Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Zukunft

Corona-Pandemie: Zurück in die Vergangenheit? Warum nicht alles wieder „normal“ werden darf

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
    schließen

Das Ende der Pandemie sollte nicht die einzige Vision der Zukunft sein. Die Menschheit steuert nach Corona auf gewaltige Probleme zu.

  • Die Welt ersehnt die Zeit nach dem Coronavirus.
  • Die Corona-Pandemie scheint die Debatten um Utopien und Visionen der Zukunft gebremst zu haben.
  • In eine Welt vor Corona zurückzukehren, reicht nicht.

Im Winter 1968/69 starben auf der Welt eine Million Menschen an der Hongkong-Grippe. Während der großen Grippe-Epidemie von 1995/96 mit etwa 8,5 Millionen Erkrankungsfällen starben allein in Deutschland circa 30 000 Menschen an den Folgen der Influenza. Im November 2020 beschloss die dänische Regierung die schnellstmögliche Tötung aller 17 Millionen Nerze in Dänemark, da etwa 50 Prozent aller humanen Covid-19 Fälle im nördlichen Dänemark mit Nerzfarmen in Verbindung standen und die Tiere selbst infiziert sein könnten. Unter den infizierten Nerzen waren bereits Mutationen des Sars-CoV-2 festgestellt worden.

Das sind nur ein paar der Opfer. Wir wollen nicht vergessen: Als 1997 die Schweinepest um sich griff, wurden allein in den Niederlanden mehr als 12 Millionen Schweine getötet. 2001/2002 waren in Großbritannien mehr als 6,5 Millionen Nutztiere dran. So sollte die Verbreitung der Maul- und Klauenseuche gestoppt werden. Das gelang. 2018 fanden von China bis Rumänien millionenfach Keulungen statt. Der Euphemismus, der so tat, als würden Keulen geschwungen, wo in Wahrheit von einem industriellen Massenmord die Rede war, hatte es aus den Praxen der Veterinärmedizin dank der Fernsehnachrichten in unsere Wohnzimmer und in den allgemeinen Sprachschatz geschafft.

Februar 2001: Wegen einer Maul- und Klauenseuche werden im englischen Essex die Kadaver des getöteten Viehs verbrannt.

Corona-Pandemie legt die Wirtschaft lahm

Angesichts des die Globalwirtschaft lahmlegenden Sars-Virus ist jetzt wieder oft die Rede von der „Resurrektion der Natur“. Es handele sich, erklärt man uns, um so etwas wie einen Aufstand der immer mehr in die Enge gedrängten Natur. Vielleicht ist daran richtig, dass Viren, die sich bisher mit tierischen Reproduktionslokalitäten begnügten, nun zu Viren mutieren, die sich auch im ja immer häufiger auftretenden Menschen vermehren. Allerdings könnte es auch sein, dass wir die Rolle, die Viren, Bakterien, Pilze etc. bei der Evolution des Menschen spielten, bisher übersahen. Wir sind nicht nur die Überlebenden der Gemetzel, die die Menschheit miteinander und im Kampf mit der Natur austrug. Wir sind auch die Überlebenden von Gemetzeln anderer Arten um und – womöglich wichtiger noch – in uns.

Wer das liest, dem drängt sich die Vermutung auf, dass auch die anderen Arten Überlebende sind. Die Bisons zum Beispiel wurden nicht nur wie die ursprünglichen Bewohner fast ausgerottet, weil die eindringenden Europäer sie zusammenschossen und massakrierten, sondern weil die von den Invasoren eingeschleppten Bakterien, Viren, Pilze den sogenannten Indianern den Garaus machten. Und womöglich den Bisons dazu. Es liegt ein mir verrückt erscheinender Hochmut darin zu glauben, dass ein Virus, das es sich in der Krone der Schöpfung gemütlich gemacht hat, nicht andernorts auch schöne Balzplätze finden könnte. Wir sollten beim Blick auf unseren verderblichen Einfluss auf den Rest der Natur unsere viralen Begleiter nicht vergessen.

Das älteste überlieferte medizinische Traktat der Menschheit liegt in der Universitätsbibliothek Leipzig. Es ist der Papyrus Ebers, eine Hieroglyphenhandschrift aus dem 16. Jahrhundert v. u. Z. Unter die dort mit ihren Symptomen beschriebenen Krankheiten gehört eine namens „Resh“. Als Symptome werden Husten und eine laufende Nase beschrieben. „Resh“ war ein grippaler Infekt.

Corona-Pandemie krempelt Alltag radikal um

Corona brachte uns bei, dass die Menschheit vom Rest der Natur nicht zu trennen ist. Kaum jemand, der das nicht bereits gewusst hätte. Aber wer richtete schon sein Leben danach ein und welche Regierung gar hätte es getan? Jetzt aber bestimmt ein Virus nicht mehr nur über Leben und Tod, sondern es sorgt dafür, dass unser Alltagsleben radikal umgekrempelt wird. Wir verzichten – so sagen wir uns: aus Mitmenschlichkeit – auf Kontakte zu unseren Mitmenschen, auf unsere artgerechte Haltung also und beginnen erst langsam zu ahnen, was das für unsere Spezies bedeutet.

