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Zoff am Zauberberg

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Von: Michael Hesse

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Davos steht für das Treffen der Reichen und Mächtigen, dabei entstand hier ein Weltroman, und es kam zu einem historischen Streit zwischen zwei großen Denkern

Ist jemand gestorben? Das war es eigentlich, was man mit dem Kurort Davos in Verbindung brachte. Der Verantwortliche hierfür war ein gewisser Thomas Mann. Da seine Frau Katia in Davos ihre angegriffene Lunge kurierte, einen Lungenspitzenkatarrh, besuchte Thomas Mann sie im Jahr 1912 für einige Frühsommerwochen. Rund drei Wochen blieb er, für den Ort ein fataler Besuch, wie sich bald herausstellen sollte. Ein Schriftsteller sagte einmal: „Wenn man einen Schriftsteller in der Familie hat, ist die Familie zerstört.“ Diesmal war es ein ganzes Dorf, das zerstört wurde.

Als der Roman „Der Zauberberg“ erschien, war Davos entsetzt. Thomas Mann mochte noch so oft versichern, sein Werk sei ein großes philosophisches Gefüge, das letztlich der Menschenliebe verpflichtet sei und nicht von, sondern nur zufällig in Davos handle. Der Kurort fühlte sich zutiefst verunglimpft, die Chefärzte des Sanatoriums sahen sich diskreditiert, als würden sie sich skrupellos an ihren Patienten und Patientinnen bereichern.

Katia hatte ihrem Mann das Futter für den großen Stoff geliefert und berichtete von den Absonderlichkeiten des lungenkranken Lebensstils, der „febrilen Hermetik“ zwischen Fiebermessen und Flirt, dem „guten und schlechten Russentisch“, Thomas notierte eifrig, sammelte „wunderliche Milieueinblicke“ und schrieb und schrieb. An sich war der Roman anfänglich geplant als Novelle und eine Art Gegenstück zum „Tod in Venedig“. Doch das Ganze wuchs und wuchs. Inmitten des Ersten Weltkriegs unterbrach Mann seine Arbeiten. Der „Donnerschlag des Weltkrieges“ hatte den Zauberberg zunächst gesprengt. Dreieinhalb Jahre Pause, erst von 1919 an wurde der Roman fertiggestellt und 1924 in zwei Bänden im Fischer-Verlag veröffentlicht. „Der Zauberberg“ wurde zu einem Weltroman. Und er hat das Dorf in der Schweiz stärker geprägt als alles andere, einschließlich des Wirtschaftsforums. Heute gibt es ein Zauberberg-Hotel, ein Zauberberg-Restaurant.

Das Sanatoriumsgebäude, in welchem die tragische Hauptfigur Hans Castorp sieben Jahre lang der Welt abhandenkam, das historische Vorbild für den Roman, ist heute eine Unterkunft für Touristen. „Waldhotel Bellevue“. Nun ja. Heute will sich der Ort als ein globales Dorf für den Ideen-Austausch von Vertretern und Vertreterinnen aus Wirtschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen darstellen. Als könnten die wichtigsten Entscheider und Entscheiderinnen sich endlich einander sagen, was sonst unausgesprochen bliebe.

„Wir haben einst den türkischen und den griechischen Premierminister in Davos zusammengebracht und konnten so einen bewaffneten Konflikt wegen Erdölbohrungen verhindern, obwohl sie bereits teilmobil gemacht hatten“, erzählte der Gründer des World Economic Forums, Klaus Schwab, vor einigen Jahren der „Neuen Zürcher Zeitung“. „1990 hat in meinem Büro hier sehr geheim das wohl einzige Treffen der Chefs aller südafrikanischen Parteien stattgefunden. Danach wurde Mandela aus der Haft entlassen, und 1992 ist er in Davos zusammen mit de Klerk aufgetreten“. Zudem habe Genscher in seinen Memoiren geschrieben, er habe die wichtigste Rede seines Lebens 1987 in Davos gehalten, als er sagte: „Let’s give Gorbachev a chance.“ Laut Genscher war das das Ende des Kalten Kriegs, erzählt Schwab beschwingt. Heute tobt der Ukraine-Krieg. Da war Davos nicht schnell genug.

