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Zum Tode von Dieter Henrich: Ein Deuter der Klassiker

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Von: Michael Hesse

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Der Wissenschaftler Dieter Henrich mit dem Maximiliansorden.
Der Wissenschaftler Dieter Henrich mit dem Maximiliansorden. © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Hegel- und Kant-Kenner Dieter Henrich ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Ins Denken ziehen“, so lautet der Titel seines letzten Buches. Als würde man in die Schlacht ziehen, einen Feldzug anführen. Für Philosophen ein merkwürdiger Titel. Andererseits: Seit Thomas Alexander Szlezaks Platon-Biografie weiß man, wie gerne selbst Sokrates in den Kriegen die Keule geschwungen hat.

Aber so ein Mensch war Dieter Henrich nicht. Schon vor drei Jahrzehnten wirkte er eher wie eine graue Eminenz in der philosophischen Landschaft, die in die tiefsten Geheimnisse der Denker eingeweiht schien. Ohne Pathos kamen seine zahlreichen Schriften und Werke nicht aus, umso ehrfürchtiger wurden sie von den Studentengenerationen studiert.

Am Samstagmorgen ist Dieter Henrich in München im Alter von 95 Jahren gestorben. Er hatte als Professor in Heidelberg, Berlin und München sowie in Harvard gelehrt und gewirkt. Bis zuletzt war er produktiv, schrieb eben jenes Buch „Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie“ (C.H. Beck), in dem er sich von Jüngeren interviewen ließ über seine Stationen im Leben, die ihn prägenden Denker, seine Sicht auf Hegel, Hölderlin oder Kant - und natürlich über seine eigene Größe. In keinem der genannten Punkte übte Henrich Zurückhaltung. Das macht das Buch für all die lehrreich, die einen Einblick in der Philosophen Geschäft gewinnen möchten. Es demonstriert eindrucksvoll, welche Strömungen es in der Philosophie des 20. Jahrhunderts gegeben hat. Und wie stark doch der Dialog etwa zwischen der kontinentaleuropäischen Philosophie und der angelsächsischen gewesen ist, was auch ein Verdienst von Henrich war, da er die ersten Brücken gebaut hatte. Man erkennt auch, wie wenig Ahnung Precht und einige andere von der Philosophie haben, wenn sie blind auf die analytische Philosophie einprügeln. Henrich suchte stattdessen das Gespräch und den Austausch, die gegenseitige Anregung und geistige Befruchtung.

Kaum ein Studierender der Philosophie kam an seinen Aufsätzen vorbei. Wer sich in die Schriften Immanuel Kants vertiefen wollte, stieß auf Aufsätze von Henrich über das Sittengesetz oder Kants Konzeption des Selbstbewusstseins - in der Philosophie ist damit das „Ich“ gemeint, das René Descartes als „Ich denke, also bin ich“ als obersten Grundsatz der Philosophie angesetzt hatte. Auch Kant erkannte darin das oberste Prinzip des Denkens, sogar aller Erkenntnis überhaupt: Er nannte es die „synthetische Einheit der transzendentalen Apperzeption“. Henrich blieb auf dieser Spur des Ich. „Fichtes ursprüngliche Einsicht“ war einer seiner großen Aufsätze, in denen er der Frage auf den Grund ging, wie das Ich sich selbst vorstellen kann, wie es sich selbst erfasst, ohne etwa in einen infiniten Regress der Art „Ich denke, dass ich mich denke, dass ich mich denke, etc.“ verfallen zu müssen.

Wer den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel für seine Dissertation näher verstehen wollte, ohne Spezialist auf diesem Gebiet zu werden, hielt sich meist an das kleine, im Suhrkamp-Verlag publizierte Büchlein „Hegel im Kontext“ aus der Feder Henrichs. Darin schildert er die Bedingungen, unter denen Hegels Denken sich entwickelte. Berühmt ist dabei seine Interpretation von Hegels Anfang der Logik. Dabei geht es um die alte Frage, womit überhaupt ein Anfang in der Philosophie gemacht werden kann, da ja alles auf einen weiteren Grund zurückführbar zu sein scheint oder in einen Zirkelschluss mündet. „Münchhausen-Trilemma“ nannte das einst der Philosoph Hans Albert. Hegel beginnt mit dem Sein und dem Nichts, die beide völlig bestimmungslos sein sollen und deshalb jeweils in dem anderen verschwinden. Wie Hegel aus dieser Bewegung das Werden, den Übergang des Seins in das Nichts und umgekehrt, hervorzaubert, erstaunte seine Interpreten. Henrichs Verdienst war es, auch hier die Probleme dieses Anfangs von Hegels Logik in die Helle des Lichts gehoben zu haben. Sein Werk „Grundlegung aus dem Ich“, das pünktlich zum 200. Todestag Kants erschien, war eine Zusammenfassung von Vorlesungsskripten, die von Henrich in Buchform gegossen wurden.

Einfluss erlangte Henrich in der akademischen Philosophie durch seine sogenannte Konstellationsforschung, ein Verfahren eigentlicher Feldforschung, wie er es selbst beschrieb, in dem die Bedingungen der Entstehung der Werke thematisiert wurden.

War Henrich ein großer Philosoph? Nun, ein Geländerphilosoph war er nicht, so hatte Hannah Arendt einmal Martin Heidegger bezeichnet, da dieser sich mit seinem Denken immer an der Tradition, für die das Geländer stand, festhalten musste. Es gibt von Henrich keine ausformulierte Philosophie. Er war eher ein Deuter der Klassiker. Darin besteht sein Verdienst. Gewiss hatte er im Vergleich zu anderen Philosophie-Lehrenden eine immense Außenwirkung. Dass er jedoch über den Hegel-Interpreten Klaus Düsing, Ludwig Siep oder Walter Jaeschke steht, wird man nicht ohne Weiteres behaupten wollen. Dennoch hat mit ihm ein äußerst produktiver Geist die Szenerie der Philosophie verlassen. Man wird ihn vermissen.

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