Wer diese Probleme hat, der gehört zu dem kleineren Teil der Weltbevölkerung, der sich wirtschaftliche und soziale Isolation leisten kann. Die überwiegende Mehrheit wird, wenn das Virus weiter wirkt, erheblich geschädigt werden von ihm oder aber von den Maßnahmen gegen es. Wir sind dabei zu begreifen, dass die evolutionäre Nische, von der wir glaubten, sie sei unsere, das zu keinem Zeitpunkt war. Wir teilen sie uns mit Milliarden anderen Lebewesen, die von uns so abhängig sind wie wir von ihnen. Das ist die eine Lektion, die wir im vergangenen Jahr mühsam lernen mussten.

Eine andere dämmert uns gerade erst. Es ist doch auffällig, dass, mit wem auch immer ich spreche, seine oder auch ihre Hoffnung in einer einzigen Idee kulminiert: Alles soll wieder werden, wie es mal war. Das galt mir seit mehr als einem halben Jahrhundert als der Inbegriff des Re-aktionären. Alles soll anders werden als es ist, war das Mantra vor Corona. Wir müssen heraus aus unseren Gewohnheiten, hieß es damals. Jetzt sehnen wir uns zurück in die Zeit vor Corona. Wie unsere Großeltern in die vor dem Krieg. Wir verstanden das nicht. „Vor dem Krieg war der Nationalsozialismus – dahin wollt ihr doch im Ernst nicht zurück?“

Corona und die Zukunft: Man sehnt sich nur noch in die Zeit vor dem Virus zurück

Manche von denen, die sich in die Vor-Corona-Epoche zurücksehnen, werfen ihre Stirn in Falten und meinen, es werde leider nie wieder so sein, wie es davor gewesen war und erinnern an Aids, das inzwischen zwar – wenigstens bei uns – keine tödliche Bedrohung mehr sei, dass aber die wilden Jahre zwischen der massenhaften Verbreitung der Anti-Baby-Pille und dem Auftreten von Aids nicht wiedergekommen seien. „Man mag das gut oder schlecht finden“, fügen sie gerne hinzu, „aber es ist so und so ist auch der Corona-Schock uns tief in die Glieder gefahren. Wir werden die Angst vor den Folgen unbedachter Nähe nicht einfach ablegen können wie den Wintermantel im Frühling.“ Der Einwand, dass die – je nach Schätzung – 20 bis 100 Millionen Grippetoten nach dem Ersten Weltkrieg nirgendwo die Gewohnheiten der Menschen auf längere Zeit geändert hätten, ziehe nicht, denn es habe damals keine „Umerziehung“ stattgefunden und schon gar nicht sei ein florierendes Wirtschaftsleben lahmgelegt worden. Revolutionen und Konterrevolutionen hätten die Straßen beherrscht und Schlagzeilen gemacht. Deren Erfolge und Niederlagen hätten sich ins Bewusstsein eingebrannt, nicht der Grippevirus, der mehr Menschen umbrachte als die 17 Millionen Toten des Ersten Weltkrieges.

Das ist die zweite Lektion des Coronavirus. Er hat uns den Mut genommen, den Glauben, wir könnten die Welt zum Besseren verändern. Wir sehnen uns zurück in die Welt der Kriege und Bürgerkriege, des Fanatismus und Terrorismus. Um reisen, um zusammen ausgehen, um einander umarmen zu können. „Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es habt“, sagten unsere Großeltern zu uns. Jetzt haben wir gelernt, was sie meinten. Jetzt sagen wir selbst: Wir wussten nicht, wie gut wir es hatten.

Zeit nach Corona sollte nicht die einzige Vision der Zukunft sein

Heute gibt es keine Utopie mehr. Die Debatten um sie sind eingestellt. Wir haben uns auf ein einziges Prinzip Hoffnung geeinigt und rufen unisono: Eine Welt ohne Corona. Punkt. Eine Welt also, die auf den Tod durch Erderwärmung oder atomare Vernichtung zutreibt. Eine Welt, in der immer weniger Menschen über immer mehr verfügen. Eine Welt, in der die mächtigsten Staaten von Männern regiert werden, die davon ausgehen, dass jede Frau zu tun hat, was sie sagen. Und auch jeder Mann. Eine Welt, in der bis 2030 eine Million Arten aussterben werden. Das war die Welt vor Corona, das ist sie mit Corona und das wird sie auch nach Corona sein.

Zu einer Gesellschaft gehört das Bild, das sie sich von ihrer Zukunft macht. Wenn sie aufhört, sich über sie auseinanderzusetzen, hat sie keine mehr. Ist man geneigt zu sagen. Aber das ist falsch. Zukunft gibt es immer und sie wird immer anders sein, als wir sie uns denken. Aber es wäre fatal, wenn das unsere einzige Hoffnung wäre.

Rubriklistenbild: © AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare