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Auf dem Totenbett, 1843 entstandenes Gemälde von Jean-Baptiste Mauzaisse.
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Auf dem Totenbett, 1843 entstandenes Gemälde von Jean-Baptiste Mauzaisse.

Frankreich

Zum 200. Todestag von Napoleon: Die Kinder der Revolution

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der strahlende Held starb nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Bett.

Am 5. Mai 1821 starb Napoleon Bonaparte in Longwood House auf St. Helena. Die 122 Quadratkilometer große Insel liegt im Südatlantik, 1900 Kilometer vor der afrikanischen Küste. Sie befand sich damals im Besitz der East India Company. Von der Bevölkerung kamen 3395 Menschen aus Europa, 489 aus China, 116 waren indischer und malayischer Herkunft, 218 waren schwarze Sklaven und Sklavinnen. 1815 waren noch 2500 Personen dazugekommen: Wächter für Napoleon und deren Familien.

Nennen wir ihn Napoleon oder nennen wir ihn Bonaparte? Daran schieden sich die Geister. Wer Napoleon sagte, meinte den Kaiser, den, den die Grenadiere Heinrich Heines besangen. Der Prinz Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754-1838), der unverwüstliche Diplomat, der schon während der Französischen Revolution höchste Ämter bekleidet, dann Napoleon gedient und auf dem Wiener Kongress die wieder errichtete französische Monarchie vertreten hatte, sprach in seinen mehr als 1500 Seiten langen Memoiren immer nur von Bonaparte. Napoleone Buonaparte war am 15. August 1769 in Ajaccio auf Korsika geboren worden. Buonaparte heißt so viel wie ein Gutteil und Napoleone „Löwe aus Neapel“. Auf Italienisch. Er soll sein Lebtag seinen Akzent nicht abgelegt haben. Die jüngste korsische Geschichte, in die Napoleon hineingeboren wurde, hatte schon dem Kind gezeigt, wie schnell das Schicksal die Seiten wechseln kann. Seit dem 14. Jahrhundert hatte Korsika zur Republik Genua gehört.

Napoleons Ende war traurig

Die Korsen, deren Drang nach Unabhängigkeit nicht nur fester Bestandteil der Selbststilisierung war, sondern auch von vielen Aufklärern von Genf bis Boston thematisiert wurde, übten sich in Aufständen gegen die Genuesen. 1736 machten sie für nicht einmal ein Jahr den deutschen Abenteurer Theodor von Neuhoff (1694-1756) zum König von Korsika. 1755 – also noch vor den USA – gab sich das unabhängige Korsika eine Verfassung. Napoleons Vater Carlo (1746-1785) hatte als rechte Hand des korsischen Freiheitskämpfers Pasquale Paoli (1725-1807) daran mitgearbeitet. Genua wurde Korsika zu anstrengend. Es verkaufte 1769 die störrische Insel an Frankreich. Das schickte Truppen und kartätschte den Traum von der korsischen Republik nieder. Paoli ging nach England ins Exil. Für den jungen Napoleon blieb er immer ein Held. Auch noch als 1790 die Republik die Insel endgültig Frankreich einverleibte.

1778 hatte Napoleon ein Stipendium erhalten, um in Frankreich zur Schule zu gehen. Er war kaum 16 Jahre alt, da erhielt er das Offizierspatent. Ein äußerst erfolgreicher Immigrant. Aber das war erst der Anfang.

Das Ende war traurig. Der strahlende Held starb nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im Bett. Er hatte keinen Thron mehr, aber er war nicht erhängt oder guillotiniert worden. Er saß auf einem Felsen im Atlantik mit viel Personal – es gab einen Diener, der war nur dazu da, das Silber zu putzen – und diktierte Sekretären, was ihm durch den Kopf ging. Vorbei die Zeit, da er selbst Geschichten geschrieben hatte wie die autobiographische Liebesnovelle „Clisson und Eugénie“.

Napoleons PR-Maschine war schon zu seinen Lebzeiten die beste damals mögliche. Er wusste sehr genau, worauf es ankam. Als die Freiheitsliebe der Franzosen im Terreur sich selbst erstickte und der Hunger nach Autorität, die Lust auf Unterwerfung ihr Platz machte, da stand Napoleon bereit und wurde etwas, was Frankreich seit Karl dem Großen nicht mehr gehabt hatte: Er wurde Kaiser. In einer Zeremonie, die an die vor eintausend Jahren anknüpfte. Eine gewaltige reaktionäre Volte, die freilich den Geschmack der Zeit sehr geschickt traf. Vorbei die Jahre, in denen der Revolutionskünstler Jacques-Louis David (1748-1825) die republikanischen Tugenden auf große Leinwände gebracht hatte – jetzt feierte er in noch riesigeren Bildern die Selbstkrönung des kleinen Korsen zum Kaiser des größten Reiches, das Europa je hatte.

