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Zum Tod des Soziologen und Philosophen Bruno Latour: Vordenker der ökologischen Krise

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Von: Michael Hesse

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Bruno Latour ist im Alter von 75 Jahren gestorben.
Bruno Latour ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Foto: Joel Saget/Afp © afp

Der französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour versuchte, Natur und Kultur zusammenzudenken.

Bruno Latour konnte ein Spaßvogel sein. „Ach, jetzt habe ich keine Ihrer Fragen beantworten können“, lachte er bei einem Interview mit dem Autor dieser Zeilen in Köln, als er als Gast der dortigen Universität als Albertus-Magnus-Professor eingeladen war. Und wie dieser Albertus Magnus war auch Latour ein Großer seines Fachs. Die Liste seiner Publikationen ist lang, ebenso die seiner Ehrungen. So feierte man ihn als großen Erneuerer der Sozialwissenschaften. Die Bücher des französischen Soziologen und Philosophen wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt.

Zu seinen wichtigsten Werken zählte „Wir sind nie modern gewesen“, eine Kritik Latours an der Trennung von „natürlichen“ und „gesellschaftlichen“ Instanzen. Seine Schrift „Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften“ gilt als stilbildende Studie.

Mit seinen Texten und Vorträgen erreichte der französische Soziologe nicht nur ein Fachpublikum, sondern er erreichte mit ihnen die Weltöffentlichkeit. Latour lehrte an der Elitehochschule Science Po in Paris und zog mit seinem originellen Denken nicht nur Studenten und Studentinnen, Schüler und Schülerinnen, sondern eben auch die interessierten und mehr noch die besorgten Zeitgenossen und Zeitgenossinnen in seinen Bann.

Der 1947 im zentralfranzösischen Beaune geborene Latour stellte in seinem wissenschaftlichen Tun die Frage, wie Gewissheiten möglich sind. In den 1990er Jahren sollte dies in den so bezeichneten „Krieg der Wissenschaften führen“. Denn dass Soziologen wie eben dieser Latour nun die Mechanismen ihrer Wahrheitsfindung erkundeten, empfanden Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler als einen frontalen Angriff. Denn schließlich waren sie es ja, so argumentierten sie, die den Anspruch objektiver Erkenntnis über die Jahrhunderte hinweg eingelöst hätten. Und insofern waren sie das Vorbild für alle anderen Wissenschaften. Latour hingegen wollte lediglich die Fähigkeit wissenschaftlicher Netzwerke erkunden, Objektivität hervorzubringen. An einen Angriff hatte er nicht gedacht.

Sich selbst bezeichnete er als einen „empirischen Philosophen“, was auch dem klassischen Ideal jener Denker und Denkerinnen widersprach, die gerade eine empiriefreie Erkenntnis anstrebten. Doch seine Feldstudien in Laboratorien oder Gerichten setzten einen anderen Schwerpunkt als die Arbeit der klassischen Lehnstuhl-Philosophen und -Philosophinnen.

Zuletzt hatte er mit seinem Büchlein: „Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown?“, erschienen im Suhrkamp-Verlag, auf sich aufmerksam gemacht. In dieser Essaysammlung hatte er persönliches Erleben und abstrahierendes Nachdenken miteinander verwoben, den Leser, die Leserin aufgefordert, das Buch eher wie einen Roman zu lesen, um so die Autorität des Wissenschaftlers auszuschalten und eine gemeinsame Ebene für das Erlebte in der Pandemie zu finden.

In der Betrachtung der Welt während der Corona-Krise erschüttert ihn die Dumpfheit, die das Leben förmlich zum Stillstand gebracht habe. Freudlosigkeit und fehlender Humor besorgen ihn. Er schreibt: „Uns wird nach und nach klar, dass das Wort ERDE nicht, wie es die alte Lokalisierung will, einen Planeten unter anderen bezeichnet, sondern dass es sich um einen Eigennamen handelt, der alle Existierenden umfasst – aber nie zu einem Ganzen zusammenfasst.“

Latour war der Vordenker einer neuen Ökologie. Das machte ihn berühmt.

