1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Zum Tod der Sängerin und Schauspielerin Eva-Maria Hagen: Nicht Liebe ohne Liebe

Erstellt:

Von: Harry Nutt

Kommentare

1957 in Ost-Berlin: Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina.
1957 in Ost-Berlin: Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina. © dpa

Zum Tod von Eva-Maria Hagen, die mit 87 Jahren deutlich zu früh gestorben ist.

In einer dieser Nachwende-Talkshows, in der die Stars aus dem Osten, wie man so sagte, bevorzugt eingeladen wurden, um über die Drangsalierung durch die Stasi zu berichten, kam Eva-Maria Hagen ihrem Kollegen Erich Loest einmal ganz nahe. Nicht nur in einem metaphorischen Sinn, sie fühlte sich sichtlich unwohl in der Abfragesituation und rückte auch körperlich eng an den Schriftsteller aus Sachsen heran. Die Szene verriet viel über die fragile Seite der doch mutigen Sängerin und Schauspielerin Eva-Maria Hagen, mit der die meisten, zumindest im Westen, wohl assoziierten, dass sie die Mutter von Nina Hagen sei.

Na klar, das war sie, und ihre souverän-herzliche Zuversicht hat wohl auch einen pädagogischen Anteil am unbändigen Freiheitsdrang der Punksängerin, die es bald nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann aus der DDR im Jahre 1976 in den musikalischen Underground Londons zog. Ninas Musikalität war spürbar ein mütterliches Erbe. Fotos, die Eva-Maria Hagen mit wehend blonder Haarpracht und Klampfe um den Hals zeigen, lassen eine Bühnenpräsenz erahnen, die in starkem Widerspruch steht zu der eingangs beschriebenen Szene mit Erich Loest.

Eva-Maria Hagens Schüchternheit, oder besser: ihr Schutzbedürfnis, fußte nicht zuletzt auf der erlittenen Lebenserfahrung der Flucht. 1934 im heute zu Polen gehörenden Költschen im Kreis Osternberg geboren, wurde ihre Familie während des Zweiten Weltkriegs vertrieben und fand Unterschlupf in der Prignitz. „Westwärts ging es in den Osten bis nach Neuruppin“, schrieb Wolf Biermann in einem biographischen Lied über seine zwischenzeitliche Lebensgefährtin. „Menschen nahmen alles, gaben alles hin“. Durch Biermanns exzessive Lust an der Sprache war bereits das meiste im Titel des Liedes enthalten: „Ich leb mein Leben (sagt Eva-Marie). Ballade vom wiederholten Abtreiben.“

Nach einer Lehre zur Maschinenschlosserin im Bahnbetriebswerk Wittenberge begann Eva-Maria Hagen 1952 ein Schauspielstudium und erhielt wenig später eine Rolle an Brechts Berliner Ensemble in dem Stück „Katzgraben“ von Erwin Strittmatter. Auf eine Frau mit Ausstrahlung schien das von Männern dominierte Theater der Zeit gewartet zu haben. Obwohl Eva-Maria Hagen von Natur aus dunkelhaarig war, wurde sie häufig mit Rollen betraut, in denen sie üppige Blondinen geben sollte, was ihr schnell den Beinamen „Brigitte Bardot des Ostens“ einbrachte. Im Grunde wollte man schon in der künstlerischen Aufbruchsphase der DDR am liebsten weg.

Eva-Maria Hagen übernahm Dutzende Rollen in Defa-Produktionen, Komödien, Dramen, leichte Muse. Sie war ein Erfolgskind der Branche und erlag bald dem Charme des Schriftstellers Hans Oliva-Hagen, der als Autor von Drehbüchern für frühe Erfolge des DDR-Fernsehens bekannt geworden war, darunter „Karbid und Sauerampfer“ (1963) und die Serie „Gewissen in Aufruhr“ (1961).

Hans Hagen war der Vater der 1955 geborenen Tochter Nina, obwohl sich hartnäckig das Gerücht hielt, dass Wolf Biermann Ninas Vater sei. Tatsächlich aber veränderte die Liaison mit Wolf Biermann das sorglose Leben in der DDR-Boheme beträchtlich. Nachdem Biermann wegen zunehmender dichterischer Renitenz Auftrittsverbot in der DDR erhielt, wurde es auch für Eva-Maria Hagen schwieriger, Rollen zu bekommen. Sie trat fortan häufiger mit musikalischen Programmen auf, in denen sie russische Lieder sang, etwa von Bulat Okudschawa. Das reizte zur Fortsetzung der Haltung der Dissidenz. In den deutschen Versionen nämlich erklangen die Lieder in bestem Biermann-Jargon, so viel Camouflage musste sein.

Auf Schallplatte erschienen die Lieder der Eva-Maria Hagen aus dieser Zeit erst, als sie im Zuge von dessen Ausbürgerung ebenfalls in den Westen abgeschoben wurde. Beim Biermann-Label CBS erschien „Nicht Liebe ohne Liebe“, zeitlos schöne Stücke, in denen Eva-Maria Hagen als Sängerin die ganze Bandbreite zwischen Zartheit und Derbheit zu Gitarrenklängen von Wolf Biermann darbieten konnte.

In den 80er Jahren wurde Eva-Maria Hagens wohl wichtigste Rolle die der Oma. Für ihre Enkelin, die Schauspielerin Cosma Shiva Hagen, wurde sie eine wichtige Bezugsperson, gelegentlich standen die Hagen-Frauen auch mal zu dritt auf der Bühne und vor der Kamera. Obwohl es Eva-Maria keineswegs an Rollenangeboten mangelte, schien in den Kulturmilieus des Westens kein Gespür für das würdevolle Altern einer Diva vorhanden, durch deren Leben die Zeitgeschichte getobt war.

Die Hagen, die vorübergehend mit dem Regisseur Matti Geschonnek und dem Pianisten Siegfried Gerlich zusammenlebte, spielte in Serien wie „Großstadtrevier“ und trat in den Stubbe-Krimis Wolfgang Stumphs auf. In dem dreiteilen Doku-Drama „Die Kinder auf der Flucht“ von Hans-Christoph Blumenberg konnte sie 2006 noch einmal ihre schauspielerische Klasse aufblitzen lassen.

Die Rolle ihres Lebens hatte sie ohnehin nie gespielt. Eher war es wohl so, dass eine wie sie dem nicht auswich, was sich als Geschichte ergab. Für eine so lebendige Persönlichkeit wie Eva-Maria Hagen kam der Tod mit 87 deutlich zu früh.

Auch interessant

Kommentare