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Es war immer noch nötig: Demonstration für das Frauen-Wahlrecht 1912 in Berlin. PA/dpa
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Es war immer noch nötig: Demonstration für das Frauen-Wahlrecht 1912 in Berlin.

1871 Reichsgründung

Wo sind die Denkmäler für die Heldinnen der Frauenbewegung?

  • VonDorothee Linnemann
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Das Frauenwahlrecht ist eine Errungenschaft des deutschen Kaiserreichs. Eine angemessene Würdigung der ersten deutschen Frauenbewegung ist weiterhin überfällig.

  • Bis zum Frauenwahlrecht in Deutschland war es ein langer und beschwerlicher Weg.
  • Die Bewegung wurzelte im Kaiserreich, das Frauenwahlrecht ist ein Erbe aus dieser Zeit.
  • Mit Denkmälern sollte den Heldinnen, die für ihre Rechte kämpften, gedacht werden.

Die Frauen fordern das Stimmrecht als ihr Recht. Warum soll ich erst beweisen, daß ich ein Recht dazu habe? (...) Der Mann bedarf, um das Stimmrecht zu üben, eines bestimmten Wohnsitzes, eines bestimmten Alters, eines Besitzes, warum braucht die Frau noch mehr?“

1876 legte die Schriftstellerin Hedwig Dohm in ihrem Werk „Der Frauen Natur und Recht“ ihre radikale Haltung gegenüber der aktuellen Lage offen. Am 1. Januar 1871 war mit einer Verfassung das „Deutsche Reich“ gegründet worden, bekräftigt durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles. Für damalige Verhältnisse galt der deutsche Nationalstaat in Form einer konstitutionellen Monarchie als unerhört modern. Das betonte auch Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Rede zum 150. Jubiläumstag: „Das im Deutschen Reich eingeführte allgemeine Wahlrecht für Männer galt als das fortschrittlichste seiner Zeit.“ Genau dieser historische Moment war aber auch ein Affront: Männer wurden immer gleicher und die Tatsache, dass Frauen die Freiheits- und Gleichheitsrechte vorenthalten wurden, zementierte sich weiter.

Frauen sollten damals im Hintergrund bleiben – Kinder und Haushalt blieben ihr Metier

Die Hoffnung, die die frühen Frauenrechtlerinnen in einen politischen Wandel gesetzt hatten, wurde nicht erfüllt. Die Grande Dame der Frauenbewegung, Louise Otto-Peters, hatte im Übrigen schon in der 1848er-Revolution erfolglos das Wahlrecht für Frauen gefordert. Sie war dafür angefeindet und mit einer Zensur ihrer politischen Zeitschrift belegt worden.

Die ungleiche bürgerliche Rollenverteilung setzte sich auch rund 25 Jahre später als öffentliches Idealbild fort: Der Mann sollte als Haupternährer der Familie in Beruf und Öffentlichkeit wirken, während die Frau im Privaten Kindererziehung und Haushalt zu leisten hatte und dem Ehemann eine häusliche Geborgenheit bieten sollte.

Das Bürgerliche Gesetzbuch brachte keine Besserung

Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs hatten Mädchen weiterhin keine Chancen auf höhere Schulbildung oder ein Studium. Bürgerliche Mädchen sollten für ihre Rolle als Ehe- und Hausfrau erzogen werden. Arbeiterinnen, die für das Familieneinkommen mitarbeiteten, wurden in den Fabriken als ungelernte Kräfte ausgebeutet. Ledige Frauen galten als Rollenversagerinnen und mussten in den begrenzten Möglichkeiten eine existenzsichernde Nische finden, entweder als Haushälterinnen ihrer Eltern oder Geschwister, als Hausmädchen, Fabrikarbeiterin oder in erzieherischen Berufen.

Das 1900 eingeführte Bürgerliche Gesetzbuch schrieb gegen die Widerstände der Frauenbewegung den Zustand rechtlicher Ungleichheit fort: Die Frau galt als nicht voll geschäftsfähig. Vater, Bruder oder Ehemann vertraten die Rechte ihrer Töchter, Schwestern oder Ehefrauen. Verheiratete Frauen hatten keine freie Verfügung über ihr in die Ehe eingebrachtes Vermögen, ihren Körper oder eine berufliche Betätigung. Es sah düster aus für die eine Hälfte der Bevölkerung nicht erst und nicht nur im ersten Jahr des Kaiserreichs.

