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Wolodymyr Selenskyj ist „Man of the year“ – kompromisslos und rhetorisch genial

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Von: Michael Hesse

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj-
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj- © IMAGO/TT

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde vom Time Magazine zum „Mann des Jahres“. Er habe das Jahr 2022 wie kein anderer geprägt.

Frankfurt/Kiew – Der Anruf aus dem Büro des Präsidenten kam an einem Samstagabend: Seien Sie bereit, am nächsten Tag aufzubrechen, sagte ein Berater, und packen Sie eine Zahnbürste ein. Es gab keine Einzelheiten über das Ziel oder wie wir dorthin kommen würden, aber es war nicht schwer zu erraten.“ So beschreibt Simon Shuster, Auslandsreporter des Time Magazine, den Start seiner Reise mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Das Ziel ist die Stadt Cherson. Die russischen Truppen haben sich gerade zurückgezogen und machen so den Weg für die ukrainische Armee frei. Für den ukrainischen Präsidenten ist die Rückeroberung einer der größten Erfolge im Kampf gegen die russischen Invasoren. Denn der russische Präsident Wladimir Putin hatte zuvor noch lauthals verkünden lassen, dass die Regionalhauptstadt für immer zu Russland gehören würde.

„Jetzt war Cherson frei, und Wolodymyr Selenskyj wollte so schnell wie möglich dorthin zurückkehren“, schreibt Shuster. Das Time Magazine hat Selenskyj erst vor ein paar Tagen zum Mann des Jahres gekürt. Keine Frage, er hat das Jahr 2022 wie kein anderer geprägt. Er und der enorme Kampfgeist der ukrainischen Soldaten. Der große Mut Selenskyjs stellt ihn in eine Reihe mit Figuren und Politik-Ikonen wie Fidel Castro oder Nelson Mandela. Er ist so etwas wie die fleischgewordene List des Weltgeistes, der sich der brutalen Gewalt des Kreml-Herrschers in den Weg stellt, um das Gute zu befördern. Selenskyjs Mut bewundert auch der Time-Reporter.

Präsident Wolodymyr Selenskyj: Kurz vor dem Krieg versuchte er, die Bürger:innen zu beruhigen

Er erzählt, wie dessen Leibwächter den Präsidenten angefleht hätten zu warten. Die Infrastruktur der Stadt sei durch die Russen völlig zerstört worden. Das Gebiet rund um die Stadt sei mit Minen übersät, die Regierungsgebäude mit Stolperdrähten versehen. Auf der Autobahn nach Cherson hatte eine Explosion eine Brücke zerstört, so dass sie unpassierbar wurde. Aber all das wollte Selenskyj nicht hören. „Meine Sicherheitskräfte waren zu 100 Prozent dagegen“, sagte Selenskyj dem Time-Reporter. Es sei ein großes Risiko für ihn „und ein bisschen leichtsinnig“.

Kurz vor Ausbruch des Krieges, der nun schon mehr als 260 Tage tobt, gab es eine Handyaufnahme, die Selenskyj von sich machte. Er wollte seine Bürger:innen beruhigen, es würde schon keinen Krieg geben, versicherte er. Den US-Präsidenten Joe Biden hatte er kurz zuvor kritisiert, da dieser offen von einer bevorstehenden Invasion der Russen gesprochen hatte. Das sei eine self-fulfilling prophecy.

Wolodymyr Selenskyj: Buch „Botschaft aus der Ukraine“ fasst seine Reden zusammen

Dann brach der Krieg trotzdem aus. Hatte er die Situation wie so viele Ukrainer:innen unterschätzt? Als Kriegsherr erschien er bis dato eher eine unpassende Figur abzugeben, er, der doch vor allem als Schauspieler bekannt geworden war.