Wirklichkeit ist für ihn nicht nur eine soziale Konstruktion. Vielmehr schreiben sich Natur und Gesellschaft gegenseitig Eigenschaften zu. Und an jeder Handlung sind sichtbare und unsichtbare Akteure beteiligt, lautet seine Lehre. Zu ihnen zählen neben den Menschen auch Tiere und Dinge. Dieser fortlaufende Prozess ging als Akteurs-Netzwerk-Theorie in die Lehrbücher ein. Formuliert wurde die Theorie in seiner Essaysammlung „Kampf um Gaia“. Gaia steht hierbei für einen Begriff von Welt, der besonders Naturwissenschaftler:innen skeptische Falten auf die Stirn getrieben hat. Ausgehend von Überlegungen des britischen Entdeckers James Lovelock, der den Planeten Erde als einen eigenständigen Organismus auffasste, der eigenständig auf Herausforderungen reagiert, entwickelte auch Latour seine Theorie.

Für ihn stellt das Ausmaß der ökologischen Krise eine Dimension dar, in der nicht nur unser gesamtes Handeln, sondern auch unser gesamtes Denken infrage gestellt wird. Denn wir dürfen uns nichts vormachen, mahnte er, selbst wenn wir partiell Verbesserungen herbeiführen, in dem Flüsse wieder sauberer sind, Wälder sich in einigen Teilen der Welt erholt haben mögen, so ist doch etwas Fundamentales geschehen, das den Paradigmen-Wechsel der ökologischen Krise nicht ungeschehen mache. Denn während üblicherweise Krisen bewältigt würden und irgendwann endeten, sei es mit der Klimakrise anders bestellt, sagt Latour. Die Natur, erklärt er, die man als verlässlich, unveränderlich als natürlich und ewig betrachtete, wofür die Denker seit Aristoteles den Namen der Substanz verwendeten, diese Welt gebe es nicht mehr, und es führe kein Weg zu ihr zurück. Der Planet Erde sei stattdessen unter den Vorbehalt menschlicher Einflüsse gestellt. Das aber sei nur die halbe Botschaft, die andere Hälfte bedeute, dass mit dem Ende der Natur auch das Ende der Kultur gekommen sei.

Damit ist auch das Definitionsfeld des Menschen im Kern angegriffen. Denn der Homo sapiens hat sich seit Anbeginn seiner Reflexionen immer als ein Wesen begriffen, das sich sowohl in der Natur als auch der Kultur verortete. Damit ist das Bild des Menschen, dem Animal rationale, von sich fraglich geworden.

Latours Lehre gipfelt darin, dass die ökologische Krise folglich nicht nur eine Krise der Natur, sondern ebenso sehr auch eine Krise der Kultur ist. Die Vorstellung einer heilen Natur sei nicht mehr zu halten. „Versuchen Sie nicht, lediglich die Natur zu definieren“, schrieb er in „Kampf um Gaia“, „denn dann müssen Sie auch das Wort Kultur definieren; versuchen Sie nicht, lediglich die Kultur zu definieren, denn dann werden Sie sogleich auch das Wort Natur definieren müssen.“ Aus diesem Zirkel gibt es für den Menschen in Zeiten der ökologischen Krise kein Entkommen. Um das Ausmaß der Krise zu verstehen, in dem sich die Menschheit befindet, müssen wir daher verstehen lernen, dass es keine Natur an sich gibt, die losgelöst vom Menschen existiert.

„Seine Überlegungen und seine Schriften werden uns auch weiterhin zu neuen Verhältnissen zur Welt inspirieren“, sagte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron am Sonntag. Latour ist am Wochenende im Alter von 75 Jahren gestorben. mit dpa

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