Bevor Davos zum Treffpunkt des Weltwirtschaftsforums wurde und nachdem Thomas Mann seine literarischen Streiche gespielt hatte, war der Ort Schauplatz des Ringens zweier äußerst bedeutender philosophischer Köpfe. Ihr Aufeinandertreffen in Davos wurde zuletzt von Wolfram Eilenberger in seinem so erfolgreichen Buch „Zeit der Zauberer“ (Klett-Cotta) aufs Lebhafteste dargestellt.

Die Rede ist von Martin Heidegger und Ernst Cassirer. Cassirer stammte aus einer Familie von Holzhändlern, die es zu etwas gebracht hatte. Er war einer der großen Gelehrten des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit einem enormen Geschichtsbewusstsein setzte er die Philosophie besonders von Immanuel Kant fort. Er galt als ein Vertreter des sogenannten Neukantianismus, einer Schule, die Kants Denken mit den Entwicklungen der modernen Naturwissenschaften auf einen Nenner bringen wollte. Cassirers Hauptwerk war die „Philosophie der symbolischen Formen“, in der er auf der Grundlage seines breiten historischen Wissens eine neue Theorie auf dem Fundament der Symbole entwarf.

Martin Heidegger hingegen war das genaue Gegenteil Cassirers. Ein philosophischer Draufgänger, ein Neuerer und Revolutionär. Einer, der die junge Generation ansprach. Er soll Ski wie ein Teufel gefahren sein, heißt es. So trat er auch als Denker auf. Er versprühte eine immense Kraft und fesselte die Studenten in den 20er Jahren mit einer neuartigen Philosophie, die er in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ entworfen hatte. In dieser ging es um nichts weniger als um eine radikale Revolution der gesamten Philosophie-Geschichte. Heidegger warf all seinen Vorgängern bis in die griechische Antike vor, den Begriff des Seins völlig falsch ausgelegt zu haben. Man habe das Sein wie etwas verstanden, was einem „vor Augen steht“, wie ein Ding also, das man begaffen kann. Durch diese Auffassung habe man den richtigen Zugang zum Sein verpasst. Denn dessen Sinn könne nur über die menschlichen Weisen zu sein ausgelegt werden.

Nun zu dem Aufeinandertreffen der beiden großen Denker, wie sie Eilenberger in seinem Buch schildert: Eine große Schar Philosophen und Philosophinnen hatte sich eigens vom Tal mit einer Schmalspurbahn auf den Weg in die Davoser Berge gemacht, um dieses Ereignis mitzuerleben. Und nun diskutieren die beiden über eine der Fragen der Philosophie, die etwa Immanuel Kant zu den vier grundlegendsten überhaupt gerechnet hatte: Was ist der Mensch? Es geht um die ganz großen Fragen der Philosophie. Kann der Mensch, das endliche Wesen, das Unendliche fassen? Wie ist es um die menschliche Freiheit bestellt? Man hat Einsicht in das, was Freiheit ist, aber keine Erkenntnis über die Freiheit. Beide sind sich einig, dass Freiheit ein metaphysischer Begriff ist.

Heidegger versucht, seine eigene Theorie an Kant anzubinden und den Königsberger Philosophen quasi als seinen Gewährsmann auszuweisen. Heidegger sucht deshalb Anknüpfungspunkte in Kants Werk, Cassirer hält dagegen und verteidigt eine Auslegung Kants, die sich an die jüdische Kant-Interpretation anschloss, die Hermann Cohen maßgeblich angestoßen hatte.

Zwei Denker im Wettstreit, warum nicht gleich einen Boxkampf daraus machen? Buchautor Eilenberger hat genau das in seinem Buch „Zeit der Zauberer“ getan. Er selbst fungiert als Reporter, der die Schläge, die der eine hinzunehmen hat, genauso verzeichnet, wie die Punktgewinne des anderen. „Cassirer jetzt klar in der Defensive.“ „Die offene Flanke ist die Ethik.“ „Cassirer geht jetzt aufs Ganze.“ „Heidegger jetzt in einer engen Ecke.“ „Echte Wirkungstreffer.“ „Heidegger jetzt mit Kant in Fahrt.“ Den raubauzigen Heidegger und den zartbesaiteten Cassirer in den Ring zu schicken – historisch hat sich das Ereignis so natürlich nicht abgespielt. Amüsant ist es dennoch.

Das Davos der Mächtigen im Schweizer Hochgebirge – es war vor langer Zeit ein Ort der hohen Geisteskunst, dank Mann, Heidegger und Cassirer.

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