Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hans Küng (1928–2021), hier 2013 in seinem Tübinger Haus.
+
Hans Küng (1928–2021), hier 2013 in seinem Tübinger Haus.

Erinnerungen

Zum Tod von Hans Küng: Der Blitz in der Weihnachtswoche 1979

Erinnerungen an den großen katholischen Theologen Hans Küng. Von Peter Hünermann

Hans Küng ist am 6. April gestorben. Seit 1949 kannten wir uns. Ein großer Theologe, jetzt gerufen vor das Angesicht Gottes, dem er zeit seines Lebens dienen wollte. Im Glauben und Vertrauen auf Jesus Christus, zu dem er sich in allen Wendungen seines Lebensweges bekannt hat. Zu ihm wollte er – mit aller Leidenschaft des Herzens – den Menschen den Zugang eröffnen. Gegen alle Hürden und Verstellungen, die sich in der Kirche selbst erhoben. Gegen alle wechselseitige Abschottung und den Streit der Religionen. Gegen eine globale Situation der Menschheit, die ein gemeinsames freiheitliches Ethos als Basis ihres friedlichen Miteinanders benötigt. Ein Theologe, der als Anwalt einer solchen Spiritualität und Humanität vor den UN sprechen durfte. Requiescat in pace! Er möge ruhen in Frieden!

Meine Gedanken gehen zurück. Vom Beginn seiner römischen Studien im päpstlichen Collegium Germanicum wendet Küng sich mit großer Intensität den zentralen Fragen der Theologe im zeitgeschichtlichen Kontext zu. Die Vorlesung zur Gnadenlehre wird für ihn zum Anlass, die Rechtfertigungslehre Karl Barths mit der katholischen Rechtfertigungslehre zu vergleichen. Im inoffiziellen, privaten Studienzirkel werden die ersten Entwürfe zur späteren Dissertation in Paris über Barth diskutiert. Hier erweisen sich bereits Küngs theologischer Eros und die Scharfsichtigkeit für Problemlagen, die seine folgenden Werke immer ausgezeichnet haben.

Unmittelbar nach der überraschenden Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. publiziert Hans Küng im März 1960 „Konzil und Wiedervereinigung“, die Skizze eines kompletten Reformprogramms mit einem Vorwort des Wiener Kardinals Franz König. Noch im selben Jahr wird der noch nicht habilitierte Assistent von Hermann Volk, dem späteren Mainzer Kardinal, nach Tübingen berufen auf den fundamentaltheologischen Lehrstuhl von Heinrich Fries.

Es folgen während des Konzils die Veröffentlichungen zur Lehre von der Kirche und zu ihren Strukturen („Kirche im Konzil“) sowie zum Abschluss des Konzils „Die Kirche“ (1967); „Wahrhaftigkeit. Zur Zukunft der Kirche“ (1968) und 1970 – zum 100-jährigen Gedächtnis des Ersten Vatikanischen Konzils – „Unfehlbar? Eine Anfrage.“

Mit dieser Schrift eröffnet sich für Hans Küng ein Jahrzehnt intensivster theologischer öffentlicher Diskussionen mit einem Ende, das er selbst zu den bittersten Monaten seines Lebens gezählt hat. Am Anfang steht die Auseinandersetzung um die „Unfehlbarkeit“ des Papstes mit zahlreichen, auch sehr kritischen Sachbeiträgen von Theologen zum Ersten Vatikanum. Damit die Gesamtproblematik theologisch aufgearbeitet werden könne, stimmt die Glaubenskongregation in Rom – vermittelt durch Kardinal Julius Döpfner, Kardinal Volk und Küngs Ortsbischof, den Rottenburger Bischof Georg Moser – einer Vereinbarung zu, dass Küng sich fortan nicht mehr zur Frage der Unfehlbarkeit äußert und die Glaubenskongregation ihrerseits von Maßnahmen gegen Küng absieht.

