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„Dante und die drei Jenseitsreiche“ (1465) von Domenico di Michelino.
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„Dante und die drei Jenseitsreiche“ (1465) von Domenico di Michelino.

Philosoph

Wo ist Dante? On the road, könnte man sagen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vor siebenhundert Jahren starb im Exil in Ravenna der Dichter-Philosoph Dante Alighieri.

Wo ist Dante? – Wo soll er schon sein? Er ist tot, antwortet der aufgeklärte Zeitgenosse. Das geht natürlich an Dante vollkommen vorbei. Sein Hauptwerk, die sogenannte „Göttliche Komödie“, beschäftigt sich nahezu ausschließlich mit den Aufenthaltsorten der Toten. Es erzählt die Geschichten, die sie in Hölle, Fegefeuer, Paradies geführt haben. „Geschichten“ ist in den meisten Fällen eine horrende Übertreibung. Da genügen ein Satz, ja ein Wort. „Epikuräer“ zum Beispiel. Aber immer wieder gibt es dann doch längere Geschichten, die in den vergangenen Jahrhunderten Dichter und Maler tief beeindruckt haben. Aber wo ist Dante?

Eine Zwischenbemerkung zur Rede von der „Göttlichen Komödie“. Kurt Flasch schreibt in seinem Nachwort zu Erich Auerbachs „Dante als Dichter der irdischen Welt“: „Dante hat sein Weltgedicht ‚Commedia‘ genannt, weil es den Weg vom Elend zur Seligkeit beschreibt und im niederen Stil der Volkssprache gehalten sei, aber niemals hat er es als „göttlich“ bezeichnet. Diesen Zusatz bekam sein Buchtitel erst 1555. Sein Werk hat also nichts zu tun mit modernen Entgegensetzungen zwischen „göttlicher“ und „menschlicher“ Komödie, die sich teils an Boccaccio, teils an Balzac festmachen.“

Wo ist Dante? Er erzählt in seinen Gedichten von sich

Wo ist Dante? Wo sonst als in seinen Texten, antworten die Leserin und der Leser. Das ist Dante, geboren 1265, mehr als die meisten anderen Dichter. Er erzählt in seinen kleinen und in seinen großen Gedichten von sich. In seiner „Commedia“ erzählt er von seiner Reise durch Hölle, Fegefeuer und Paradies. Er ist er. Da gibt es kein vertun. Der US-amerikanische Danteforscher Charles Singleton erklärt: „Die größte Fiktion der Göttlichen Komödie ist, dass sie keine Fiktion ist.“ Ist einem das klar, versteht man die Faszination, die Dante immer wieder ausübte. Besonders auf Autoren wie Eliot, Joyce, Mandelstam, Pound und Borges. Sie entdeckten Dante für das 20. Jahrhundert neu.

An Dante werden sie reizvoll gefunden haben, dass er einen großen, Leben und Tod umspannenden Entwurf mit einer nahezu jeden Vers umspielenden Detailfreude verband. Dass Konstruktion und Lebendigkeit der Darstellung keine Gegensätze sein mussten, war bei Dante zu lernen. Ideologie und Kunst schlossen einander nicht aus. Das kam einigen dieser Autoren sehr entgegen. Auch Dantes Christlichkeit verbarrikadierte für sie – anders als für Voltaire – nicht nur nicht den Zugang zu Dante, sondern ebnete im Gegenteil den Weg zu ihm.

Für T. S. Eliot zum Beispiel war nach dem Ersten Weltkrieg eine Erneuerung der Kultur nur denkbar als eine Rückbesinnung auf die christliche Religion. Man hat, was „Moderne“ bedeutet, nicht verstanden, wenn man nicht auch das sieht und die Rolle Dantes darin.

Dass Dante tief im Mittellateinischen steckt ist Hindernis für seine Rezeption

In seinem Dante-Essay von 1929 schreibt Eliot darüber, wie überraschend leicht verständlich Dante sei. Der Florentiner sei der Autor einer Epoche, in der Europa noch nicht in verschiedene Nationen zerfallen war. Das erleichtere den Zugang zu ihm. Dantes Italienisch stecke noch sehr im Mittellateinischen. „Um irgendwelche französische oder deutsche Dichtung zu genießen“, schrieb Eliot, „muss man, glaube ich, einige Sympathie mit dem französischen oder dem deutschen Geist haben. Dante, obwohl nicht weniger Italiener und Patriot, ist in erster Linie Europäer.“

Ein Europa freilich, zu dem kein Weg mehr zurückführt. Dass Dante noch so tief im Mittellateinischen steckt, ist heute nicht nur europaweit, sondern auch in Italien ein Hindernis für seine Rezeption. Eliots Diktum von der leichten Verständlichkeit Dantes ist natürlich mit „tongue in cheek“ gesprochen, mit einem Augenzwinkern also.

Dante gehört zu den schwierigsten Autoren der europäischen Literatur. Die Mehrdeutigkeit ist bei ihm Programm. Ganze Generationen von Dante-Philologen haben sich angestrengt, seine Allegorien zu entschlüsseln. Das nahm so überhand, dass Erich Auerbach ebenfalls 1929 dagegen setzte: „Dante als Dichter der irdischen Welt.“

Dante erzählt vom ersten Kreis der Hölle

Dante hat Jenseitswelten mal ausgemalt, mal erfunden, von denen aus er auf sich und die Seinen blickt. Auf den Gang von Geschichte, Philosophie, Theologie und Poesie. Je mehr es ihm gelang, alles in einem Satz, in einem Bild, ja in einem Wort unterzubringen, desto mehr fühlte er sich als Poet, als Schöpfer.

Ein schönes Beispiel ist der vierte Canto des Inferno. Dante erzählt darin vom ersten Kreis der Hölle, von einer Burg, die zu erreichen man durch sieben Tore, sieben Mauern passieren muss. In dieser jenseitigen Burg befindet sich „eine Wiese mit frischem Grün. Menschen blickten dort mit langsamen und ernsten Augen, von großer Würde in ihrer äußeren Erscheinung; Sie sprachen wenig, mit sanfter Stimme.“

Die sieben Tore werden als die sieben freien Künste gedeutet, durch die man zur Wissenschaft kommt. Dantes Sohn Pietro, von dem einer der ersten Kommentare zur „Commedia“ stammt, waren es die sieben Zweige der Philosophie. Ein gebildeter Dante-Leser wird aber nicht umhinkommen daran zu denken, wie der Meister selbst die sieben freien Künste mit den ersten sieben Himmeln des Paradieses verband (Mond – Grammatik; Merkur – Dialektik; Venus – Rhetorik; Sonne – Arithmetik; Mars – Musik; Jupiter – Geometrie; Saturn – Astronomie). Das Assoziationsfeld umspannt bei Dante immer wieder das ganze Werk. Aber man kann beim Lesen nie mit Sicherheit sagen, wo man statt von Dantes Fantasie von der eigenen spricht.

Möglichst viele Funken schlagen

In dieser Burg leben Elektra, Hektor und Aeneas. Wir sind mitten im Trojanischen Krieg. Warum sollen die sieben Tore nicht auch eine Anspielung auf das „siebentorige Theben“ sein, das die meisten Griechen nach Troja entsandte? Es geht nicht darum, die eine gegen die andere Assoziation auszuspielen, sondern darum, möglichst viele Funken zu schlagen. In der Burg sind auch unter anderen noch Caesar, Camilla, Penthesilea, „und allein abseits, sah ich Saladin. Als ich dann die Brauen ein wenig hob, sah ich den Meister derer, die wissen, in der Familie der Philosophen sitzen“. Also Aristoteles umgeben von Sokrates und Plato, von Demokrit, Diogenes usw usw. Dante sah auch Orpheus, Cicero, Seneca, Euklid und Galen. Und mitten unter ihnen: Avicenna und Averroes. Sie werden nicht als islamische Philosophen gekennzeichnet. Sie sind Teil der europäischen Kultur.

