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Wolfgang Leonhard bei einer Podiumsdiskussion, 2007.
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Wolfgang Leonhard bei einer Podiumsdiskussion, 2007.

Wolfgang Leonhard zum 100.

Wolfgang Leonhard und „Die Revolution entlässt ihre Kinder“: Wie lange er selbst brauchte, um den Betrug zu begreifen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Zum 100. Geburtstag des Historikers Wolfgang Leonhard, Autor des Jahrhundertbuches „Die Revolution entlässt ihre Kinder“.

Wolfgang Leonhard war weltweit einer der bekanntesten Sowjetologen, ein Beobachter des Kommunismus und ein wortgewandter Interpret aller Wendungen in den Warschauer-Pakt-Staaten. Geboren am 16. April 1921 in Wien, gestorben am 17. August 2014 in Daun in der Eifel. Weltruhm erlangte er durch sein Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“. Das war 1957 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und schilderte die stalinistischen Verfolgungen der 30er Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die Vorgeschichte der DDR und seine Hinwendung zum sich vom Sowjetblock befreienden Jugoslawien. Alles als Lebensgeschichte des Wolfgang Leonhard. Voller Szenen mit Dialogen in wörtlicher Rede. Ein Bildungsroman aus den Massakern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Es war unfassbar, mit welcher Präzision Leonhard erzählte. Alles hatte ein genaues Datum, wenn nicht die Uhr-, dann doch die Tageszeit, und wenn er die Straße nannte, in der er sich mit x oder y getroffen hatte, dann wusste er immer auch noch die Hausnummer. Niemals entfiel ihm ein Name. In seinem großen Kopf unter den wild wuchernden Haaren schien er einen Teleprompter zu haben, mit dessen Hilfe er auf jede Frage mit einem perfekt klaren Text antworten konnte.

Dazu kam noch, dass er nicht berichtete, sondern wirklich erzählte. Die Stimme war immer in Bewegung. Er machte Pausen, er wiederholte ein Wort, auf das es ihm ankam. Der Sohn eines Dichters, eines expressionistischen noch dazu, dachte ich mir! Das war falsch. Rudolf Leonhard (1889-1953) war zwar 1918/1919 mit Wolfgang Leonhards Mutter Susanne Köhler verheiratet gewesen, aber 1921 war sie die Gattin des polnischen Kommunisten Mieczyslaw Bronski (1882–1938). Er war Botschafter der Sowjetunion in Wien. Sie war die Pressechefin der Botschaft. Bronski war der Vater Wolfgang Leonhards, der übrigens bis 1945 Wladimir hieß.

„Die Revolution entlässt ihre Kinder“ war der Titel von Wolfgang Leonhards erstem Buch. Der Satz stand aber auch über den ersten Jahrzehnten seines Lebens. Susanne Leonhard (1895-1984) war Kommunistin, später unabhängige Sozialistin. Bis zu ihrem Tod hielt sie an der Idee der Errichtung einer herrschaftsfreien Gesellschaft fest.

Ihr erster Ehemann, der Dichter Leonhard, erkannte Wladimir als seinen Sohn an. Aber weder er noch Bronski scheinen im Leben des Kindes der Revolution und der Revolutionäre eine Rolle gespielt zu haben. Schon 1922 ging Susanne Leonhard mit ihrem Sohn nach Berlin. Sie trat 1925 aus der KPD aus, schrieb Zeitungsartikel, war mit u.a. Bert Brecht und Alfred Döblin in einem von Karl Korsch eingerichteten Marx-Zirkel.

In diese Welt wuchs Leonhard hinein. In ihr träumte man nicht nur vom Umsturz der bestehenden Verhältnisse, in ihr arbeitete man daran. 1935 flohen Mutter und Sohn in die Sowjetunion. schon 1936 kam Susanne Leonhard für zwölf Jahre ins Arbeitslager Workuta und nach Sibirien. Danach lebte sie ein Jahr in Ostberlin – ihr Sohn hatte sie mit Hilfe des späteren Präsidenten der DDR Wilhelm Pieck aus Sibirien dorthin bringen lassen. 1949 ging sie nach Westdeutschland.

