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Zeitenwende 1.0

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Von: Christian Thomas

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Das Kiewer Höhlenkoster.
Das Kiewer Höhlenkoster. © imago

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (21): Die mittelalterliche Nestorchronik

Alle Wege führten nach Kiew, in die Stadt, die ähnlich wie das siebenhügelige Rom auf nicht nur einer Anhöhe errichtet wurde und zu einer Bedeutung heranwuchs wie etwa das siebentorige Theben zu seiner Zeit. Von Kiew wurde in höchsten Tönen gesprochen, das war in alten Chroniken so üblich, auch in der Nestorchronik. Und auch wenn in ihr nicht ausdrücklich von Theben die Rede war, dann doch mehrfach vom Turmbau zu Babel. Ebenso wie von der Aufteilung der Welt nach der Sintflut unter den drei Söhnen Noahs, Sem, Ham, Japhet. Und weil Kiew in der Nestorchronik in der Tradition von Ursprungslegenden stand, mit der Sintflut auf die denkbar ursprünglichste Zeitenwende überhaupt zu sprechen kam, waren es ebenfalls drei Brüder, die mit den Anfängen Kiews zu tun hatten. Eine fabelhafte Geschichte, die Faktenlage äußerst wackelig.

Dass es Leute auch zur Zeit der Niederschrift der Nestorchronik gab, die dennoch über das weithin strahlende Kiew überhaupt nichts wussten, beklagte bereits diese „Erzählung von den vergangenen Jahren“, wie sie im Untertitel hieß, als sie um 1115 unter die Menschen kam, allmählich auch außerhalb des Kiewer Höhlenklosters, wo man sie aufgeschrieben hatte. Es war eine auch deswegen kühne Erzählung, weil sie schier unglaublich ausgriff in Raum und Zeit, so dass kein Weg zu weit war, von der Ostsee bis Konstantinopel, kein Land zu fern, nicht das der Waräger (im heutigen Skandinavien), nicht das zweite Rom, Byzanz, nicht Rom selbst.

Eine ungeheure Mobilität, die Händler und Herrscher an den Tag legten, Missionare, Philosophen, Menschenschinder. Es herrschten zwischen Krieg, Frieden und Krieg hin und her gerissene Verhältnisse, es war im frühen Mittelalter eine Zeit der Zeitenwenden. Es war die Epoche der Kapitalverbrechen, der Ermordung des Fürsten Igor, den die Witwe, Olga, auf fürchterliche Weise rächte, im Stil einer Krimhild, auch an Tausenden Unschuldigen, mit „terroristischen Methoden“ (Hans-Heinrich Nolte).

Wobei, und hier kommt es auf jeden Buchstaben an: Noch bevor es zur Taufe der „Kiewer Rus“ kam, einer Massentaufe von Tausenden im Dnjepr, schien bereits „das alte Russland“ aus der Taufe gehoben worden zu sein – was ein ungeheuer kühner Vorgang war, der sich dadurch erklärt, dass „Russland“ und „Rus“ tapfer in eins gesetzt wurden in derjenigen Version der Nestorchronik, wie sie 1982 in der DDR erschien, bei Reclam in Leipzig, extrem gekürzt, ideologisch redigiert. Kiew als die „Mutter aller russischen Städte“? Kein Wort darüber.

Die Ausgabe reicht zurück in eine Zeit, als die Sowjetunion das letzte Jahrzehnt ihrer Existenz verbrachte, die sogenannte „bleierne Zeit“, ablesbar auch an dem Vorwort eines Vasallen in der DDR. Beträchtlich die Abirrungen durch menschliche Verblendung – dennoch geradewegs führt die Nestorchronik unter die Waräger, Händler aus dem Norden, kriegerische Fernkaufleute. Zu ihnen machten sich die Kiewer auf, „gingen über das Meer zu den Warägern, zu den Russen, denn die Waräger hießen Russen“, was eine glatte Geschichtsklitterung ist, denn „sie gingen zu den Rus“ (siehe das Digitalset zur historisch-kritischen Ausgabe: https://digi20.digitale-sammlungen.de, dort „Nestorchronik“ in die Suche eingeben, dann S. 19).

Kaum waren die Waräger von den Kiewern vertrieben worden, brachen diese auf, um den Eroberern, den Rus, die Herrschaft anzutragen über die Rus. Seltsam. Der Slawist Günther Stökl nannte dies die „doppelte Nennung“, der Stilist Stökl schrieb: „Rus wurde berufen und Rus beriefen.“ Zweifellos ein dialektischer Vorgang.