Und wo ist Dante? On the road, könnte man sagen. Und man hätte recht. Er führt durch Höllen und Himmel, die sein Geschenk sind, wie die Götter das des Homer waren. Vor der Burg war Dante – von Vergil geführt – auf eine Gruppe von Herren gestoßen, die ihn aufnahmen als einen der ihren: Homer, Horaz, Ovid und Lukan. Vergil erklärt Dante, das sei sein Ort im Jenseits und wenn er Dante an Beatrice übergeben habe, werde er wieder hierher zurückkehren. Ist das Dantes Ort?

Wir sind im Limbus. Das ist jener Ort, an den die Seelen ungetauft verstorbener Kinder kommen oder eben besonders hervorragende Exemplare des Menschengeschlechts, die vor Christi Geburt geboren wurden, also keine Chance hatten, sich zu Christus bekehren zu können. Der Limbus kann nicht Dantes jenseitiger Aufenthaltsort sein. Er hat nur die Chance, verdammt oder selig zu sein.

Dante und die Frauen - ein viel besprochenes Thema

Seine „Commedia“ hat nicht nur ein Happyend. Sie soll auch ihm ein Happyend verschaffen. Wenn Homer oder Vergil mit ihren Epen es schafften, in den Limbus – einen Ort ohne Qualen und ohne Freuden – zu kommen, so wird er mit seinem christlichen Epos es unter die Seligen schaffen.

Beatrice wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Dante und die Frauen ist ein viel besprochenes Thema. Das Zusammenspiel von himmlischer und irdischer Liebe ist es auch. Dantes Beatrice ist das Urbild von Goethes „das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“. Wobei davon auszugehen ist, dass den beiden sehr unterschiedliche Erscheinungsformen des „Ewig-Weiblichen“ vor Augen standen. Dantes ständiges Lobpreisen der Keuschheit der Geliebten erscheint uns heute als Ausdruck der Verachtung weiblicher Sexualität. Der Gott Dantes hat sich nicht viel gedacht bei der Kreation der Sexualorgane.

Aber blicken wir noch auf etwas anderes in Dantes Göttlicher Komödie. Dante unterscheidet nicht zwischen Fakt und Fiktion. Es ist, als redeten wir über Neil Armstrong wie über Captain Kirk, über David Copperfield wie über Harry Potter. Dante behandelt die Helden der alten Epen, als hätten sie wirklich gelebt. Sie haben Seelen wie ihre Autoren. Sie sind aber nicht mit diesen zusammen, sondern jede der fiktiven Figuren ist an ihrem Ort je nach ihren Taten. Die Geschöpfe der Dichter sind nicht zu unterscheiden von denen Gottes.

Dante kehrte nie nach Florenz zurück

Das ist der das ganze Werk durchziehende Stolz des frommen Dante Alighieri. Ein Stolz, den ihm Beatrice vorhalten wird. Darin drückt sich aber auch die Einsicht aus, dass unsere Fantasie ebenso mächtig sein kann wie die Wirklichkeit. Dante ist der Sänger virtueller Realitäten. So gesehen spielt er Zukunftsmusik. Engel sind womöglich auch nur Transhumane.

Jetzt habe ich wieder über die „Commedia“ geschrieben statt über Dante, der ja auch der Autor anderer Gedichte und auch einer Reihe großer Essays ist, mit denen er literarisch und politisch Furore machte. Im März 1302 wurde Dante, der die Stadt verlassen hatte, gemeinsam mit 14 anderen „Parteifreunden“ für den Fall seiner Rückkehr in die Stadt oder für den Fall seiner anderweitigen Verhaftung zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Dante kehrte nie nach Florenz zurück. Dantes Italienisch ist eine Sprache des Exils.

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