger und selbstbestimmter Typ. So erinnert sich auch sein Sohn an ihn. Er sprach wohl auch sehr gut Deutsch. Insofern ist er sicherlich kein repräsentativer Zwangsarbeiter, falls wir davon überhaupt sprechen könnten. Den typischen Zwangsarbeiter gab es nicht. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren sehr unterschiedlich.

Bazuin schafft es teilweise, in der Küche zu arbeiten ...

Das sicherte ihm das Überleben. Eine andere Strategie war das Rauchen, Nikotin betäubt – auch den Schmerz. Der Hunger war eine prägende Erfahrung für alle Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Wir haben vor einigen Jahren ein Interview mit den Kindern eines ehemaligen russischen Zwangsarbeiters geführt. Sie berichteten uns, dass ihr Vater sich sein ganzes Leben lang jeden Abend ein kleines Stück Brot auf seinen Nachttisch gelegt hat, bevor er zu Bett ging. Ihn trieb die stete Angst um, nachts aufzuwachen und nichts zum Essen zu haben – seit dem Krieg in Deutschland.

Bazuin beschreibt ausführlich, wie die Front näher rückt. Im April 1945 gelingt es ihm zu fliehen. War er eine Ausnahme?

Es war eine Ausnahme, aber trotzdem gab es auch andere Einzelfälle. In den letzten Kriegstagen brach die Ordnung des NS-Regimes zusammen. Bazuin selbst vermittelt in seinen Eintragungen auch den Eindruck, er würde als „kriegswichtige“ Arbeitskraft eigentlich nicht mehr gebraucht. Er arbeitete überall, aber nicht mehr bei der Reichsbahn im Ausbesserungswerk, wo er eigentlich Züge hätte reparieren sollen. Für diese Arbeit fehlten aber am Ende die Ressourcen, auch die Transportwege waren zerstört.

Flucht war gefährlich. Er berichtet, wie er zwischen die Fronten geriet ...

Bazuins Schilderungen sind eine der ganz wenigen mir bekannten Beschreibungen einer solchen Flucht. Sein Entschluss erforderte Mut. Wenn er erwischt worden wäre, hätte ihm eine Erschießung gedroht. Sein Vorgehen sagt aber auch viel über seinen Charakter. Bazuin behielt stets seinen Lebensmut, seine Zuversicht. In keiner Phase verliert er die Hoffnung. Während des Kriegs in seiner Heimat Rotterdam und später in Neuaubing erscheint er stets als jemand, der sein Leben selbst in die Hand nehmen will.

Die Flucht gelingt. Hinter der Front begegnet er einem schwer verwundeten deutschen Soldaten und hilft ihm. Mitleid statt Rache – gibt es andere solcher Beispiele?

Auch hier zeigt sich wohl Bazuins Charakter. Andere Zwangsarbeiter haben nach dem Zusammenbruch des Systems, in den unmittelbaren Tagen nach Kriegsende anders gehandelt. In Neuaubing wurde der deutsche Lagerunterführer von früheren Zwangsarbeitern zusammengeschlagen, der Wachführer eine Woche eingesperrt. Es gab also Rache, aber – und das ist ganz wichtig – sie war nicht willkürlich und schien sich nicht gegen „die Deutschen“ im Allgemeinen gerichtet zu haben. Es wurde unterschieden danach, wer sich während der Gewaltherrschaft zuvor wie verhalten hatte. So wurde der Lagerführer in Neuaubing, der disziplinarische Verfehlungen nicht an die Gestapo weitergeleitet hatte, nach Kriegsende verschont.

Bazuins Sohn wusste von der Verschleppung seines Vaters, aber nicht von den Aufzeichnungen. Warum haben die Zwangsarbeiter nach dem Krieg lange Zeit kaum über ihre Erlebnisse berichtet?

Die Geschichten der Zwangsarbeiter wurden in vielen Ländern Europas jahrzehntelang verdrängt. Da wirkte teilweise noch die Propaganda der Nationalsozialisten nach, die das Ganze ja nicht als „Zwang“, sondern als scheinbar normalen „Arbeitseinsatz“ propagiert hatten. Den ehemaligen Zwangsarbeitern, insbesondere in der Sowjetunion, aber auch in den Niederlanden, wurde unterstellt, mit dem Feind zusammengearbeitet zu haben. Daher wurden diese Geschichten auch oft im Familienkontext nicht weitererzählt, auch aus Scham vielleicht, es waren in den europäischen Nachkriegsgesellschaften jedenfalls keine Heldengeschichten. In den Niederlanden spielte die Erinnerung an den Widerstand eine viel zentralere Rolle. Dagegen verblassten die Erinnerungen der Zwangsarbeiter. In Osteuropa hat sich das erst ganz allmählich nach 1990 mit dem Zerfall der Sowjetunion verändert. Hier wurden ehemalige Zwangsarbeiter noch jahrzehntelang geheimdienstlich beobachtet.

Sie haben das Tagebuch als historische Quelle durch Illustrationen der Zeichnerin Barbara Yelin ergänzt. Regte sich unter Puristen in der Fachwelt keine Kritik?

Bislang noch nicht. Unser Ziel war es ja, den Text als authentische Quelle zu erhalten, aber gleichzeitig die Zugänglichkeit zu erleichtern, gerade für Leser, die eventuell nicht so historisch vorinformiert sind. So kam die Idee der Illustration auf. Die bunten Zeichnungen schaffen neue Vorstellungswelten, wo bisher oft die schwarz-weißen Propagandafotos der Nationalsozialisten den Blick auf Geschichte bestimmen. Der Zeichnerin Barbara Yelin und mir ging es auch darum, Leerstellen zu füllen und Verständnisbrücken zu bieten, um Bazuins Erfahrungen heutigen Lesern noch näher zu bringen. Wir haben auch manches ergänzt, um historische Tatsachen zu betonen, die im Text selbst unterrepräsentiert sind: Auf einigen Zeichnungen sind zum Beispiel Kinder und Jugendliche zu finden, obwohl Bazuin diese nicht explizit erwähnt. Denn nicht wenige Kinder mussten als Zwangsarbeiter schuften. Wir haben auch darauf geachtet, bewaffnete Wachen abzubilden, um den Zwangscharakter zu betonen. Bazuins Aufenthalt war schließlich kein Abenteuertrip.

Abschließend: Was hat Sie beim Lesen besonders beeindruckt?

Da gibt es viele Aspekte. Sehr spannend fand ich beispielsweise nachzuvollziehen, auf welchen Wegen sich in einer Kriegsgesellschaft Nachrichten, aber auch Falschinformationen verbreiten und welche Bedeutung (Nicht-)Wissen dann für die Stimmungslage eines Einzelnen hat. Jan baut sich seinen Kenntnisstand über den Frontverlauf, die Befreiungschancen, die Lebensmittelsituation oder drohende Razzien mit Hilfe von kleinsten Hinweisen, Zeitungsmeldungen oder auf der Straße aufgeschnappten Gesprächsfetzen zusammen, weiß aber selbst nie so ganz genau, welchen Informationen man überhaupt trauen kann. Er erfindet sogar eine Figur im Tagebuch, um diesem Phänomen einen Namen zu geben: „Frau Schwätzerin“. Was weiß wer zu welchem Zeitpunkt über den Kriegsverlauf unter den Bedingungen einer eingeschränkter Informationslage- und angesichts der Instrumentalisierung von Medien? – Das ist auch für heutige Kriegsgesellschaften eine zentrale Frage.

Interview: Peter Riesbeck

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