Leonhard war nach der Verhaftung seiner Mutter in ein Heim gekommen, in Moskau zu einem kommunistischen Kader erzogen worden. Im April 1945 flog er als Mitglied der Gruppe Ulbricht nach Berlin, um dort, wie es zunächst hieß, einen antifaschistischen, demokratischen deutschen Staat aufzubauen. Warum er, der 24-Jährige, zum handverlesenen Trupp gehörte, verrät er uns nicht. Als deutlich wurde, dass es in Wahrheit um die Einführung des Stalinismus ging, brach er mit den deutschen Genossen und wollte den jugoslawischen Weg gehen. Das war im März 1949. 1950 verließ er Jugoslawien, gründete in der BRD die „Unabhängige Arbeiterpartei Deutschlands“, die das Jugoslawien Titos unterstützte, das wiederum sie finanzierte.

Erst der Erfolg seines Buches half ihm heraus aus dem Leben eines Kaders. Er studierte und forschte in Großbritannien und den USA. Später unterrichtete er in Yale „Geschichte der UdSSR“ und „Geschichte der kommunistischen Weltbewegung“. Der spätere US-Präsident George W. Bush war sein Student.

Bis Mitte dreißig hatte Leonhard in der kommunistischen Welt mit ihren Auseinandersetzungen gelebt. Die Revolution mochte ihre Kinder entlassen haben, aber sie konnten nicht von ihr lassen. Sein Leben lang beschäftigte sich Leonhard mit nichts anderem. Aber jetzt beobachtete und analysierte er. Er nahm Abstand und versuchte zu verstehen. Welche Rolle dabei zu diesem oder jenem Zeitpunkt auch dieser oder jener Geheimdienst gespielt haben mag, darüber weiß ich nichts. Die Koordinaten hatten sich verschoben: die Revolution wurde immer mehr an den Rand gedrückt, Demokratie und Bürgerrechte nahmen ihren Platz ein. Aber immer ging es Leonhard um die Möglichkeiten der Emanzipation, der Erweiterung der Partizipation.

Als 1990 „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ auch bei Reclam in Leipzig erschien, freute er sich darüber, mit den Menschen in der DDR diskutieren zu können. Er klärte sie auf über Umstände der Entstehung „ihres“ Staates. Mir ist aber nichts bekannt darüber, dass einer jener DDR-Intellektuellen, die von den frühen Jahren der DDR schwärmten, gesagt hätte: Ich war verrückt. Die frühen Jahre waren die schlimmsten. Damals wurden die größten Verbrechen begangen, nicht etwa unter Honecker. Wolfgang Leonhards Buch wurde gelesen, es wurde verschlungen, aber es veränderte damals nichts mehr.

Der gigantische Erfolg des Buches in den 50ern und 60ern hing vielleicht, diese Idee kommt mir erst jetzt bei der Wiederlektüre, damit zusammen, dass Leonhard immer wieder darauf hinwies, wie lange er brauchte, um zu begreifen, dass er einem Betrug auf den Leim gegangen war. Und gehen konnte er erst, als klar wurde, dass er – wenn er es nicht täte – selbst bald gegangen werden würde. Sätze wie der, dass er sich viele Jahre eine andere Art zu denken gar nicht habe vorstellen können, werden bei Deutschen, die durch die Schulen des Nationalsozialismus gegangen waren, auf aufnahmebereite Ohren gestoßen sein. Leonhard schrieb: „Heute finde ich es erstaunlich, wie schnell die Menschen in Moskau – darunter auch ich – imstande waren, alles Schreckliche aus ihrer Erinnerung zu tilgen. Doch wir hatten einfach zu viel erlebt ... .” Das mochte den einst begeisterten Nationalsozialisten eingeleuchtet haben.

Dabei half sicher auch, dass die Frage der eigenen Beteiligung am Terror ausgeklammert wurde. Leonhard schreibt die Geschichte eines jungen Mannes, eines Toren, der erst langsam die Welt durchschaut, in der er lebt. Dass er selbst sie mittrug, ist kein Thema. Es geht, was den Icherzähler angeht, nicht um Moral, sondern um Erkenntnis. „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ ist nur eines von zwei Dutzend Büchern Leonhards. Aber es überragt alle anderen. Es ist ein Jahrhundertbuch.

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