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Nachruf auf Wolf Schneider: Den Ochsen gerade vor den Kopf schlagen

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Von: Sylvia Staude

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„Wenn er einem die Übungstexte zurückgab, waren sie einerseits voller Korrekturen und Randbemerkungen, genau wie in der Schule. Andererseits hatte er meistens verflixt recht.“
Wolf Schneider. © dpa

Zum Tod Wolf Schneiders, der nicht nachließ, schlechte Sprache zu kritisieren, und meistens recht hatte.

Zuallererst einen „Sprachkritiker“ nannten die Agenturen den Journalisten Wolf Schneider, als sie am Freitagvormittag seinen Tod meldeten – und in der Tat hat das Nachdenken über Sprache und, untrennbar, gutes Schreiben, den Verlagsleiter, Chefredakteur, Talkshow-Host wohl am meisten und ausdauerndsten beschäftigt. Was er kritisierte, dabei stets auf klarere, präzisere, weniger klischeehafte Möglichkeiten hinweisend, war vor allem der Gebrauch des Deutschen durch die, die es schreibend nutzen. Die Autorin, die ihre Ausbildung in Hamburg an der von 1979 bis 1995 von Wolf Schneider geleiteten Henri-Nannen-Schule erhielt, hat immer noch im Ohr, wie er seine Lehrlinge beschwor: „Schlagen Sie den Ochsen gerade vor den Kopf“. Dieser Satz hatte nichts mit Schlacht-Methoden zu tun, sondern sollte uns beibringen, Klartext zu reden in einer klaren Sprache. Übrigens hatte Schneider nichts gegen Wortwiederholungen, sie waren ihm lieber als zwanghafte Abwechslung wie Seine-Stadt oder gar, horreur, Stadt der Liebe.

Wolf Schneider: Eimerweise Erfahrung als Journalist

Als Wolf Schneider, geboren 1925 in Erfurt, der erste Leiter der Journalistenschule wurde – er nannte sie das „Westpoint des Journalismus“, soviel (angebrachtes) Selbstlob musste sein –, hatte er schon alle nur möglichen Stationen eines Journalistenlebens durchlaufen. Er war bei einer Nachrichtenagentur (AP) gewesen, dann Washington-Korrespondent („Süddeutsche Zeitung“), Chef vom Dienst und Verlagsleiter („Stern“), Chefredakteur („Welt“). Letzteres nur kurz, wegen eines Pinochet-kritischen Kommentars. Eimerweise Praxiserfahrung brachte er also mit in seine Lehrtätigkeit, nicht zuletzt auch die Beziehungen, um die renommiertesten Gastdozenten und (ein paar wenige) Gastdozentinnen zu holen.

Apropos Frauen: das Geschlechterverhältnis in den Kursen der Hamburger Journalistenschule war schon früh recht ausgewogen, das lag sicherlich an der fortschrittlichen, klugen Entscheidung, den sich Bewerbenden beim Eintreffen der Briefe eine Nummer zuzuweisen, und nur die Sekretärin durfte wissen, wer sich dahinter verbarg.

Wolf Schneider: pedantisch und konservativ

Aber zurück zum Sprachlehrer Wolf Schneider, dessen Bücher – selbst wenn sie den Titel „Deutsch für Profis“ trugen – eben nicht nur für Profis geschrieben waren, sondern für alle, die sich präzise verständlich machen wollten.

Er war pedantisch, durch und durch konservativ (in Starnberg kandidierte er einmal, erfolglos, für die FDP). Er ritt auch manches Steckenpferd, war zum Beispiel ein Verächter von Adjektiven, aber seine Schule war auch keine Lehranstalt fürs höhere Feuilleton. Sondern für sprachliche Sorgfalt. Punkt. Wenn er einem die Übungstexte zurückgab, waren sie einerseits voller Korrekturen und Randbemerkungen, genau wie in der Schule. Andererseits hatte er meistens verflixt recht. Was man sich eingestehen musste, nachdem man innerlich mit den Augen gerollt hatte.

Wollten wir, so fragte er uns ein ums andere Mal, dass unsere Leser (Leserinnen natürlich auch) uns verstehen? Wollten wir ihnen, was Politiker oft absichtlich verschwurbelt ausdrücken, unmissverständlich zusammenfassen? Und würden wir uns bitte stets angemessen distanzieren? Oder können wir hineinschauen in die Köpfe dieser Menschen?

Es gibt leider immer mehr Anlässe, an Wolf Schneider und seine Grundsätze zu denken. Möge er im Grab nicht allzu sehr rotieren.

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