Putin hat seinen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine seit Jahren auf historischem Terrain vorbereitet. Ideologische Geländegewinne steckte er allerdings bereits vor zwei Jahrzehnten ab, wenn er im Juli 2003 in dem Örtchen Ladoga ankündigte: „Wir beschäftigen uns wenig mit unserer Geschichte. Darin liegt die Wurzel unserer Probleme.“ An dem Tag beging man in dem auch in der Nestorchronik erwähnten Ort die 1250-Jahr-Feier.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Nestorchronik: Mehr noch als für das Igorlied gilt für die Nestorchronik, dass es keine zuverlässige, lesefreundliche und erschwingliche Ausgabe auf Deutsch gibt.

Zuletzt ins Regal gestellt: Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“, Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“, Erzählungen von Nikolai Gogol und die Bände „Herbstfeuer“, „Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow sowie Yevgenia Beloruset „Glückliche Fälle“ und „Anfang des Krieges“.

Als nächstes wird die Zeitschrift Osteuropa mit dem Thema „Widerstand, Ukrainische Kultur in Zeiten des Krieges“ vorgestellt.

Alt-Ladoga war der Vorposten im Stützpunktsystem der Besiedelung der Rus gewesen – in Ladoga formulierte Putin seinen geschichtspolitischen Vorstoß. Gnädig erklärt der Despot seitdem die Ukraine zum russischen Hab und Gut, huldvoll reklamiert er das Kiewer Reich für das „heilige Russland“. Dass zwischen dem Abtritt der Kiewer Rus, ihrem Untergang im Jahr 1240 durch die Mongolen, und dem Debüt eines Zaren eine Lücke von einem Vierteljahrtausend klaffte, die auch nicht durch eine herbeigefabelte Dynastie geschlossen wurde, weil schon ihr Ahn, der Warägerfürst Rjurik historisch anzuzweifeln ist, focht die Propaganda nie an. Nicht die zaristische, nicht die sowjetische, nicht die stalinistische, nicht die putineske.

Wenn eine Traditionslinie auszumachen ist, dann keine historisch nachweisbare, aber eine der ideologischen Willkür. Putins Gleichsetzung von Rus und Russland, des Kiewer Reiches mit dem historischen Auftritt Russlands soll eine Ursprungserzählung begründen, die schon vor 300 Jahren heftigsten Widerspruch auslöste, im sog. „Normannenstreit“. Für nationalistisch wie gleichzeitig imperial gepolte Russen war die historische Tatsache nicht hinnehmbar, dass die Kiewer Rus skandinavische Wurzeln hatte – und damit keine slawischen.

Das „Kiewer Reich“ umfasste mehr als das Gebiet der heutigen Ukraine, die „Kiewer Rus“ weitere Territorien als das heutige Russland, von der heutigen Ukraine über Belarus bis nach Polen. Verzwickt die Herrschaftsverhältnisse, großräumig die Machtverhältnisse. Aber die Rus so etwas wie ein Staat? Und warum hinterließen die Waräger keine Spuren? Weil sie keine Kolonisatoren waren, vielmehr Freibeuter, wie Manfred Hildermeier in seiner monumentalen „Geschichte Russlands“ (C.H. Beck) ausführt. Mehr noch als Kaufleute, waren sie Krieger. Sie bauten nichts auf, sie beuteten bloß aus.

Aus vielerlei Gründen ist die Beschäftigung mit der Nestorchronik alles andere als eine antiquarische oder anachronistische Angelegenheit. Sollte sich die Parteinahme für die Ukraine nicht auf Waffenlieferungen beschränken, sollte die Solidarität nicht niedersinken, müsste sich ein Verlag finden, der die Nestorchronik ebenso wie das Igorlied (Kleine Ukraine-Bibliothek Nr. 1, FR v. 23./24.07.22) herausbrächte, endlich! In einer feinen Übersetzung, kritisch kommentiert, schon wegen der unterschiedlichen Fassungen, der handschriftlichen und gedruckten.

Enorm reich die Nestorchronik an Sagen und Legenden, enorm reich ihr Informationsgehalt, etwa zum Übertritt der Kiewer Rus zum Christentum. Enorm aufschlussreich der theologische Disput über Römer und Griechen, über das wahre Christentum, obendrein eine Kontroverse und Konkurrenz über die beste Religion: Judentum, Christentum oder der noch sehr junge Islam?

Ewige Fragen. Historisch folgenreich, nämlich ein Jahrtausendereignis war die durch Heiratspolitik herbeigeführte Ehe zwischen Kiew und Konstantinopel; 988 übernahm die Kiewer Rus das byzantinische Christentum. Wer bei der erzwungenen Massentaufe im Dnepr dabei war, erlebte die Zeitenwende 1.0 in einer Welt, in der, ausdrücklich erzählt in der Nestorchronik, für die Einäscherung von Städten und den Terror gegen Land und Leute kein Weg zu weit war.

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