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Zum Tod von Vivienne Westwood: Ein Kind der Arbeiterklasse

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Von: Arno Widmann

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Punk und Tradition: Vivienne Westwood 2007.
Punk und Tradition: Vivienne Westwood 2007. © afp

Die britische Mode-Ikone Vivienne Westwood ist im Alter von 81 Jahren gestorben.

Sie wurde 81 Jahre alt, war über Jahrzehnte die britische Mode-Ikone – ein in der Branche besonders beliebter Ausdruck – und ist doch vor allem in Erinnerung geblieben als die Frau, die den Punk auf den Laufsteg brachte. Man macht sich heute keine Vorstellung mehr davon, was das damals, Ende der siebziger Jahre, bedeutete: Mit einem Schlag sahen Paris und Mailand sehr alt aus. London war wieder einmal vorne. Wie in Twiggys Zeiten.

Auch Vivienne Westwood sagte, ihre Mode sei dazu da, der Kundin die Möglichkeit zu geben, ihre Individualität zu zeigen. Es gibt keinen Menschen, der Mode macht und das nicht von sich sagt. Aber je erfolgreicher diese Mode ist, desto mehr folgt die Trägerin dieser Produkte einer Mode, also gerade nicht ihrer Persönlichkeit. Die wahre Parole der Modeindustrie stammt von Bertolt Brecht und Hanns Eisler: „Reih’ Dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil Du auch ein Arbeiter bist.“

Das ist, Sie ahnen es, eine polemische Übertreibung, ja eine völlige Verkennung der wirklichen Situation. Zu der gehören zwar die mal angesagten, dann wieder verachteten breiten Schultern oder die Wespentaille. Dergleichen bildet dann wirklich für eine oder für zwei Saisons eine Einheitsfront, dann aber zerfällt sie – ebenso geräuschvoll wie ihr politisches Pendant –, und die Konkurrenz beherrscht wieder die Szene. Man trägt Lagerfeld, Lacroix, Sander oder Westwood.

Vivienne Westwood knallte mit Farben und bizarren Formen in eine auf Eleganz getrimmte Modewelt. Es war nicht nur ihre Mode, die provozierte. Sie selbst tat es bereits. Die junge Vivienne Westwood trug eine wasserstoffblonde Igel-Frisur und ein T-Shirt, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen war und darüber stand „Destroy“. Das war damals nicht nur mir unheimlich.

Beschwor sie die Zerstörung als eine schöpferische Kraft und zitierte sie darum das Hakenkreuz, in dessen Zeichen einer der größten Vernichtungsfeldzüge des 20. Jahrhunderts stattgefunden hatte? Oder ging es ihr um die Zerstörung des Hakenkreuzes und all dessen, für das es stand? Wer sich an den Punk jener Zeit erinnert, der wird der ersten Deutung anhängen. Aber er weiß auch, dass es um die größtmögliche Provokation ging und nicht um ein politisches Statement im strikten Sinne.

Ich habe Vivienne Westwood niemals kennengelernt, auch nicht in den Jahren, als sie in Berlin an der Hochschule der Künste Vorlesungen hielt. 1992 erhielt sie von der Queen den „Order of the British Empire“. Sie trug keine Unterwäsche. Wir wissen das, weil sie im Anschluss an die Zeremonie ihr Kleid so temperamentvoll bewegte, dass die Fotografen festhalten konnten, was sie darunter nicht trug. Da hatte Vivienne Westwood die fünfzig bereits passiert. Im selben Jahr hatte sie auch Andreas Kronthaler, einen ihrer Studenten von der Universität für Angewandte Kunst in Wien, geheiratet.

Sie soll bis Anfang des neuen Jahrtausends in einer Sozialwohnung gelebt haben. Exzentrisch war sie und doch stets im Mittelpunkt. Das ist ja auch nur sprachlich ein Gegensatz. In der Wirklichkeit ist es ja eher so, dass der exzentrische Mensch der ist, der im Mittelpunkt stehen möchte. Meist glückt das nur zwei, drei Mal in einem Leben.

Vivienne Westwood aber verstand sich auf die Kunst, das Jahrzehnte lang zu tun. Sie kam stets vom Rand zur Mitte. Die Frau, die Vivienne Westwood trug und die heute „Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood“ trägt, zeigte und zeigt nicht ihre Individualität – die könnte niemals ein Modelabel finanzieren -, aber sie zeigt, dass sie anders ist, dass sie sich etwas Besonderes herausgefischt hat aus dem riesigen Angebot, das in meiner Jugend noch „Damenoberbekleidung“ hieß.

Aber wer glaubt, Vivienne Westwood wäre erst aus dem Punk zur Mode gekommen, der kennt ihre Herkunft nicht. Ihre Mutter arbeitete als Weberin in einer Baumwollspinnerei in Derbyshire. Ihr Vater kam aus einer Schuhmacherfamilie. Sie kannte das Handwerk von Grund auf, lange bevor sie wusste, dass sie ihm einmal einen goldenen Boden geben würde.

Sie ging auf eine Kunstschule, studierte Mode und verließ sie wieder. „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ein Arbeiterkind eine Rolle in der Kunstwelt spielen sollte.“ Sie wurde Volksschullehrerin. 1962 heiratete sie den Arbeiter Derek Westwood. An der Stelle sei kurz daran erinnert, dass Vivienne Westwood 1996 am Wiener Burgtheater die Kostüme für Paulus Mankers Inszenierung von Brechts „Die Dreigroschenoper“ entworfen hat.

1965 änderte sich ihr Leben radikal. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden und lernte Malcolm McLaren (1946–2010) kennen. Oder war es vielleicht umgekehrt? McLaren managte die Sex Pistols. Die beiden gaben der britischen Punkbewegung ihr Gesicht. Ein T-Shirt mit einem Foto der Queen mit einer Sicherheitsnadel in ihrer königlichen Lippe wurde zu einem Verkaufsschlager. Mir ist nicht bekannt, dass zu ihrer Beerdigung irgendjemand dieses T-Shirt trug. Die Zeiten haben sich geändert. Gewaltig. Der Punk war ein weiterer Versuch der Arbeiterklasse, das britische Establishment aufzumischen. Vivienne Westwood schaffte es. Sie kam durch.

Aber auch sie änderte sich. Sie ging hinter den Punk zurück, griff zu den Stoffen, mit denen sie aufgewachsen war, und verarbeitete sie in ihren Kollektionen. Selbst von den Karo-Mustern mochte sie sich nicht trennen. Daneben experimentierte sie mit allem, was ihr vor die Augen kam.

Ihre Kreativität hatte sie begonnen mit dem Ruf nach Zerstörung. Inzwischen war es ihr schon lange um die Erhaltung des Planeten, um die Wiederverwendung gebrauchter Materialien zu tun. Sie verzichtete in ihren Kollektionen auf die Verwendung von Pelzen. Sie setzte sich ein für die Schließung des Gefängnisses von Guantánamo Bay und für Julian Assange. Das waren nur einige wenige ihrer zahllosen Aktivitäten.

In einem Film über sie heißt es: „Alles, was sie inspiriert und worauf sie ihre Arbeit gründet, ist typisch britisch. Die Klassenfrage, der Sex und natürlich die Queen. Nirgendwo sonst wäre das möglich gewesen.“ Jedes Wort davon ist wahr. Aber „british“ kommt an. Weltweit. Nicht nur in der Musik. Sondern dank Vivienne Westwood auch in der Mode.

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