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Ohne Fantasie keine Wissenschaft: Der Astronom Johannes Kepler, um 1611 von Hans von Aachen gemalt.
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Ohne Fantasie keine Wissenschaft: Der Astronom Johannes Kepler, um 1611 von Hans von Aachen gemalt.

Johannes Kepler

Zum 450. Geburtstag von Johannes Kepler: Die Schönheit des Ganzen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Alles eine Frage der Berechnung: Vor 450 Jahren wurde Johannes Kepler geboren.

Keplers Geburtsort ist Weil der Stadt, das heute im Kreis Böblingen in Baden-Württemberg liegt. Vom 1. Januar 2022 an wird er Keplerstadt Weil der Stadt heißen. Der Protestant Johannes Kepler, am 27. Dezember 1571 geboren, 1630 gestorben, hatte zunächst Theologe werden wollen. Aber dann sah er sich selbst, wie er einmal sagte, als einen „Priester Gottes, der das Buch der Natur studiert“.

Man versteht die moderne Physik nicht, wenn man sie nicht auch als eine christliche Wissenschaft begreift. Der Versuch, zum Beispiel die unterschiedlichen Bewegungen der Himmelskörper nicht nur zu beobachten und aufzuzeichnen, sondern aus einheitlichen, mathematisch formulierbaren Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, lässt deutlich die Idee von dem einen großen Gott durchscheinen, der alles geschaffen hat, der alles erhält, „so wie es sich selber gefällt“. Das Buch der Natur ist in einfacher Sprache geschrieben. Die Komplikationen, die wir zu erkennen glauben, sind das Werk unserer Unvernunft.

Nikolaus Kopernikus (1473–1543) soll der Legende zufolge auf seinem Sterbebett sein gerade erst endlich gedrucktes Buch in Händen gehalten haben, „De revolutionibus orbium coelestium“ (Über die Umwälzungen der Himmelskreise). Darin hatte er festgehalten: „In der wahren Mitte von allem residiert die Sonne“. So hatte er allen Planeten ihren Ort anweisen können. Es war nicht mehr nötig, für jede Planetenbewegung eine eigene Sphäre zu bemühen.

Der Prozess der theoretischen Neugierde folgt auch dem Wunsch nach Vereinfachung. Keplers erstes Gesetz erleichterte die Berechnung der Planetenbahnen erheblich durch die Feststellung, sie bewegten sich alle nicht in Kreisen, wie man Jahrtausende lang angenommen hatten, sondern in Ellipsen. Mit einem Male stimmten die Daten und die Theorien überein.

Das Buch der Natur, das versteht sich von selbst, muss gelesen werden. Man muss die Schrift entziffern können. Dazu langt nicht der Augenschein. Die Erde zum Beispiel ist nichts Festes, sie jagt, sich um sich selbst drehend, mit mehr als 100 000 Stundenkilometern um die Sonne. Dennoch gehören zur Wissenschaft die genaue Beobachtung und deren Protokollierung. Wissenschaft hat, seit es sie gibt, mit der Herstellung die Unendlichkeit der Welt abbildender Tabellen zu tun.

Die Theorie ist der Versuch, diese schier nicht zu bewältigende Fülle an Daten zu ordnen, ihr eine Struktur zu geben. Der kurzsichtige Kepler wertete die Beobachtungen seines Vorgängers Tycho Brahe (1546-1601) aus. Anders als sein Briefpartner Galileo Galilei (1564–1642) war Kepler auch kein Bastler, der seine eigenen Fernrohre baute. Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben. Das macht es allgemein verständlich. Das gibt ihm seine Schönheit. Der Gott Keplers ist ein schöner Gott. Nicht weil er aussieht wie der Thorvaldsensche Jesus. Der hatte in Gleichnissen zu uns gesprochen. Keplers Gott kommuniziert mit allem, was er schuf in Gleichungen. So wie alles, was er schuf, sich in Gleichungen unterhält. In des Wortes doppelter Bedeutung.

Keplers Revolution bestand nicht darin, in der Ellipse die Bahn der Planeten erkannt zu haben. Viel wichtiger war, dass er voller Stolz von der „Physica coelestis“, von der Himmelsphysik sprach. Er verkaufte seine Einsichten nicht mehr als geschickte Rechenmethoden, die mit der Realität der Welt nichts zu tun haben sollten. Er, das erklärte er, sagte die Wahrheit über die Welt. Also log das Bibelwort, das berühmte „Sonne, stehe still zu Gibeon“, das jedem vorgehalten wurde, der erklärte, es sei die Erde, die sich bewege, nicht die Sonne. So gesehen, wäre es klüger, von einer Keplerschen als von einer Kopernikanischen Wende zu sprechen. Das Selbstbewusstsein der Moderne spricht deutlicher aus Kepler als aus dem Frauenburger Domherrn.

Keplers 1609 bei Gotthard Vögelin in Frankfurt am Main veröffentlichtes Buch „Astronomia Nova“ stellte nicht nur die beiden ersten Keplerschen Planetengesetze vor: „Die Planetenbahn ist eine Ellipse mit der Sonne in einem Brennpunkt, und die Geschwindigkeit des Planeten variiert entlang seiner Bahn so, dass eine von der Sonne zu einem Planeten gezogene Strecke in gleichen Zeiträumen gleiche Flächen überstreicht.“ Kepler schildert auch, welche Irrtümer ihn daran gehindert hatten, früher nicht nur auf die Ellipsenbahn, sondern auch auf die Veränderungen der Geschwindigkeiten zu kommen. Er nennt sich „lächerlich“ und „blind“. Er tut das nicht, um sich zu geißeln, sondern aus spöttischer Wahrheitsliebe, die auch die eigene Person nicht ausnimmt aus der Lust an der Erkenntnis der Welt. Er schreibt über sich selbst: „In mir ist Heftigkeit, Unduldsamkeit gegen lästige Menschen, unverschämte Lust am Spotten wie auch am Spaßmachen, schließlich dreiste Kritiksucht, da ich niemanden unangefochten lasse.“

Einer seiner schönsten Späße ist sein Buch „Der Traum“. Darin führt die Mutter des Erzählers, eine Hexe, ihn zum Mond. Dort begegnet er allerhand Lebewesen. Das eigentliche Wunder aber ist Keplers Beschreibung der Erde, wie sie vom Mond aus zu sehen ist. Er liefert keine Fotos des Erdaufganges, wie die Apollo-Raumfahrer es Jahrhunderte später taten, aber er bringt doch auf einigen Seiten eine exakte Beschreibung des Geschehens – allein aufgrund seiner Berechnungen.

Wissenschaft ist immer auch Fantasie. Das kann man bei Kepler lernen. Was er in seinem „Traum“ vorausgesehen hat, begreifen wir heute viel besser, als er das je konnte. Als er seine Mutter hier als Hexe porträtierte, konnte er sich noch nicht vorstellen, dass er ein paar Jahre später intervenieren musste, um sie aus einem Hexenprozess zu retten.

Keplers Leben ist voller Geschichten. Aber er wurde nicht wie Giordano Bruno verbrannt oder wie Galilei vor ein Inquisitionsgericht gestellt. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Hofmathematicus. Zu dessen Aufgaben gehörte die Erstellung von Horoskopen. In Prag konsultierten ihn die verfeindeten Brüder Rudolf II. und Matthias von Habsburg. Der Fürst Wallenstein war sehr beeindruckt von den astrologischen Künsten Keplers. Der warnte ihn auch, ohne Näheres zu sagen, vor dem Jahr 1634, seinem Todesjahr.

Weihnachten liegt gerade hinter uns. Kepler verlegte die Geburt Christi um sieben Jahre zurück. Der Stern von Bethlehem brachte ihn auf diese Idee. Eine derartige Himmelserscheinung, so erklärte er in „De vero anno“, habe sich gerade nicht im Jahre 0, sondern sieben Jahre zuvor ereignet.

Aber schließen wir diese sehr kursorische Erinnerung an einen der interessantesten Europäer mit einem Hinweis auf eine winzige Abhandlung, auf die er gekommen sein will, als er an einem der letzten Dezembertage im Schneesturm die Moldau überquerte. „Über die sechseckige Schneeflocke“ heißt das Bändchen, erschienen 1611 beim Buchhändler Gottfried Tampach in Frankfurt.

Kepler spielt mit dem Wort „nix“. Im Deutschen steht es für Nichts. Im Lateinischen für Schnee. Dass eine Flocke, ein Nichts, sechs Ecken hat, belegt ihm eine formende Kraft im Universum, die freilich ihm noch unbekannten allgemeinen Gesetzen folgt. Dass Gott jeder Flocke ihre Form gibt, ist ein Gedanke, den Kepler verabscheuen würde. Eine Natur, die aus lauter Einzelteilen besteht, ist undenkbar für ihn, den Liebhaber des Ganzen. Vom Nix der flüchtigen Schneeflocke bis zum durchgetakteten Kosmos.

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