Napoleon war ein äußerst erfogreicher Immigrant

Richtig in Schwung kam die Propagandamaschine Napoleons erst nach seinem Tode. Die besten Autoren schwärmten von ihm, Balzac, Byron, Stendhal sind nur ein paar von ihnen. Napoleon, das korsische Kind der Revolution wurde zu einem Mythos. Einer, in dem sich Nationalismus und Romantik verbanden. Eine in ganz Europa damals sehr beliebte Legierung. Napoleon hatte auch einen anderen Vorboten der Romantik begeistert, ja tränenüberströmt gelesen: den Ossian, jene so überaus erfolgreiche Dichtung, die James Macpherson 1760 veröffentlicht hatte. Angeblich eine Übersetzung aus dem Altgälischen. Wenn es jemals einen „Romantiker auf dem Thron“ gegeben hat, so war das Napoleon. Ein Romantiker freilich, der seine Träume – zum Schaden der Menschheit – auch verwirklichte.

Der französische Schriftsteller und Historiker Hippolyte Taine (1828-1893) betrachtete in seinem kleinen Buch über Napoleon den Italiener als Fremdkörper. Nicht nur des Landes, sondern auch der Epoche. Er sei ein Renaissancemensch, eingefallen in die Moderne. Das Ungleichzeitige, begreift man an Napoleon, gehört immer dazu. Die Gegenwart ist nicht nur, was der Fall ist. Sie ist immer auch, was der Fall war und was der Fall sein wird. Jeder Moment ist nur eine flüchtige Konstellation von Kräften, die sich morgen wieder ändern kann. Das ist die Erfahrung, die Europa in der kurzen Spanne zwischen 1789 und 1815 machte.

Eine Erfahrung, die Korsika vorgeführt hatte. Die abrupten Wechsel von Republik, Königtum und Eroberung. Der Freiheitskämpfer Paoli mag Napoleon stets vorgeschwebt haben. Aber in ihm rumorte sicher auch der deutsche Theodor von Neuhoff, der in der Fremde zum König wurde.

All das wird bei Napoleon wie mit einem Storchenschnabel vergrößert auf die Landkarte geworfen. Am Ende scheitert seine Vorstellung von einem vereinten Europa an der Weite Russlands, an der Seemacht England und an der spanischen Guerilla.

Detail aus Antoine-Jean Gros’ Gemälde „Bonaparte bei den Pestkranken von Jaffa“, das 1804 entstand und einen Vorfall von 1799 zeigt.

1862 veröffentlichten die Brüder Goncourt „Die Frau im 18. Jahrhundert“. Darin heißt es: „Im 18. Jahrhundert ist die Frau das regierende Prinzip, die anordnende Vernunft, die kommandierende Stimme. Sie ist universelle, alles entscheidende Ursache, der Ursprung aller Ereignisse, die Quelle aller Dinge.“ So betrachtet muss man die Französische Revolution auch sehen als den Aufstand richtiger Männer gegen den von den Pompadours und Marie Antoinettes effeminierten Königshof. Die Republik ist Männersache. Olympe de Gouges, die dagegen zu Felde zog und energisch das Wahlrecht für Frauen einforderte, wurde am 3. November 1793 mit der Guillotine hingerichtet. Auf der Place de la Révolution war am 21. Januar desselben Jahre die neue Tötungsmaschine errichtet worden, mit der noch am selben Tag Ludwig XVI. enthauptet wurde. In den folgenden zweieinhalb Jahren wurden allein hier 1345 Personen zu Tode gebracht. Die Revolution war ein ihre eigenen Kinder mordender Moloch geworden. Die Julirevolution von 1830 nannte den Platz mit dem ihr offenbar zur Verfügung stehenden Zynismus „Place de la Concorde“.

Das Kaiserreich Napoleons war winzig

Die Revolution war, legen die Goncourts nahe, ein männlicher Backlash. An ihrem Ende steht mit dem kleinen Napoleon der große Mann par excellence. Ein Eroberer, der ganze Staaten von der Landkarte streicht, der Europa unter seiner Familie und seinen Generälen aufteilt, wie der junge Napoleon in der Schule gelernt hatte, dass die großen Männer der Weltgeschichte seit Alexander dem Großen es immer wieder getan hatten.

Für den Kulturhistoriker Hippolyte Taine ist Napoleon der Beleg dafür, dass zwar Umweltbedingungen und soziale Konstellationen den Gang der Weltgeschichte bedingen, dass aber immer wieder einzelne Menschen – „Männer“ für ihn – dazwischenfunken und ihr ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken können. Natürlich wäre Napoleon ohne die Revolution nicht möglich gewesen, aber ohne ihn wäre die Welt eine andere geworden.

Viele Seiten nehmen die Testamente Napoleons ein. Seinem Kammerdiener vermachte er 400 000 Francs (heute etwa 800 000 Euro). Kaum einer seiner Bediensteten bekam weniger als 100 000 Francs. Seinem Sohn vermacht er neben vielem anderen auch seinen Wecker. „Es ist der“, diktiert Napoleon, „Friedrichs des II., den ich aus Potsdam mitgenommen habe.“

Es ist interessant, dass kaum jemand daran erinnert, wie winzig das Kaiserreich Napoleons trotz allem war. Von, sagen wir, Andorra bis Minsk sind es 2300 Kilometer Luftlinie. Von Harbin bis Kiew – die Weite der Mongolenherrschaft – sind es 6600 Kilometer.

„Provincialising Europe“ muss die Parole sein, wenn wir die Welt begreifen wollen. (Arno Widmann)

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