Sein oder Nichtsein

Mit ungeheurer Energie arbeitet Küng weiter und veröffentlicht unter dem Titel „Christ Sein“ eine umfangreiche Christologie (1974), vorbereitet durch „Menschwerdung Gottes. Eine Einführung in Hegels theologisches Denken als Prolegomena zu einer künftigen Christologie“ (1970). 1978 folgt dann die umfangreiche Monographie „Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit.“ Mit Bezug auf beide Publikationen wird die von Küng vertretene Christologie kritisiert: Christus sei ein für allemal Gottes Stellvertreter. Die Formel, Jesus Christus sei die „Selbstmitteilung Gottes“, sei abzulehnen. Hier steht im Grunde die gesamte überlieferte Christologie zur Diskussion. Eine Theologenversammlung debattiert mehrere Tage mit Küng über diese Fragen und die entsprechenden neutestamentlichen Grundlagen. Dabei zeichnen sich zugleich die Grundlinien einer neuen, nachmetaphysischen Christologie ab. Allerdings gelingt es nicht, eine bündige neue Formel zu finden.

Karl Rahner hat zwischenzeitlich eine „operative Einigung“ mit Rom unter mehreren Bedingungen vorgeschlagen: „Einheit hinsichtlich der Grundsubstanz des Christentums, Einsicht in die Geschichtlichkeit jedes Dogmas, ein selbstkritisches Wahrnehmen der lehramtlichen Erklärungen der Kirche in ihren Konzilien und Päpsten von seiten Küngs gegen sich selbst. Das Zugeständnis, dass das bischöfliche Lehramt, wo es um Sein oder Nichtsein der Kirche, des Evangeliums geht, ein verpflichtendes Wort sagen kann.“ Schließlich, dass Küng sich nicht wieder selbst schnell die Kompetenz zuerkenne, wann Bischöfe und Papst ihre Kompetenz überschritten.

In der Weihnachtswoche 1979 aber schlägt dann die römische Erklärung wie ein Blitz ein, Küng habe sich doch erneut zur Frage der Unfehlbarkeit geäußert. Ihm werde die Lehrerlaubnis entzogen. Ein letzter Vermittlungsversuch Mosers scheitert.

Viele sind mit Küng dankbar, dass er – aufgrund des Entgegenkommens von Universität und Ministerium direkt dem Senat unterstellt – weiter Vorlesungen im Studium generale halten, als Direktor des von ihm gegründeten Ökumenischen Instituts lehren sowie im kirchlichen Bereich als Priester wirken kann.

Nach den bitteren Monaten bis zur Fixierung dieser Regelungen wendet sich Hans Küng in herausragender Weise dem Thema „Christentum und Weltreligionen“ (1984) zu und vertieft diese Studien insbesondere im Blick auf die abrahamitischen Religionen, das Judentum, das Christentum und den Islam. Leitend ist hier überall die Mühe um den Dialog der Religionen.

Eine zweite Linie seiner Forschungen bilden seine Beschäftigung mit den modernen Naturwissenschaften und die Einführungen der Kuhnschen Paradigmenlehre aus der Wissenschaftstheorie in die Geisteswissenschaften und die Theologie. Darum geht es ihm auch 2005 im Gespräch mit dem neu gewählten Papst Benedikt XVI., seinem früheren Tübinger Kollegen Joseph Ratzinger.

Eine dritte Linie bilden Küngs Forschungen und Bemühungen um das „Weltethos“ – als dringend zu bearbeitendes Ackerfeld und als Stiftung. Ich wünschte, dass gerade auch diese Arbeiten aus der zweiten Schaffensperiode von der heutigen Theologie aufgegriffen und vertieft würden.

Ein großer Theologe ist von uns gegangen: Groß – und begrenzt mit allen seinen Ecken und Kanten. Gott schreibt gerade, auch auf krummen Linien (Paul Claudel).

Peter Hünermann, Jahrgang 1929, war bis zu seiner Emeritierung 1997 Professor für katholische Dogmatik an
der Universität Tübingen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare