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Ein Kreuz erinnert am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin an Wolfgang Herrndorf.
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Ein Kreuz erinnert am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin an Wolfgang Herrndorf.

Todesarten Teil 4

Wolfgang Herrndorf: Chronik eines angekündigten Freitodes

  • VonUlrich Rüdenauer
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Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden – das ist nicht jedem vergönnt.

Suizid durch eine Schusswaffe ist in der Bundesrepublik die vierthäufigste Methode, sich das Leben zu nehmen – eine eindeutig männliche Form des Freitods: Nur etwa drei bis fünf Prozent aller Menschen, die mit Pistole oder Gewehr Schluss machen, sind Frauen. Auch unter männlichen Schriftstellern sind Klein- und Großkaliber-Waffen häufig gebrauchte Selbstmordinstrumente – wir werden darauf gewiss zurückkommen. Wolfgang Herrndorf allerdings war alles andere als ein Waffennarr. Er war nicht lebensmüde, kein depressiver Draufgänger à la Hemingway, nicht politisch verfolgt oder ein Affektselbstmörder, und doch gab es für ihn am Ende keinen anderen Ausweg als die Pistole.

Im März 2010 wird Wolfgang Herrndorf in ein Krankenhaus eingeliefert, zunächst in die Psychiatrie. Kopfschmerzen. Sichtfeldausfall. Todesangst. Er ist zu dieser Zeit ein mäßig erfolgreicher, wenn auch veröffentlichter Autor. Nebenbei malt er. Die Kunst ging dem Schreiben sogar voraus. Der damals 45-Jährige, der in Hamburg geboren wurde und in Berlin lebt, Kunst in Nürnberg studiert hat und als Comiczeichner begann, hat bis dahin zwei Bücher veröffentlicht. „In Plüschgewittern“ war 2002 erschienen, ein außergewöhnlicher Berlin-Roman, der durch seine Sprache, seinen melancholischen Witz herausstach aus der Fließbandware der jungen deutschen Großstadtautoren. 2004 gewann er beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis für die Geschichte „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“, die dann drei Jahre später im gleichnamigen Erzählungsband erscheinen sollte.

Über die Serie

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf ungewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk? Bislang veröffentlicht:

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen
Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest
Robert Walsers lautloses Verschwinden: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“

Die Diagnose der Ärzte ist niederschmetternd: Hirntumor, ein hochgradiges Glioblastom, Therapie aussichtslos. Die sachliche ärztliche Beschreibung lautet „Raumforderung“, das hört sich nach einem Erkundungsabenteuer an, nach Eroberungszügen, eher unwissenschaftlich klingt dieser Begriff, fast sogar ein wenig poetisch. In Wahrheit ist es ein Todesurteil. Die Frage lautet von diesem Augenblick an nicht mehr, ob, sondern wann das Urteil vollstreckt wird – in wenigen Monaten, in einem Jahr, vielleicht gar erst in zwei? Herrndorf liest Prognosen und Erfahrungsberichte. Er könnte wahnsinnig werden, aber stemmt sich gegen die ärztlichen Vorhersagen – „im ersten Jahr sterben ist für Muschis“, heißt es bei ihm nonchalant. Er beginnt mit dem Verfassen eines Tagebuchs, das er nach und nach im Internet veröffentlicht.

Eine Abenteuerreise ins eigene Leben

Von Arztbesuchen handelt dieser Blog, vom Aufenthalt in der Psychiatrie, von Ängsten und Alltagsepiphanien oder von der Google-Suche nach Überlebensstatistiken. „Warum ich? Warum denn nicht ich? Willkommen in der biochemischen Lotterie“, schreibt er am 11. Januar 2011. Er beginnt, fast manisch zu arbeiten. Das Telefonat mit einem anderen Erkrankten hat große Wirkung: Arbeit und Struktur, das sei in dieser Situation die einzige Erleichterung, und so rettet sich Herrndorf ins Schreiben an Manuskriptfragmenten, die sich in den vorangegangenen Jahren angesammelt hatten. Er vollendet den Coming-of-Age-Roman „Tschick“, der rasch verlegt und zu einem geradezu märchenhaften Bestseller wird – zu einem Kultbuch, wobei diese floskelhafte Bezeichnung in diesem Fall wirklich zutrifft. „Tschick“ ist eine Road-Novel, die vollkommen unsentimental und zugleich anrührend ist. Das Buch erzählt von zwei Jungs, die im geklauten Lada von Berlin aus Richtung Walachei aufbrechen und durch den Osten Deutschlands fahren wie Huckleberry Finn einst auf dem Floß durch den Süden der USA.

Es ist eine Abenteuerreise ins eigene Leben. Da brechen zwei ein wenig verlorene Teenager auf, weil sie als Außenseiter doch ahnen, dass es so etwas wie Glück oder Freiheit geben könnte. Herrndorfs Sprache ist zeitlos cool, weil sie sich keinem Jugendslang anbiedert und doch ganz nah dran zu sein scheint am Denken und Fühlen seiner Helden. Eine schnodderige Kunstsprache, nach der man süchtig werden kann. Der Erfolg kommt noch rechtzeitig und doch zur Unzeit. „Gerade werden die Filmrechte verhandelt“, schreibt Wolfgang Herrndorf in seinem Internet-Blog. „Und das ist vielleicht der Punkt, wo ich dann doch so eine Art von Ressentiment empfinde: 25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben. Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre.“

Es geht um die ganz großen Dinge“

Auch eine kunstvoll versponnene Spionagegeschichte unter dem Titel „Sand“ vollendet Herrndorf in der ihm verbleibenden Zeit. „Das ist ein dem Genre des Trottelromans entnommener Roman“, sagte er zu „Sand“, „also eigentlich ein Thriller, der im Jahr 1972 in der Wüste spielt. Trottelroman insofern: die Araber sind alle dumm, faul und stinken; die Europäer sind arrogante Rassisten und Päderasten; die Amerikaner foltern alles, was ihnen in den Weg kommt. Und hinter allem stecken selbstverständlich die Juden. Das ist das handelnde Personal dieses Buches, und dementsprechend ist auch die Handlung ein bisschen. Es geht um die ganz großen Dinge, es geht um Geheimdienste, es geht um die Atombombe.“

Um die ganz großen Dinge geht es bei Herrndorf tatsächlich. Und es geht darum auch in seinem Blog. Am 23. August 2011 kann man dort von einem Autodafé im Angesicht des Endes lesen: „Bücher, in die ich mir Notizen gemacht hab, in der Badewanne eingeweicht und zerrissen. Nietzsche, Schopenhauer, Adorno. 31 Jahre Briefe, 28 Jahre Tagebücher. An zwei Stellen reingeguckt: ein Unbekannter. / Erster Eintrag: ‚20. Mai 1983, Freitag. Letzter Schultag vor Pfingsten. Wunderschönes Wetter. Meine einzige Produktivität in der Schule war in Englisch.‘ Dann Verweis auf Landschaftsgekritzel. / Testament gemacht.“

Wolfgang Herrndorf auf der Buchmesse in Leipzig (Archivfoto vom 24.03.2007).

Fast mit angehaltenem Atem verfolgen viele Menschen in dieser Zeit den Blog, der unter dem Titel „Arbeit und Struktur“ jeden Tag neue Botschaften eines langsam Verschwindenden öffentlich macht. Durch sein Internet-Tagebuch schafft Herrndorf sich ein den Alltag ordnendes Gerüst, das ihn vorm Zusammenbruch bewahrt. Er schreibt wie Scheherazade einst erzählt hat: um den Tod auf Distanz zu halten.

Dass man es aushält, diesen Blog zu lesen, sich so einzulassen auf einen Menschen, den man persönlich ja gar nicht kennt, liegt an Herrndorfs Humor, seiner Ehrlichkeit, die nie larmoyant ist. An seiner Haltung, die immer ein bisschen selbstironisch schimmert, etwas so Altmodisches wie Würde ausstrahlt und gleichwohl alle Verzweiflung in sich trägt.

Anschreiben gegen den Tod

Herrndorfs zwischen 2010 und 2013 im Internet veröffentlichte Mitschrift eines Lebens am Abgrund ist verstörend, die eigene Wahrnehmung neu justierend, poetisch, traurig, voller Glücksmomente und manchmal von melancholischer Heiterkeit. Pathos geht Herrndorf gänzlich ab, Larmoyanz ist ihm ein Fremdwort. Seine Sprache ist von bestechender Klarheit und literarischer Wucht; und in ihrem Kern findet sich oft eine erschütternde Wahrhaftigkeit.

Nicht nur ihm, auch seinen Freunden und Lesern gibt das Tagebuch Halt. Immer wieder klickt man sich auf die Seite, um sicher zu gehen, dass Herrndorf weiterhin seine Gedanken notiert. Diese Notizen sind Lebenszeichen, und das Schreiben, Wahrnehmen, Nachdenken, Urteilen für den Autor eine Lebensversicherung. Solange da Worte stehen, ist nichts zu Ende. Hinauszögern des Unausweichlichen: Jedes Tagebuch ist auch ein Anschreiben gegen den Tod. Für das Herrndorfsche gilt das ganz besonders. „Es beginnt: das Leben in der Gegenwart.“

Kein Internet-Tagebuch wird so intensiv gelesen wie das von Wolfgang Herrndorf – vielleicht einmal abgesehen von Rainald Goetz‘ „Abfall für alle“ Ende der neunziger Jahre. Und keines hat solch eine immense Suggestionskraft. Die rührt nicht alleine vom ständig präsenten, unausweichlichen Endpunkt des Textes, der ja in jeder einzelnen Zeile schon angelegt ist. Sondern mehr noch von der Sprache des Autors: Mit großer Nüchternheit registriert er die Veränderungen an sich, erinnert sich an die Kindheit, an prägende Erlebnisse und Freunde, an sinnlos verstrichene Jahre und unerwiderte Lieben; er erzählt von Büchern, die ihm etwas bedeuten und die er wiederliest. Sein literaturkritisches Urteil ist scharf und von einer Sehnsucht getrieben, dem Geheimnis von Texten auf die Spur zu kommen, um darin existenziellen Trost zu finden und die Erkenntnisse für seine unaufhörlich fortgesetzte Arbeit fruchtbar zu machen. Wenn er sein kritisches Instrumentarium auf Eigenes anwendet, auf früher Geschriebenes oder Gezeichnetes, dann ist er schonungslos.

Literaturhinweise

Wolfgang Herrndorf: Gesamtausgabe. Rowohlt Berlin. 1840 Seiten. 49 Euro. Alle erwähnten Bücher sind auch in Einzelausgaben als Taschenbuch erhältlich.

„Arbeit und Struktur“ ist niemals weinerlich, niemals zornig. Dafür sorgt in diesen fein gearbeiteten, poetischen Aufzeichnungen schon Herrndorfs düsterer Humor, in den Absurdes und Melancholisches eingraviert sind. „Liste von Dingen, die besser geworden sind: nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt. Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen.“

Herrndorf erzählt von einem Leben, das von der Krankheit zwar gelenkt wird, das die Krankheit aber nicht zu zerstören vermag. Er erzählt vom Fußballspielen und von den schwebenden Glücksgefühlen beim Schwimmen im Berliner Plötzensee oder im Meer. Von der Verausgabung bei der Arbeit und der Erleichterung, die diese Verausgabung ihm verschafft. Bis zuletzt arbeitet er noch an einem Manuskript mit dem Arbeitstitel „Isa“. 2012 und 2013 verschlechtert sich sein Zustand fast täglich; immer öfter berichtet Herrndorf von ihn peinigenden Sprachausfällen, epileptischen Anfällen, von permanenten Kopfschmerzen, psychischen Zusammenbrüchen. Am 11. August dieses Jahres, knapp zwei Wochen vor seinem Tod, schreibt er: „August, September, Oktober, November, Dezember, Schnee. Jeder morgen, jeder Abend. Ich bin sehr zu viel.“

Die Panikattacken niederschießen

Herrndorf entwickelt von Anfang an Strategien, mit dem Unvorstellbaren und mit der Angst umzugehen. Ganz zu Beginn des Blogs imaginiert er eine Walther PPK, mit der er jeden unliebsamen Gedanken, jede Panikattacke niederschießt. Die Pistole, die zunächst nur im Kopf da ist, wird schon bald ganz konkret. Er besorgt sie sich auf dubiosem Weg. „17.9.2011 18:29. Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realität geschraubt. Das Gewicht, das feine Holz, das brünierte Metall. Mit dem Macbook zusammen der schönste Gegenstand, den ich in meinem Leben besessen habe.“ Das Tagebuch als Chronik eines angekündigten Freitods. Der Revolver als Ausweg.

Oft denkt Herrndorf nach über Plätze, an denen er sich töten wird – immer sind es Orte am Wasser, am Fluss, am See. Am 27. August 2013 erschießt sich Wolfgang Herrndorf im Alter von 48 Jahren am Ufer des Hohenzollernkanals in Berlin unweit seiner Wohnung. Er will nicht, dass die Krankheit ihn in den Zustand versetzt, nicht mehr selbst über sein Leben bestimmen zu können. Die Raumforderung hat Macht. Aber sie soll nicht das letzte Wort haben.

„Arbeit und Struktur“ wurde 2013, kurz nach Herrndorfs Tod, als Buch veröffentlicht. Es ist sein wichtigstes, bestes Werk – und das soll etwas heißen nach den Romanen „Tschick“ und „Sand“ und nach den Büchern „Bilder einer großen Liebe“ und „Stimmen“, die seit 2013 aus dem Nachlass erschienen sind. (Ulrich Rüdenauer)

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