Louise Otto Peters als Vorreiterin der Frauenbewegung

Seit der bitteren Erfahrung von 1871 mussten Frauenrechtlerinnen immer wieder feststellen, dass die Erlangung von sozialer und rechtlicher Gleichheit nicht durchsetzbar war ohne politische Mitbestimmung. Damit aber diesen Forderungen kein Nachdruck verliehen werden konnte, wurden die Frauen zunächst an jeder politischen Teilhabe gehindert. Die in den Ländern des Deutschen Bundes bestehenden Vereinsgesetze wirkten über 1871 fort und verboten Frauen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und Parteien sowie die Teilnahme an politischen Versammlungen. Zudem trieb das von 1879 bis 1890 geltende „Sozialistengesetz“ die proletarische Frauenbewegung in die Illegalität. Es sollte deshalb noch bis in die späten 1880er Jahre dauern, bis sich die Frauenbewegung formierte.

Die aus den Revolutionsbewegungen von 1789 und 1848 entstandenen Ideen und Organisierungen ließen sich aber nicht mehr unterdrücken. Als das deutsche Kaiserreich gegründet wurde, hatte die Frauenbewegung schon einen Gründungsakt gefeiert. Die 1848er-Revolutionärin Louise Otto Peters hatte mit weiteren Frauen in Leipzig 1865 auf einer Konferenz den Allgemeinen Deutschen Frauenverein gegründet, der zu einem großen Sammelverband der bürgerlichen Frauenbewegung werden sollte. Zahlreiche Vereine und Verbände sollten sich fortan für bessere Bildung und Ausbildung, Arbeitsschutz, körperliche Selbstbestimmung und 1902 mit dem ersten Frauenstimmrechtsverein auch offen für das Wahlrecht einsetzen. Schließlich erreichten sie durch Petitionen, Demonstrationen, journalistische und wissenschaftliche Aufklärung sowie Streiks um 1900 Zugänge zu höherer Bildung und Ausbildungen sowie Zulassungen zum Studium. 1908 konnte das Verbot, sich in politischen Vereinen, Versammlungen oder Parteien zu betätigen, zu Fall gebracht, 1918 schließlich das Frauenwahlrecht durchgesetzt werden.

Antidemokratische Strömungen in der Frauenrechtsbewegung

Nicht alle Frauenrechtlerinnen, die für sich bürgerliche Rechte und Gleichheit einforderten, setzen sich für andere Ausgegrenzte ein. Kolonialismus, rassistische Unterdrückung sowie Antisemitismus wurde nicht von allen Frauenrechtlerinnen als Teil ihres Kampfes betrachtet oder abgelehnt. Und ein rechtskonservativer Teil der Frauenbewegung war und blieb monarchistisch und antidemokratisch, auch nach 1918.

Das Kaiserreich band die Männer mit ihrem Wahlrecht an die Nation und fixierte darauf auch Frauenrechtlerinnen in ihrem Kampf um das gleiche Wahlrecht. Es erstaunt kaum, dass zu Beginn des Ersten Weltkrieges sich auch die Frauenrechtlerinnen in der Mehrheit unter der Losung Kaiser Wilhelms II. – „Ich sehe keine Parteien mehr, ich sehe nur noch Deutsche“ – zusammenfanden und eigene Forderungen nach Emanzipation zurückstellten.

Innere Einheit wurde gestützt durch massive zivile Kriegsunterstützung. Die Erwartung war: Wo Staatspflichten erfüllt wurden, sollten Staatsrechte folgen. Und hier sollte das Kaisertum erneut enttäuschen. In der Osterbotschaft des Kaisers 1917 wurde mit Reformversprechen zum Durchhalten und Zusammenhalt aufgerufen. Das Frauenwahlrecht war wieder nicht genannt. Das führte schließlich zur Aufkündigung des sogenannten „Burgfriedens“ durch den bisher moderaten Bund deutscher Frauenvereine, der das vollumfängliche Wahlrecht nun öffentlich einforderte. Demonstrationen und Aktionen begannen noch während des Kriegs und bereiteten ebenfalls den Weg zur Novemberrevolution 1918.

Internationale Zusammenschlüsse von Frauenrechtlerinnen

Fruchtbares Erbe der Frauenbewegung ist die dem Nationalismus entgegenstehende Internationalität und Solidarität vieler Teile der Frauenbewegung. In Europa gab es 1871 für Frauen nirgendwo ein gleiches Wahlrecht auf Staatsebene. Die Vorstellung, dass Frauenrechte Menschenrechte seien, bot das Nationengrenzen überwindende Moment. Kongresse und Reisen förderten Netzwerke: Die Gründung des ersten deutschen Frauenstimmrechtsvereins 1902 erfolgte, weil in Washington eine internationale Frauenstimmrechtskonferenz stattfinden sollte, und die deutsche Frauenbewegung ohne eine entsprechende Organisation nicht hätte teilnehmen können.

Mit Blick auf die britischen Suffragetten wurde in der deutschen Frauenbewegung ab 1900 heftig über radikale Aktionen gestritten, und es gab erstmals Demonstrationen von Frauen in der Öffentlichkeit. 1904 gründete sich in Berlin auf einem Weltkongress der Weltbund für Frauenstimmrecht (International Women’s Suffrage Alliance, IWSA). Die deutsche Arbeiterinnenbewegung, vertreten durch Clara Zetkin, brachte auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen die Idee ein, einen internationalen Frauentag für das Frauenwahlrecht weltweit zu veranstalten, der bis heute am 8. März stattfindet. Eine nicht geringe Anzahl von Akteurinnen wie Anita Augspurg, Anna Edinger, Rosa Luxemburg, Tony Sender oder Clara Zetkin wagten es, sich auf internationalen Konferenzen und mit öffentlichen Auftritten gegen den Ersten Weltkrieg zu stellen.

Diese innerhalb von 50 Jahren so erfolgreiche Emanzipationsentwicklung ist nicht den politischen Institutionen und Politikern des Kaiserreichs zu verdanken, sondern dem öffentlichen Druck und der Aufklärung der Frauenbewegung, die sich bis 1900 trotz der Unterdrückung als zweite große Massenbewegung neben der Arbeiterbewegung konstituiert hatte. Der 1894 gegründete zweite große Dachverband der Frauenvereine, der „Bund deutscher Frauenvereine“ (BDF), zählte 1910 rund 500 000 Mitglieder (mehr als heute CDU oder SPD).

Die Frauenbewegung ist ein Erbe des Kaiserreichs

Weder die deutsche Frauenbewegung, ihr Kampf um das Frauenwahlrecht noch eine einzelne Frau sind in der Rede des Bundespräsidenten genannt worden. Anderes wurde hervorgehoben: „Wir Deutschen stehen dem Kaiserreich heute so beziehungslos gegenüber wie den Denkmalen und Statuen von Königen, Kaisern und Feldherren aus dieser Epoche. Sie sind (…) im Stadtbild präsent, aber sie entfalten keine prägende Kraft. Es scheint eine stumm gewordene Kulisse zu sein, die den meisten nichts mehr sagt.“

2018/19 wurde das 100. Jubiläum der Einführung des Frauenwahlrechts gefeiert. Die Erinnerungskultur sollte den befragenden Blick von Königen, Kaisern und Feldherren sowie ihren Statuen abwenden. Wenn es am Kaiserreich etwas zu erinnern und auch zu feiern gilt, dann die Frauenbewegung. Denkmäler sollten für ihre Protagonistinnen aufgestellt werden.

Die Autorin ist Historikerin und seit 2020 Sammlungskuratorin für Fotografie und Grafik am Historischen Museum Frankfurt (HMF). Zuletzt war sie an der Neukonzeption der Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ im HMF mitbeteiligt und kuratierte u.a. die dortige Sonderausstellung „Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht“ (2018/19).

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