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„Zeigen, was geht“

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Von: Karin Dalka

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Leserinnen und Lesern soll ein Licht aufgehen. PD
Leserinnen und Lesern soll ein Licht aufgehen. PD © PD

Rettungskampagne für das Online-Magazin Perspective Daily.

Die Klimakrise, der Krieg in der Ukraine, Naturkatastrophen: Schlechte Nachrichten gehören zum Kern des Mediengeschäfts. Nehmen sie überhand, halten sich mehr Menschen von ihnen fern, wie aktuelle Studien zeigen. Sie informieren sich zwar weiter, aber die zeitlichen Abstände, in denen sie auf ihr Handy schauen, werden größer. Für die Wissenschaft ist das keine Überraschung. Denn die Hirnforschung hat längst gezeigt: Die Flut negativer Nachrichten stresst das Gehirn und löst Panik aus. Es entsteht das Gefühl von Erschöpfung und verzweifelter Hilflosigkeit oder auch eine Form von Zynismus, der sich letztlich mit dem „Weltuntergang“ arrangiert. Oder aber man entzieht sich dem Stress und reduziert den Konsum der „bad news“.

Gute Vorbilder vorstellen

Für die Neurowissenschaftlerin Maren Urner und ihren Kollegen Han Langeslag war die digitale „Dauerbeschallung mit Negativschlagzeilen“ vor sechs Jahren der Antrieb für ein journalistisches Start-up. Die beiden gehören zum Gründungsteam von „Perspective Daily“ (PD), dem ersten mitgliederfinanzierten und werbefreien Online-Magazin in Deutschland, das sich nach dem niederländischen Vorbild „De Correspondent“ dem konstruktiven Journalismus verschrieben hat. Einem Journalismus, der den Blick auf die Welt weitet, indem er ihn auf Perspektiven, gute Vorbilder und Problemlösungen lenkt.

Der Ansatz nach dem Motto „Zeigen, was geht“ hat über die Jahre gut funktioniert. PD konnte eine kleine treue Community von einigen tausend Mitgliedern aufbauen. Dann aber, im zweiten Jahr der Pandemie, ist diese Leserschaft nach Angaben von Geschäftsführer Langeslag so geschrumpft, dass die Redaktion Mitte Juni eine Rettungskampagne starten musste. „Das Pionierprojekt steht auf der Kippe,“ heißt es in dem Aufruf.

Ein Jahr nach der Crowdfunding-Phase hatte PD nach eigenen Angaben 8500 Unterstützerinnen gezählt und kam in den Folgejahren zeitweise auf bis zu 12 000 Mitglieder. Nun brauche man mindestens 2000 neue Abos, um die Arbeit ohne Abstriche fortsetzen zu können.

Gut sechs Wochen später scheint PD gerettet: Mehr als 1600 Mitglieder sind dazugekommen. „Wir sind vorsichtig optimistisch, die Lücke bis Ende August schließen zu können“ , sagt Redaktionsleiterin Katharina Wiegmann im Gespräch mit der FR. Sie setzt vor allem auf Mund-zu-Mund-Propaganda, denn das Magazin habe kein dickes Budget für Marketing. „Uns kennen nicht genug Leute.“ Prominente Unterstützer:innen wie die Klimaaktivistin Luisa Neubauer rühren auf Twitter die Werbetrommel, PD-Leser:innen verschenken Gutscheine.

Dabei dürfte helfen, dass sich das anfängliche Missstrauen gegenüber einem vermeintlich naiven Wohlfühl-Journalismus, der die Realität angeblich schönschreibt, als Vorurteil erwiesen hat. Konstruktiv zu sein, gehört für Qualitätsmedien mittlerweile zum guten Ton. Ist aber noch längst nicht Standard: Gute Nachrichten beantworten zwar in der Regel alle klassischen W-Fragen (Wer, wann, wo, was, wie), gehen aber nicht den einen Schritt weiter und fragen: Was jetzt?

Für PD war das von Anfang an die entscheidende Frage. Denn ihr Topthema waren damals – wie heute – die von der Politik zu lange ignorierte Klimakrise und Good-Practice-Beispiele. Das Team aus einem guten Dutzend Festangestellten und zusätzlichen Gastautor:innen setzt seine Schwerpunkte zudem in den Bereichen Gesundheit und Psyche, Zukunft der Demokratie, Arbeitswelt und Armut – und das aus einer erkennbar kapitalismus-kritischen Haltung heraus. Etwa mit einer Serie zum Neoliberalismus (wie er „zum Mainstream wurde“ und „die Demokratie unterwandert“) oder mit einem Beitrag, der erklärt, „warum wir unsere Krankenhäuser nicht dem Markt überlassen dürfen“.

„Von außen werden wir im links-grünen Milieu verortet“, sagt Wiegmann. Was sie mehr als solche politische Zuschreibungen beschäftigt, ist die Kritik: „Ihr seid eine Bubble, ihr bedient eine Bubble.“ Das widerspricht dem journalistischen Selbstverständnis, „am Dialog mit anderen Positionen zu wachsen“. Auch deshalb wünscht sie sich mehr Reichweite.

Und wie berichtet PD über den Ukraine-Krieg? Was heißt hier „lösungsorientiert“, wo doch eine Lösung nicht in Sicht ist? „Nicht emotionalisieren, nicht Angst machen, nicht polarisieren“, antwortet Wiegmann, „und nicht aufspringen auf medial zugespitzte Aufreger-Diskurse. Aus der aktuellen Nachrichtenlage herauszoomen.“

Was das heißt, lässt sich nachlesen: Zwei Tage nach Beginn des russischen Überfalls auf das Nachbarland veröffentlichte PD einen Artikel unter der Überschrift „Wie du dich informieren und den Menschen vor Ort helfen kannst“. Er verlinkte zu wissenschaftlichen Quellen, Büchern, Podcasts, Videos und Erklärtexten internationaler Expert:innen, zu Faktenchecks und Hintergrundanalysen in anderen Medien. Außerdem zu Stellen, die Hilfe organisieren, und zu Websites, mit denen Menschen Proteste gegen den Krieg initiieren. Typisch für PD ist auch ein Beitrag über den Schriftsteller Erich Maria Remarque unter dem Titel: „Der Pazifismus hat noch lange nicht ausgedient.“

„Über Probleme reden schafft Probleme. Über Lösungen reden schafft Lösungen“. Von dieser Feststellung des US-Psychotherapeuten Steve de Shazer ließ sich das PD-Gründungsteam seinerzeit leiten. Bedenkenswert dürfte diese Erkenntnis allerdings auch für andere Qualitätsmedien sein, die die Aufmerksamkeit ihre Leser:innen nicht verlieren wollen. Und die in Kriegszeiten mit eine Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass Ohnmachtsgefühle und Zynismus nicht den Weg zum Frieden verstellen.

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