Doch das sollte sich schnell ändern. Als die Amerikaner Selenskyj anboten, ihn aus der Ukraine rauszuholen, da Putins Schergen ihn und seine Regierung eliminieren wollten, sagte er: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheiten.“ Das war der Ton, den er fortan anschlug. Kompromisslos, rhetorisch schlicht genial.

Das jetzt erschienene Buch „Botschaft aus der Ukraine“ (erschienen im Siedler-Verlag), fasst seine wichtigen Reden zusammen, die er im Krieg gegen Russland gehalten hat.

Präsident Wolodymyr Selenskyj: Seine wichtigste Ansprache filmte er selbst mit dem Handy

Seine wichtigste Ansprache war zugleich seine kürzeste. Die Russen waren bereits seit 38 Stunden auf ukrainischem Gebiet, als sich Selenskyj an seine Bürger:innen wandte. „Guten Abend allerseits“, sagte er. „Wir sind alle hier. Unsere Soldaten sind hier. Die Bürger sind hier. Wir alle sind hier und verteidigen unsere Unabhängigkeit. Und so wird es bleiben.“

In zweiunddreißig Sekunden stellte er unter Beweis, dass er der Mann der Stunde sein würde. Selenskyj war in Tarngrün gekleidet, mit seinem Smartphone filmte er sich vor einem Regierungsgebäude. Im Hintergrund waren Mitglieder seines Führungsstabs zu sehen. Der ukrainische Präsident weist in dem von ihm verfassten Einleitungstext darauf hin, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht erst 2022 begonnen habe. Diese Sicht sei eine Fehlwahrnehmung besonders der westlichen, speziell deutscher Politiker.

Wolodymyr Selenskyj: Viele vergleichen ihn mit Winston Churchill

Man glaubt es ihm, wenn er schreibt: „Ich wäre der glücklichste Mensch der Welt, wäre das Buch, das Sie in Händen halten, nie veröffentlicht worden. Wären meine Ansprachen nach dem 24. Februar 2022 nie geschrieben oder gehalten und wären meine Reden nach der Invasion nie gehört oder gelesen worden.“ Er ergänzt: „Mir wäre es lieber gewesen, nicht mein Gesicht auf dem Cover von Time, sondern das eines Arztes, der an einem Heilmittel gegen Krebs forscht“, zu sehen. „Könnten wir doch nur die Zeit zurückdrehen“, fleht Selenskyj förmlich. „Es gibt so vieles, worauf ich augenblicklich verzichten würde. Den Beifall und die Bewunderung aus aller Welt. Mir wäre es lieber, Menschen würden auf den Nachnamen Selenskyj mit der Frage ‚Wer?‘ reagieren.“

In dem Buch werden die Reden von ihm etwa vor dem Bundestag („Reißen Sie diese Mauer nieder!“), vor der israelischen Knesset oder dem US-Kongress („In den Frieden führen“) zusammengefasst. Es sind imponierende Dokumente eines Mannes, den nicht wenige mit dem früheren britischen Premierminister Winston Churchill vergleichen. „Die Ukraine strebt nicht nach Größe. Und dennoch wurde sie groß“, lautete der Titel von Selenskyjs Ansprache vor dem britischen Parlament.

Präsident Wolodymyr Selenskyj: In seinem Buch wendet er sich direkt an seine Leser:innen

Wer sonst außer Selenskyj hätte den Titel „Mann des Jahres“ verdient? Sein Besuch in einer Stadt, die Putin immer noch für seine Wahnidee eines Großen Russlands beansprucht, machte den russischen Rückzug nur noch peinlicher. Was die Welt bei seinem Aufenthalt in Cherson zu Gesicht bekam, war der ukrainische Wille zum Weitermachen, der Wille zu überleben.

Selenskyj wendet sich in dem Buch direkt an seine Leser:innen: „Vergessen Sie die Ukraine nicht“, schreibt Selenskyj. „Lassen Sie nicht zu, dass unser Land aus der Mode kommt.“ (Michael Hesse)

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